Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Einsichten gewesen sein, die Nordau zum Zionismus geführt haben. Er betrachtet die Wertung der Geschichte durch das Prisma des Individuationsgesetzes. Ohne sich mit dem rassentheoretischen Naturalismus zu identifizieren, betrachtet er die großen Erscheinungen der Geistesgeschichte als Erzeugnisse der großen Völker- und Rassenindividualitäten. Als noch niemand von uns wußte, daß der Verfasser von „Vom Kreml bis zur Alhambra" ein Jude ist, erklärte er schon, daß das Judentum seine eigenen Akkorde zu der Kultursinfpnie geliefert hat, wie Römer, Griechen, Germanen und Neoromanen. Nur die Slawen haben immer genommen und nie gegeben. — Diese Einsicht, daß die großen Gebilde der Geschichte Erzeugnisse der spezifischen geistigen Völkerindividualitäten sind, sein kritisches Verhältnis zu „ihrer" Kultur und das Faktum von der Existenz der jüdischen Nation, deren Einfluß auf die Geschichte noch fortdauert, sowie seine optimistische Grundüberzeugung, haben ihn wieder zu seinem Volke geführt und ihn zu einem Wortführer der zionistischen Bewegung gemacht. Eingeweihte wissen es, wie teuer er sein plötzliches Bekenntnis zum Judentum hat bezahlen müssen; aber ein Mann, der seinem kranken Zeitalter mit den Mitteln und Einsichten der alten jüdischen Propheten entgegentrat, ein Mann, der um das Wahfre aufzudecken und zu verbreiten und um das sittlich Gute wieder zum Gemeingut zu machen, sein ganzes Leben geopfert hat, ein solcher Mann konnte nicht bei der konventionellen Lüge der jüdischen „Religionsgemeinschaft" bleiben. Sein Zionismus ist kein künstlicher, sondern ein organischer; denn noch bevor er Zionist war, sprach er zu seiner Zeit mit der Kraft und der Wucht eines jüdischen Propheten. Sein Zionismus ist wahr, wie seine Kulturkritik und Kulturphilosophie groß und gewaltig sind. London, Anfang Juli 1909. ZUR PSYCHOLOGIE DES JUDISCHEN VOLKES Von Rabbiner Dr. Joseph Stolp Zwei Juden, Lazarus und Steinthal, waren die Begründer der Völkerpsychologie. Warum gibt es gleichwohl noch keine Psychologie des jüdischen Volkes? Sie wäre doch so interessant, wie kaum die irgendeines andern Volkes. In Israel vereinigt sich die welthistorische Bedeutung mit einer so ungewöhnlich scharf ausgeprägten und geschlossenen Volkspersönlichkeit, wk beides im Verein schwerlich ein zweites mal anzutreffen ist. In der jüdischen Volksseele gibt es eine Größe und eine Tragik von einem wahrhaft heroischen Charakter. Auch Schatten gibt es hier, vielleicht nicht wenig Schatten, und es läge kein Grund vor, dies zu verheimlichen. Sine ira et studio müßte an diesen großen Gegenstand herangetreten werden. Mancherlei und vielzuviel ist wohl darüber gesagt und geschrieben worden, von jüdischer und von nichtjüdischer Seite, aber nirgends haben sich Haß und Gunst dem Zustandekommen einer wirklichen Wissenschaft so in den Weg gestellt, und nirgends hat der Dilettantismus und die Scharlatanerie so üppige Blüten getrieben, wie hier. Das apologetische Interesse wirkt hier gerade so verwüstend, im wissenschaftlichen, und, beiläufig gesagt, auch im moralischen Sinne, wie der Antisemitismus. Nichts hindert, daß eine solche Psychologie auch von einem Nichtjuden geschrieben werden könnte. Am besten aber wird sie aus natürlichen Gründen von einem Juden geschrieben, bei dem zur wissenschaftlichen Begabung noch die große, auch durch die Liebe zum eignen Volke unbestechliche Wahrhaftigkeit hinzukommt. Die philologische und historische Vorarbeit ist in ausreichendem Maße bereits geleistet. Warum gibt es noch keine Psychologie des jüdischen Volkes? Freilich könnte eine solche Psychologie noch nicht bis zu Ende geschrieben werden. Ein rechter Jude wird sich auch wohl nicht vorstellen mögen, daß dies jemals möglich werden könnte. Ein neues Israel ist im Entstehen begriffen, und das ist erst in den allerfrühesten Anfängen. Die Zukunft eröffnet ganz neue Perspektiven; da gibt es viele, gänzlich unbekannte Wege und unausgeschöpfte Möglichkeiten. Das Werdende können wir nur mit heiliger Scheu belauschen, wir selbst arbeiten daran, es vorzubereiten, aber seine fertige Gestalt vorherzubestimmen oder vorherzuwissen, liegt hier, wie überall, nicht in des Menschen Macht. Wohl aber kann schon heute die Psychologie der jüdischen Volksseele in den bisherigen Stadien ihrer Entwicklung geschrieben werden: die Psychologie des alten Israel, die des Golusjuden und die des Assimilationsjuden. Letzterer, der allerdings schon in frühern Epochen der jüdischen Geschichte, wie der alexandrinischen und spanischen, in gewissen Grenzen seine Vorläufer hat, stellt nur eine verhältnismäßig rasch vorübereilende Übergangsform dar. Aber die Darstellung dieser Übergangsform hat doch wegen ihres großen aktuellen Interesses für uns eine große Wichtigkeit. Zur Psychologie des Assimilationsjuden hat Nordau so manches treffende Wort gesprochen, und wir wüßten auch niemanden unter den Lebenden, der diese Psychologie besser zu schreiben vermöchte, als er. Der Assimilationsjude ist eine tragikomische Figur. Das Schlimme ist nur, daß die Tragik ungewollt, die Komik aber verschuldet ist. Aber so disharmonisch und verrenkt, so widerspruchsvoll und schwächlich auch sein Wesen sein mag, so wenig anziehend dieses ästhetisch und moralisch auf den unbefangenen Betrachter auch wirkt, so ist doch das psychologische Interesse, das wir am Assimilationsjuden nehmen, darum nicht geringer. Natürlich kann der Assimilationsjude, wie sehr er sich in der Gegenwart der Betrachtung auch aufdrängt, noch weit weniger als der Golusjude beanspruchen, der Jude zu sein. Sie sind beide nur verkümmerte Formen des Juden, der Assimilationsjude nach einer gewissen Richtung noch weit mehr, als der Golusjude, weil er aus sich selbst, aus seiner angeborenen Individualität herausstrebt, weil er die Normen für sein Leben, Denken und Empfinden in einem ihm wesensfremden Milieu sucht. Der Assimilationsjude zeigt die mehr oder minder ausgesprochene Tendenz, nicht Jude zu sein, er kann aber doch nicht von sich loskommen: das macht ihn zwiespältig, zerrissen, unsicher, unfrei, unfroh, unwahr, läßt ihn sich selber verbiegen und verkrüppeln.