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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 30 DIE ELT 661 für das Allgemeinmenschliche und das Nationale, sind sie einander auch ähnlich im ethischen Affekt, in ihrer Leidenschaftlichkeit für das Große und Qute. Nur im Temperament des Affekts, sozusagen, sind sie verschieden. Bei Herzl ist der Affekt verhalten, in verborgenen Tiefen, gleichsam seine Selbstoffenbarung scheuend, mit sich häufender, gesammelter Wucht auf die Tat hindrängend und in ihr allein sich kundgebend, bei Nordau machtvoll ausströmend, bewältigend, niederwerfend, von hinreißender Gewalt, so daß er jeden, in dessen Herzen verwandte Saiten erklingen, unwiderstehlich in den Bann seines starken Willens, seines klaren Geistes und seines leuchtend hellen, zündenden Wortes zieht. Bei der ersten Rede, die Nordau vor Jahren in Berlin in einer Volksversammlung hielt, hatten wir eine Empfindung, wie wir sie bei der Rede eines Menschen nie auch nur annähernd ähnlich kennen gelernt hatten. Und wir fühlten es deutlich, daß diese Wirkung weit mehr noch auf die edle Leidenschaftlichkeit, auf den elementaren ethischen Affekt des Sprechers, als auf die rhetorische Kraft und die ganz ungewöhnliche Wucht und Klarheit der Gedankenfülirung zurückzuführen war. Wäre für die Entscheidung in großen geschichtlichen Dingen nicht die eherne Macht der Verhältnisse und ihre Entwicklung zuletzt , ausschlaggebend, dann hätte man glauben mögen, daß eine Rundreise dieses Mannes in den führenden Judengemeinden Westeuropas hätte genügen müssen, um die zionistische Idee im Fluge zum Siege zu führen. Nordau, der Dichter, der Redner, mit der von einem hellsehenden Verstände geleiteten Einbildungskraft und dem leidenschaftlich erglühten ethischen Affekt, erinnert durch die Verbindung dieser Eigenschaften mehr als irgendein anderer unter den lebenden Juden an die alten israelitischen Propheten. Sollten wir dagegen nach einer Parallele für Herzl im alten Israel suchen, wir würden am ehesten an den König Josia denken, an jenen edlen, stolzen, hochgemuten König, der mit starkem Willen und mit starker Hand den Grund zu dem durch prophetischen Geist bestimmten, neuen Israel gelegt und wie Herzl, wenn auch in anderer Weise, in jungen Jahren das Opfer seines großen Wollens und seines heldenmütigen Tuns geworden ist. Und wenn man Herzl nachgesagt hat, daß er alles, was sich seinem starken entschiedenen Willen entgegenstellte, unbedenklich beiseite schob, so bietet der große königliche Reformator auch dafür die willkommensten Parallelen. Jenes große, das ganze Volksleben von Grund auf revolutionierende Werk des ruhig-stolzen, kühnen, edlen, persönlich anspruchslosen und demütigen Königs war ohne einen unbeugsamen, allen schwächlichen Rücksichten aus Liebe zum ganzen Volke sich energisch verschließenden Willen gar nicht durchzuführen. Und jetzt, da eben Herzls Todestag wiedergekehrt war, dürfen wir auch wohl daran erinnern, daß der so frühe Heimgang Josias und Herzls die gleiche namenlose Trauer und Bestürzung in den Herzen der Besten ihres Volkes hervorgerufen hat. Zu glücklicher Vorbedeutung steht Moses Mendelssohn, der sein jüdisches Bewußtsein nicht an die moderne Kultur verlor, an der Schwelle der kulturellen Erneuerung des Judentums. Zu glücklicher Vorbedeutung stehen auch Herzl und Nordau am Anfang des sich national wieder aufrichtenden jüdischen Volkes. -.(,. y , 1 •.-.,■(! *«r r. ,y MAX NORDAUS ZIONISTISCHE SCHRIFTEN Herausgegeben vom Zionistischen Aktionskomitee. Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1909 Es war ein sinniger, glücklicher Gedanke des Zionistischen Aktionskomitees, anläßlich des 60. Geburtstages Max Nordaus nicht nur dessen zahlreichen Verehrern Veranlassung zu geben, ihrer Freude und ihrem Danke durch Unterstützung und Schaffung zionistischer Institutionen Ausdruck zu verleihen, sondern auch dem jüdischen Volke, dem das Jubiläum Nordaus als Feiertag gilt, ein Festgeschenk darzubieten. In einem gediegenen und geschmackvoll ausgestatteten, mit dem Porträt des Jubilars geschmückten Bande von über 400 Seiten sind die zionistischen Reden und Aufsätze Nordaus gesammelt. Es ehrt den Jüdischen Verlag, wie dieser den Meister ehrt, wenn durch Festsetzung eines erstaunlich niedern Kaufpreises die Beschaffung des Buches den weitesten Kreisen ermöglicht wird. Die Sammlung enthält neben den Kongreßreden Vorträge, Abhandlungen, Zeitungsaufsätze, darunter einige, die bisher wenig gekannt, zum erstenmal einem breitern Leserkreise zugänglich gemacht werden. Die Lektüre des Buches belebt in der Erinnerung Szenen von unvergleichlich dramatischer Wucht und Grandiosität. Im heißen Kongreßsaale stehen Tausende dicht gedrängt, bald atemlos den Worten des Redners lauschend, bald in tosenden Beifallstürmen die von Begeisterung geschwellte Brust befreiend. Oder wir genießen die Nachempfindung jenes Gefühls von erhebender Befriedigung, das in uns stets ausgelöst wurde, wenn Nordau in Rede oder Schrift zu den zionistischen Tageskämpfen das Wort nahm, aufklärend, angreifend, abwehrend, aneifernd, beschwichtigend. Die sprachliche Kraft und Pracht der zionistischen Kundgebungen Nordaus erschließt sich uns erst ganz, wenn wir jetzt Gelegenheit haben, sie abseits vom Lärme des Alltags in der stillen Kammer zu studieren. Im ruhigen Durchlesen gelangen wir zum vollen ästhetischen Genießen der Schönheit und Eigenart der Sprache Nordaus, die einmal niederstürzt wie ein junger Wildbach, ein andermal erhaben im breiten Strombette dahingleitet. Wir entdecken auf Schritt und Tritt neue Schätze, Goldkörner der Weisheit; Gedanken, blitzend wie kostbare Edelsteine; Worte, feingeschliffen wie die Klinge eines Dolches, die unbarmherzig den trifft, der mit bösem Sinnen sich unserm Streben entgegenstellt. Wenn wir es noch nicht wüßten, wächst uns aus der Lektüre des Buches die Erkenntnis: Nordaus sp.rachbildende Meisterschaft hat die Sprache des Zionismus geschaffen. Er hat uns eine Terminologie gegeben. Worte, Redewendungen, die heute als gangbare Münzen im sprachlichen Tagesverkehr des Zionismus kursieren, gehen in ihrem Ursprung auf Nordau zurück, der sie selbstschöpferisch zuerst geprägt. Mittel- und Glanzpunkt des Jubiläumswerkes bilden die Kongreßreden, unvergängliche Dokumente;ir::l V. if jfc ') * :} | flj Wä, m

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