Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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658 wissenschaftlich, als ganzer Philosoph mit einer systematischen Weltanschauung. Wenn einer gegen Hegel so entschieden Stellung nimmt wie Max Nordau, muß wohl in seinen Adern schweres Philosophenblut rollen. Versuchen wir es, die philosophischen Anschauungen, die man zerstreut in Nordaus kulturkritischen Schriften findet, systematisch darzustellen. Es wird sich keine systematische Schulphilosophie ergeben, aber eine klare, in sich geschlossene Kultur- und Sozialphilosophie. Nach Nordau ist, im Gegensatz zu Rousseau, der Mensch von Natur aus böse, aber infolge seiner physiologischen und anatomischen Beschaffenheit, die ihn zum unselbständigsten aller Tiere macht, auf ein soziales Zusammenleben angewiesen. Nordau leugnet die Existenz von sozialen Atomen; die wissenschaftlichen Ergebnisse der Paläontologie und die Forschungen auf dem Gebiete der prähistorischen Zeitalter belehren, daß schon der Mensch in der Tertiär- und Quartärzeit in Gemeinschaft seiner Mitmenschen lebte. Diese soziale Natur des Menschen und der ausgesprochene Gattungsinstinkt des Einzelindividuums, dersich natur-und geistesgeschichtlich nachweisen läßt, sind die zwei Ausgangspunkte der sittlichen Weltanschauung Max Nordaus. Zu diesen zwei Naturausgangspunkten kommt noch ein drittes Element hinzu, das der organischen Evolution. Von diesen drei Voraussetzungen ausgehend, vertritt Nordau die Gesellschaft gegen das gewalttätige Individuum; da die Gesellschaft, und nicht das Individuum, in der Natur der Dinge begründet ist, vertritt Nordau die Interessen der Zukunft gegen die Engherzigkeit der Gegenwart, und die Postulate, die sich aus dem Entwjcklungsgedanken ergeben, wenden sich gegen die Forderungen der ich- und genußsüchtigen Reaktionäre. Allein trotz dieser natürlichen Grundlagen und Voraussetzungen der Nordauschen Ethik wäre es weit gefehlt, den Meister des Naturalismus zu zeihen. Nordau vertritt vielmehr den Kantschen Standpunkt, daß der Mensch die Natur überwinden müsse, daß die Natur unser Feind ist; der Natur, der rohen gewalttätigen Natur, stellt er die menschliche Vernunft entgegen. Die Kultur beginnt da, wo das Reich des Geistes und der Erkenntnis anfängt. Allein die Erkenntnis resp. die Vernunft ist kein absoluter Gegensatz zur Natur; denn auch sie schöpft zuweilen ihr Wissen aus der Natur. Aus diesem Grunde bekämpft Nordau das politische Postulat der Gleichheit. Die Gleichheit ist nicht nur wider die Natur, sondern eine Unnatur. In der organischen Welt vollzieht sich ein beständiger Kampf der Gewalten gegeneinander, im Leben der Natur beobachten wir ein fortwährendes Ringen und Kämpfen; daraus entsteht Leben und Entwicklung, und die Vernunft vermag nicht, diese Urtatsache der Natur ignorierend, die Ungleichheit aus dem Leben selbst des Menschen auszuschalten; damit würde sie den Nerv des Lebens selbst treffen. Kann die Vernunft dieses Faktum der Natur für das soziale Leben der Menschen nicht korrigieren, muß sie so auf der andern Seite ein Naturfaktum überwinden: Freiheit. Ist Gleichheit gegen die Natur, weil sie die psychologische Kategorie des Kampfes eliminiert, so ist Freiheit, obwohl in der Natur vorhanden, im Sozialen potenziert, ein dem Gesellschaftsleben negativer Faktor und ist geeignet, das ganze Gesellschaftsleben, das dem Menschen sowohl von der Natur als von der Vernunft diktiert