Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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zionistischer Entwicklungs- und jüdischer Zeitgeschichte, Jahresrevuen über die Lage des Judenvolkes, seine Leiden, Hoffnungen und Wünsche, wie sie freimütiger, stolzer und beredter nie vor- oder seither entrollt worden sind. Die Kongreßreden legen in ihrer ununterbrochenen Folge auch Zeugnis ab für die Entwicklung Nordaus im Zionismus. Zwar kam er als ein Fertiger zu uns, ein Mann von internationalem Ruhme, dessen angestaunte universelle Bildung das ganze komplizierte moderne Kulturleben umspann. Die erste Publikation, die den Reigen der vorliegenden Sammlung eröffnet, der Aufsatz: „Ein Tempelstreit4' aus dem Jahre 1897 lehrt uns, daß er auch damals schon den Gedanken des Zionismus, für den ihn Herzl gewonnen und begeistert hatte, mit logischer Schärfe restlos zu Ende gedacht hat. Und doch ist auch er mit seinen höheren Zwecken weiter gewachsen, über sich hinausgewachsen in der Durchdringung und Bemeisterung des politischen Ideenkreises, in den der Zionismus verwoben ist. Überhaupt liefert das vorliegende Buch wertvolle Beiträge zur Kenntnis und Würdigung des „Menschen" Nordau. Seine Zeitgenossen betrachten Nordau vielfach als reinen Verstandsmenschen, dessen hervorragende Klugheit, kritische Schärfe und stilistische Meisterschaft sie bewundern. Aus dem Buche wird er ihnen entgegentreten als ein Mann mit tiefgründigem Gemütsleben, das sich offenbart in der leidenschaftlichen Liebe zu seinem Volke, in dem gewaltigen Mitgefühl mit dessen Leiden, in der selbstlosen Hingabe an das Befreiungswerk. Am klarsten aber spiegelt sich der Gefühlsreichtum Max Nordaus in seiner Freundschaft zu Theodor Herzl. Sein hochfahrender Stolz beugt sich in selbstgewählter Unterordnung unter die Führerschaft Herzls, unter dem er als Soldat in „Reih und Glied" dienen will. Die Wehklagen, die er dem Freunde in das frühe Grab nachruft, äind unauslöschliche Wahrzeichen einer über den Tod hinausragenden Freundschaft. Diese Freundschaft der beiden Vorkämpfer der jungen jüdischen Freiheitsbewegung erinnert in manchen Punkten, leider auch in bezug auf die Kürze ihrer Dauer, an den berühmten Freundschaftsbund aus der großen klassischen Literaturperiode Deutschlands. Für Zionisten und Nichtzionisten, für die persönlichen, politischen und literarischen Freunde Nordaus, für die Forscher jüdischer Zeit- und moderner Kulturgeschichte erweist sich die Lektüre des Buches als eine Fundgrube reicher Erkenntnisse. Für uns Zionisten aber birgt es noch ein gar köstliches Gut. In der Vorrede des Werkes legt Nordau das Gelöbnis nieder: „Ich will auch nach meinem 60. Geburtstage, solange Kraft und Leben reichen, für das geschichtliche Ideal des jüdischen Volkes wirken, wie bis dahin." Man wird uns die Überschreitung unserer Rezensentenpflicht verzeihen, wenn wir mit dem Wunsche schließen, daß eine jahrzehntelange, ungetrübte Gesundheit dem Meister die Erfüllung seines Vorsatzes leicht machen möge. Mannheim Dr. Moses EINE SELBSTBIOGRAPHIE MAX NORDAUS > In einem „Vae soli" betitelten Aufsatze der „Gegenwart" bespricht Max Nordau das Los des einsamen Schriftstellers in der Fremde; wir entnehmen dem Aufsatze folgende Betrachtungen: „Es ist mir in der Tat immer auferlegt gewesen, ein Einsamer zu sein. Als der Sohn eines Preußen in Pest geboren, fand ich in der Stadt, wo ich meine Kinder- und Knabenjahre verlebt habe, niemals Gemütsanschluß, wuchs ohne Verkehr mit Verwandten und Kameraden auf, lernte meine Umgebung mit den Augen meines chauvinistisch, ja fanatisch deutsch gesinnten Vaters betrachten und fühlte nach dem Lande, das ich als meine eigentliche Heimat ansah, eine Sehnsucht, die mich gegen das Land meiner Geburt ungeduldig und, ich fürchte, manchmal ungerecht machte. Zufällige Bedingungen des Broterwerbes, auf den ich angewiesen war, ließen mich dann meinen Wohnsitz in Paris nehmen, wo ich ebenfalls notwendig ein Fremder war und bis zum heutigen Tage geblieben bin, weil ich die Opfer an Selbstgefühl und persönlicher Würde nicht bringen wollte, die der Preis sind, um den allein der Fremde die etwas herablassende und. durch allerlei geheime Vorbehalte eingeschränkte Aufnahme in die Kreise der Eingesessenen erlangen kann. Einsam hatte ich in Pest gelebt, einsam lebe ich in Paris. Die oberflächlichen Kameradschaften der Schule rissen ab, als ich Pest verließ; neue knüpft man nicht mehr leicht an, wenn man der Schule entwachsen ist und infolge beständiger Vereinsamung von der Geburt an niemals gelernt hat, leicht aus sich herauszutreten, und so hatte ich ein für allemal auf die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu verzichten, mit der man zusammen den Kampf ums Dasein *) Zuerst ahgedruckt in der „Weltu, Jahrgang 1898, Nr. 1. beginnt, mit der man zu Angriff und Verteidigung Schulter an Schulter steht, und mit der man zusammen durch gegenseitige mehr oder minder kräftige Handreichung zu Teil- oder Gesamterfolgen gelangt. Ich rechnete mir vor, um wie viel leichter andere es haben, die von den Verhältnissen mehr begünstigt sind, um wie viel erfolgreicher mein eigenes Schaffen wäre, wenn es nicht mein Ausnahmegeschick eines überall Fremden gegen sich hätte, und ich war nahe daran, ein weichliches, schwächliches: Schade um mich! zu seufzen. Aber ich überließ mich nicht lange dieser Entmutigung, sondern kam nach genauer Erwägung meines Falles zu der Überzeugung, daß meine Vereinsamung mir in geistiger und sittlicher Hinsicht von größtem Nutzen war und daß sie eigentlich die ideale Lebens- und Schaffensbedingung eines jeden Schriftstellers und Künstlers ist, der höhern Zielen als bloßer Befriedigung der Eitelkeit nachstrebt. Vielleicht ist diese Anschauung aus dem tiefsten Grunde des Unbewußten hervorgegangen und nichts anderes, als eine Äußerung jenes Anpassungsdranges alles Lebenden, welcher bewirkt, daß man sich mit dem Unabänderlichen, und wäre es noch so schmerzlich, nicht nur abfindet, sondern ihm sogar gute Seiten abgewinnt. Aber ich bin dessen keineswegs sicher, glaube vielmehr wirklich, daß meine Behauptung objektiv richtig ist. Gewiß ist es persönlich angenehmer, in einem warmen, weihrauchduftenden Luftkreis von Bewunderung und Sympathie zu leben, aber dem Schaffen gereicht es nicht zum Heile. Der Künstler gesellt die Vorstellung eines neuen Werkes mit derjenigen neuer Lobeserhebungen, ja Begeisterungsausbrüche,