Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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die Verantwortung scheuend, sondern offen die Verantwortlichkeit ganz auf sich nehmend. Mit den bisherigen Fonds, die der zionistischen Organisation zur Verfügung stehen, ist das freilich nicht möglich. Die Schekelgelder werden durch die laufenden Ausgaben der Organisation mehr als aufgezehrt, so daß schon zur Unterstützung der Presse ein besonderer Preßfonds geschaffen werden mußte. Der im Vorjahr begründete Kulturfonds ist vorläufig so klein geblieben, daß kaum die halb zugesagten Subventionen der bestehenden Kulturinstitute davon gedeckt werden können: der Nationalfonds, der Parteifonds sowie der Pogromfonds kommen hierfür nicht in Betracht. Es bleibt also nichts übrig, als eine besondere Sammlung für derartige neue Zwecke zu veranstalten. Eine glückliche Kombination ist nun dadurch entstanden, daß allseitig der Wunsch vorhanden war, den bO. Geburtstag unseres politischen Führers Max Nordau durch eine Spende zu ehren, die unsere Bestrebungen im Sinne unseres Vorkämpfers fördern und gleichzeitig als Nordaustiftung einem speziellen Zwecke dienen sollte. Man dachte zuerst an eine Nordaukolonie, aber eine solche wäre nicht im Sinne eines so scharfen Gegners der Kleinkolonisation gewesen. Man dachte auch an eine Stiftung im Anschluß an den Nationalfonds, aber eine solche könnte natürlich nur für Landkauf in Betracht kommen, und es liegen augenblicklich keine dringenden Ziele und markanten Zwecke für solche Käufe vor, abgesehen davon, daß deren Effektuierung sich ja bekanntlich jahrelang hinzieht und nach den bisherigen Erfahrungen die Nutzbarmachung solcher Käufe vorläufig noch überaus schwierig und unsicher ist. So verfiel man denn auf einen kulturellen Zweck, der einerseits mit dem medizinischen Beruf des Jubilars in enger Verbindung steht und anderseits in weitestem Maße berufen ist, das Land Palästina für die Einwanderung vorzubereiten. Dachte man zuerst an ein hygienisches Institut, so einigte man sich bald, indem man den Rat Dr. Nordaus einholte, darauf noch mehr zu spezialisieren und ein Mikrobiologisches Institut in Palästina zu schaffen. Hierzu bedarf es keines großen Apparates, die Ansprüche eines solchen Instituts an Raum sind bescheiden, die Einrichtung ist bis auf die Mikroskope, die Thermostaten und Kühlräume wenig kostspielig, und die Zahl der angestellten Gelehrten läßt sich je nach den zur Verfügung stehenden Mitteln erweitern oder beschränken. Natürlich erfordert ein solches Institut ziemlich beträchtliche Mittel, wenn man es sogleich für die Ewigkeit sichern will, d. h. wenn man einen so großen Fonds schaffen will, daß die Zinsen das Institut zu erhalten vermögen. Aber das ist ja nicht nötig; hat man das Terrain, den Bau und die Einrichtung sowie den Betriebsfonds für vier Jahre, so wird man bezüglich der spätem Erhaltung des Instituts unbesorgt in die Zukunft schauen dürfen. Wird das Institut in den vier ersten Jahren nichts Ersprießliches geleistet haben, so verdient es nicht länger erhalten zu werden, hat es sich dann aber als nützlich und für die Entwicklung Palästinas wertvoll erwiesen, so wird es so populär geworden sein, daß eine erneute Sammlung das Institut auch für die Zukunft sicher stellt; ja vermutlich werden dann sogar die Stadtverwaltungen sowie die Regierungen, welche das Institut gewiß häufig benutzen werden, es durch moralische oder faktische Unterstützung zu halten suchen. Da wir nun im Nationalfonds ein Mittel haben, um dem Institut in ähnlicher Weise wie dem Bezalel ein Haus zur Verfügung zu stellen, bedarf es nur noch des Oeldes für die Einrichtung und den Betrieb. Nehmen wir die Kosten der Einrichtung nebst Apparaten zu 50000 Frcs.- und ebensoviel für die Bibliothek, ferner ein Jahresbudget von 25000 Frcs., so werden 200000 Frcs. genügen, um das Institut für etwa vier Jahre zu sichern, und eine solche Summe sollte nicht schwer sein, von den vielen Tausenden Zionisten zu erlangen, sei es, daß sie aus Interesse für die Sache oder aus Verehrung für die Person ihre Spende beisteuern. Wenn selbst für einen so wenig sympathischen Fonds wie es der Parteifonds ist, zu dem kein Zionist mit dem Herzen, sondern ausschließlich aus Verstandesgründen beisteuert, recht erhebliche Summen zusammen gekommen sind, wie viel mehr läßt sich von einer Sammlung erwarten, die jeden, der sich für Palästina interessiert, in hohem Maße sympathisch sein muß. Gilt es doch vor allem, das Land durch die Bekämpfung der Malaria einer Gesundung zuzuführen, gilt es doch, die verheerenden Seuchen, die periodisch von Indien über Arabien eingeschleppt werden, durch Überwachung der Pilgerstraßen und Aufspürung der ersten Infektionsherde im Keime zu ersticken, gilt es schließlich auch, die Tierseuchen zu bekämpfen, insbesondere die Rinderpest, die der Ausdehnung der Kolonisation ein so großes Hindernis bereitet. Auch die verschiedenen Krankheiten der Nutzpflanzen, die häufig ja so enorme Werte vernichten, soll dieses Institut zurückzudrängen versuchen. Wahrlich, Aufgaben gibt es genug! Es handelt sich vor allem um Uebertragung der in Europa ausgearbeiteten diagnostischen Methoden und Abwehrmaßregeln auf den Orient, was sich, selbstverständlich nicht ohne gewisse Abänderungen, wohl ermöglichenläßt. Ferner um Aufklärung und Belehrung der Eingeborenen, auf welche Weise sie sich zu schützen und zu wehren haben gegen die Eindringlinge aus den Klassen der Bakterien, Pilze, Protozoven usw. Schließlich soll aber das Institut auch eigene Forschungen anstellen bezüglich der dem Orient eigenen Menschen-, Tier- und Pflanzenkrankheiten. Wenn wir von der Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten absehen, die vielleicht besser an die landwirtschaftliche Versuchsstation angegliedert wird, so dürfte es sich vorläufig im wesentlichen nur um die Anstellung von zwei Gelehrten handeln, eines Bakteriologen, dem die Leitung des Instituts zufallen würde, sowie eines Tierarzneikundigen, der die Krankheiten der Tiere zu studieren und zu bekämpfen hätte; dazu würden dann etwa zwei Diener kommen, von denen der eine für Instandhaltung des Institutes, der andere für Hilfeleistung und Bedienung der Gelehrten sowie für die Pflege der Versuchstiere zu sorgen hätte. Über den Ort, wo das Institut seinen Sitz haben soll, kann ein Zweifel kaum obwalten. Der Platz muß so liegen, daß möglichst alle Teile Palästinas leicht zu erreichen sind, damit die Gelehrten bei Ausbruch einer Epidemie alsbald zugegen sein können, und damit schnell die nötigen Sera zum Einimpfen an die bedrohten Plätze gebracht werden können. Ein solcher Platz ist nur Haifa, von wo man in kurzer Zeit so-