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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Er will nicht Jude sein und kann daher auch nicht beanspruchen, der Jude zu sein. Was man heute in unserer Mitte und draußen in moralischem und geistigem Sinne als jüdisch betrachtet, ist es darum vielfach nicht, weil es sich der genauen Prüfung nur als eine Eigenheit des Assimilationsjuden oder auch des Qolusjuden darstellt. Manche Züge, wie der Familiensinn, das Erbarmen mit dem Schwachen, Leidenden, der Wohltätigkeitssinn gehen durch alle Stadien der Entwicklung. Andere haben später eine Stärkung oder Schwächung erfahren. So die durchschnittlich höhere Geistigkeit der Juden, ihre Nervosität und ihr Bildungsdrang im Golus eine Stärkung, ihre universalistische Richtung eine Schwächung. So das starre Stammesgefühl im Assimilationsstadium eine Schwächung, der kosmopolitische Zug im Vergleich zur Golusperiode eine wesentliche Stärkung. Und wieder andere, wie die Schmeichelei und Kriecherei, sind ganz und gar Schöpfungen des Golus, andere, wie der Radikalismus, das Haschen nach dem Allerneuesten auf geistigem Gebiete, der zersetzende Witz und der Mangel an Selbstachtung, ganz und gar nur Sumpfblüten der Assimilation. Als wirklich jüdisch können allerdings nur auf moralischem, nicht auch immer auf geistig-kulturellem Gebiete, nur diejenigen Züge angesehen werden, die der Jude in der Freiheit, in einer freien jüdischen Kultur sich zu eigen gemacht hat. An einer andern Stelle haben wir die religiös-ethische Genialität als einen der hervorragendsten Züge des freien Israel bezeichnet, und wir haben gleichzeitig bemerkt, daß der ethischen Genialität vor der im engern Sinne religiösen der Vorrang gebühre. Was die ethische Genialität ausmacht, das ist nicht bloß das natürliche, auch gegen grandiose Irrungen sichere, reine sittliche Empfinden. Das hat vielleicht das eine und das andere Volk in gleicher Höhe aufzuzeigen, wenn es auch schwer sein dürfte, dies alles in allem von einem andern Kulturvolk des Altertums mit Sicherheit zu behaupten. Dem reinen Empfinden muß auch noch eine ungewöhnliche Kraft und Intensität, eine große Leidenschaftlichkeit, die den Enthusiasmus erzeugt, beigegeben sein, jene elementare Gewalt, die den von ihr Ergriffenen zum unwillkürlichen Werkzeug der eigenen Willensrichtung macht. Die Juden sind von Natur lebhaft und leidenschaftlich, oft bis zur Heftigkeit, und aus dieser Quelle erklären sich manche Fehler, wie die vielberufene Hartnäckigkeit, Rechthaberei und Starrsinn, ein übertriebener Individualismus und eine starke Neigung zu Parteiungen, erklären sich auch manche Rauheiten und Ausschreitungen, manche Unbesonnenheiten und tragische, grausige Oberstürzungen, an denen die jüdische Geschichte so reich ist. Aber nur so konnten die Juden das Volk des ethischen Affekts, des moralischen Enthusiasmus werden. Nur so konnte auch die Kraft geboren werden, die das Gute nicht nur herausfühlen und empfinden, sondern auch für das Gute leiden, zum Märtyrer werden ließ. Nur so die Kraft, die das erarbeitete sittliche Gut auch auf andere zu übertragen und auszubreiten imstande war. Ohne die Leidenschaftlichkeit und den Enthusiasmus, mit dem der ethische Monotheismus auftrat, hätte dieser nimmer zur Volksreligion werden können. Hier haben wir den psychologischen Ursprung der oft so furchtbaren Strafandrohungen der Propheten und der noch furchtbareren gegen Ende des Buches Leviticus und des 28. Kapitels des Deuteronomiums. Hier denpsychologischenUrsprung des „eifernden Gottes", der bei aller Liebe und Nachsicht oft grausam und schonungslos sein Strafgericht übt. Hier den Ursprung des glühenden Hasses mancher Psalmisten gegen die Frevler, zu dessen Beschwichtigung einer derselben sich selber zuruft: „Entbrenne nicht gegen die Bösewichter, ereifere dich nicht wegen der Übeltäter!" Hier ist der Quell der unerbittlichen Feindschaft,, mit der Elisa und seine Jünger das Haus Ahabs verfolgen, der Unerschütterlichkeit und Unerbittlichkeit, mit der Jeremia und die Prophetin Hulda den Untergang Jerusalems verkünden. Am reinsten und stärksten tritt uns der ethische Affekt in den Propheten, den hervorragendsten Repräsentanten des alten Israel, entgegen. Sie sind wohl die bewunderungswürdigsten Enthusiasten der Moral, die es in der Weltgeschichte gegeben hat. So urteilt auch Salter, der bekannte Prediger der ethischen Bewegung in Nordamerika, der dem eigentlich Religiösen fernsteht, den Chadwick aber als „den Lehrer der höchsten moralischen Wahrheit und Inspiration der Gegenwart" bezeichnet, von den Propheten in moralischer Richtung: „Die hebräischen Propheten gehören zu den erstaunlichsten Gestalten der Geschichte." Der Tag werde kommen, wo „ihre moralische Macht und rauhe Kraft wie nie zuvor" werde gefühlt werden. Die Leidenschaftlichkeit ihrer Rufe, die Glut ihrer Visionen könnten wir heute kaum übertreffen. Die Assimilationsperiode bildet nach vielen Richtungen einen Rückschritt gegen die Zeit des Golusjuden, in manchen wichtigen Beziehungen aber einen Fortschritt, eine Vorbereitung für die eben erst beginnende Zeit des neuen bewußten und aktiven Nationaljudentums. Der Freiheitsdrang ist ohne Zweifel lebendiger, das Ehrgefühl empfindlicher geworden. Der alte universalistische Geist ist zu neuer Kraft erwacht, und der Sinn für die große soziale Gerechtigkeit hat neue Blüten getrieben, die an die so groß gedachte soziale Agrargesetzgebung der Bibel immerhin erinnern. Auch dem ethischen Enthusiasmus fehlt es nicht an bedeutenden Repräsentanten. Wir brauchen nur Namen wie Börne und Riesser zu nennen. Diese Vorzüge der Assimilationsperiode werden dem neuen Nationaljudentum nicht nur erhalten, sie werden durch dasselbe noch gesteigert und nicht durch die abstoßenden Mängel der Assimilationszeit verdunkelt werden. Wenn auch der vollendete, wirkliche neue Nationaljude erst in einem neuen, freien jüdischen Milieu erstehen kann, so können wir doch vielleicht schon heute seine Gestalt und sein Wesen wenigstens ahnen. Wenn wir an ein neues, in keinem Sinne verdrücktes und verkrümmtes freies Judentum denken, dann sind wir gewohnt, uns Herzls und Nordaus zu erinnern. Beide aus der Assimilation hervorgegangen, bilden sie deren Fortentwicklung aus ihren besten Errungenschaften heraus, repräsentieren sie deren Umschlagen und ihre Aufhebung in ein Höheres. Sie zeigen die Vorzüge der vorangegangenen Periode ohne ihre Fehler, und diese Vorzüge durch den befreiten Rasseninstinkt gesteigert und durch neue vermehrt. Beide gleich stark und frei in ihrem Fühlen, vornehm und selbstbewußt, voll ruhigen Stolzes und eines glühenden Freiheitsdrangs, Aristokraten mit einem intensiven sozialen Empfinden, voll lebendigen Interesses

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