wird, illusorisch zu machen. Aber Nordau begnügt sich nicht mit der No. 30 Kritik des Revolutionsprogramms, sondern er weiß auch etwas Positives statt seiner zu setzen. Seine Parole lautet: Solidarität. Diese Parole, zum kulturpolitischen und ethisch-sozialen Programm erhoben, ergibt für den Staat als Inhalt neben der Gerechtigkeit auch noch die Freiheit des Individuums, sofern sie der Gesamtheit nicht schadet und für die Gesellschaft als Inhalt die Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, die allein die Solidarität der Menschen stärken können, enthält. Verwirklicht der Staat seine Aufgabe und drückt er nicht das Individuum zu einer steuerzahlenden Nummer herab, so kann auch das Einzelindividuum sich die Möglichkeit verschaffen, nach den Postulaten der Erkenntnis zu leben. Die Umwandlung des Menschen und seine Gesundung setzen den Fortschritt und die Reform des Staates voraus. Es ist schwer zu sagen, wie sich Nordau die Reform des Staates und seinen Fortschritt denkt. Zum heutigen Kriegs« und Militärstaat steht er in einem Oppositionsverhältnis; denn Max Nordau ist, wie es sich einem Sproß des Prophetenvolkes geziemt, gegen den Krieg und für den Frieden, nicht aber gegen den Kampf. Darin ist er mit seinen großen Stammesgenossen Hermann Cohen, Ludwig Stein und Johann von Bloch einig. Max Nordau ist, wenn von der Menschengattung die Rede ist, ebenso Optimist, wie er das Einzelindividuum von Natur aus für schlecht hält; darin erweist er sich als echter Kantianer. Der Pessimismus ist ihm, wie Ludwig Stein, mehr Krankheit und Laune, als Weltanschauung. Es ist für den Idealisten Nordau charakterististisch, daß er, selbst ein Künstler von Gottes Gnaden, der Kunst nicht nur soziale, sondern auch ethische Funktionen zuweist. Die Kunst steht nach ihm in einem positiven Verhältnis zur Sittlichkeit, ja, sie ist sogar der Sittlichkeit unterstellt. Das Unsittliche darf nur dann ein Gegenstand ästhetlicher Betrachtung sein, sofern sie eine sittliche Tendenz des Künstlers verrät. Mit dieser Lehre von der Kunst geht Max Nordau selbst über den heißgesottenen Idealisten Hermann Cohen hinaus. Es ist begreiflich, daß ein geistig und sittlich idealistisch veranlagter und kerngesunder Mann, wie Max Nordau, gegen den künstlerischen Naturalismus eines Zola, der sich in seiner Kunst darauf beschränkte, die unflätige Natur zu kopieren, ebenso Front machen mußte, wie er gegen einen Ibsen, der allen Forderungen der Gattung zum Trotz, einer seiner Heldinnen das Wort in den Mund legt „die heiligste Pflicht ist die gegen mich selbst" kämpfen mußte. Und vollends Leo Tolstoi, der, die neunzehn Jahrhunderte Geistesgeschichte seit dem Urchristentum übersehend, die religiös motivierte Anarchie predigt, mußte auf Max Nordaus Widerspruch stoßen. Bei der Gegnerschaft Nordaus zu Tolstoi muß noch ein Moment erwähnt werden, nämlich Nordaus kritisches Verhältnis zum Christentum. Außer Hermann Cohen hat kein großer Jude der Neuzeit dem theoretischen Christentum solche Schläge versetzt, wie Max Nordau. Er hat mit fester und sicherer Hand alle Widersprüche im Christentum aufgedeckt und ihm jede Originalität abgesprochen. Sein feindliches Verhältnis zum Christentum ist in erster Reihe auf des Christentums pessimistischen Grundton zurückzuführen. Der Optimist Nordau verdammt Leo Tolstoi mitsamt dem Christentum. Die sentimentale Redseligkeit eines Berghirten rührt ihn nicht. Es mögen auch noch u. a. geschichtsphilosophische