Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316382--52138-3345810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dekadence auf allen Gebieten des Lebens vor. Die Politik der mittel- und westeuropäischen Staaten war unsicher und verworren. In der Literatur machten sich Neoromantiker, Symbolisten und Diaboliker ä la Beaudelaire und Verlaine breit; auf der andern Seite feierte der Naturalismus und Realismus seine höchsten Triumphe. In der Philosophie und in der Wissenschaft tobte der Kampf für und wider die Selektions- und Deszendenztheorie. Die Theologen waren verzweifelt, und der Materialismus als Weltanschauung lag schon in den letzten Zügen; denn die Ergebnisse der Naturwissenschaft vermochten nicht, den metaphysischen Sinn der Menschen zu befriedigen. Es fehlte aber der große idealistische Philosoph, der den Materialismus hätte ablösen können. Das hatte zur Folge, daß sich auf der einen Seite ein krankhafter Skeptizismus und auf der andern Seite ein fluchwürdiger, zügelloser Individualismus ausbildete, der in Europa seine Philosophen in Nietzsche und in Asien seine Wortführer in dem Moraltheologen und Dichter Leo Tolstoi fand. Dabei war das gesellschaftliche Leben morsch, korrumpiert und innerlich verlogen, wie in einem Zeitalter, das von zersetzenden Elementen beherrscht wird. Die Vergrößerung und Erweiterung des Verkehrs und das Aufblühen der Industrie absorbierte den ganzen Menschen. Ein engherziger Utilismus und Materialismus machte sich überall breit und schien alle Sittlichkeit, ja das ganze Qattungsbewußtsein des Menschen zu untergraben. Die Vernunftehe kam auf, der Seetenschacher, die vom Qeiste einer Prostitution durchseuchte Politik feierte ihre Orgien. Oberall war die Krankheit der Zeit, die durch den endlichen Sieg der Germanen über die Romanen heraufbeschworen wurde, zu verspüren. In dieser Zeit der Dekadence, des Niederganges, der Verwirrung und der Herrschaft zweier gesellschaftsfeindlicher Extreme trat Max Nordau in die Arena. In seinen „Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit" breitet Nordau das Netz aller Zeitlügen aus und bekämpft die faulen Auswüchse der Fin de siecle-Kultur mit dem Eifer eines aufrichtigen Idealisten und mit dem Scharfsinn seiner Dialektik. Es ist als große Kulturtat zu bezeichnen, daß Nordau in jener Zeit des engherzigen Egoismus und der Eintagsinteressen den Mut hatte, dem Egoismus die Solidarität, der engen Gegenwart die Zukunft und dem Exemplar die Gattungen entgegenzustellen. Was hatte Nordau jenen kleinlichen ichsüchtigen Menschen jener Zeit des Niederganges zu sagen? „Mensch, lebe nach den Postulaten deiner Erkenntnis!" „Mensch, sei gut!" Hat nicht der alte jüdische Prophet seinen Zeitgenossen dasselbe gesagt? Was war das höchste Streben des Propheten? „Und die Erde werde voll von Erkenntnis, wie das Wasser das Meer bedecke." Max Nordau rief seinen Mitmenschen, nachdem er ihnen ihre ganze innere Verlogenheit und Zerrissenheit vor Augen führte, zu: „Das, was der Menschheit zunächst not tut, das ist, daß sie sich die Möglichkeit verschafft, nach ihrer Erkenntnis zu leben." (Konv. Lügen d. Kulturm., p. 412). Wer aber „Erkenntnis" sagt, muß auch „Sittlichkeit" sagen; denn auf die Logik folgt die Ethik. Und die Sittlichkeit hat es nicht auf das Exemplar und auf die Gegenwart, sondern auf die Gattung und die Zukunft abgesehen. Aus diesen sittlichen Erwägungen heraus tritt Nordau zwei gesellschaftsfeindlichen Tendenzen entgegen: Dem Tolstoiismus und dem Nietzscheanismus. Sowohl Nietzsche als Tolstoi sind Feinde der Gesellschaft, der Kultur, des Staates und des Menschengeschlechtes. Ob die Anarchie als Postulat des Seinsollenden religiös oder ästhetisch motiviert wird, kommt auf das gleiche heraus. Die anarchische Weltanschauung stellt nun einmal das Individuum statt derGattung in denMittelpunkt der Interessen und untergräbt somit die Grundlagen der Gesellschaft. Der kerngesunde Max Nordau war zu vernünftig, um sich von der ästhetischen Phraseologie Nietzsches verführen zu lassen, und ebenfalls zu gesund und gedankenreich, um sich von dem ideenarmen, sentimentalen Tolstoi überreden zu lassen. Ein Mann der Logik und der Ethik mußte sowohl über den ästhetischen, als über den religiösen Anarchisten sein Verdammungsurteil aussprechen. Max Nordaus großes Verdienst war es, die großen, negativen und antisozialen Tendenzen seiner Zeit, wie sie sich speziell in Halbphilosophie und in Pseudodichtung und verworrener Moraltheologie äußerten, als das große Symptom der Dekadenz der Zeit nachgewiesen zu haben. Tolstoi und Nietzsche, Ibsen und die Diaboliker, Richard Wagner und die Symbolisten werden nicht nur vom Gesichtswinkel ihrer literarischen und künstlerischen Tätigkeit betrachtet, sondern vom Gesichtswinkel des Irrenarztes und des Kriminologen. Die Methode war zwar nicht neu; denn Nordau kann in Möbius seinen Vorläufer sehen, — und dennoch war es ein gewaltiges Werk. Während Möbius nur einzelne bedeutende Persönlichkeiten auf ihre pathologischen Stigmata untersuchte, ging Nordau an eine ganze Kulturperiode heran, um sie auf ihre pathologischen und psychopathologischen Stigmata zu untersuchen. Dazu veranlaßte ihn sein scharfer Beobachtungsblick, seine durchgreifende Systematik und seine gesunde Logik und Ethik. Die reichen Ergebnisse seiner Untersuchungen sind aber bei weitem nicht hoch genug eingeschätzt worden. Sein Urteil über Beaudelaire und Verlaine, über den angekränkelten Ästhetizismus und Symbolismus ist zwar zum Gemeingut aller Gebildeten geworden, denn das Ende von Oskar Wilde, Verlaine und Rimbaud war zu abschreckend; allein was Nordau Ibsen und Wagner entgegenhielt und an ihnen aussetzte, ist nicht nur von der Schulkritik nicht bestätigt, sondern sehr angefochten worden. Und doch, die Tatsachen, die Nordau gegen Ibsen und Wagner vorbrachte, lassen sich nicht auf den Kopf stellen. Außer den Lesern der „Entartung" werden es wenige Menschen wissen, daß Ibsen keine klare, widerspruchslose Meinung von der Ehe hatte; oder daß Ibsen von Vererbung spricht und dabei an die von Augustinus und Calvin gelehrte Erbsünde denkt. Gegen das Ibsenidol konnte selbst ein Nordau nicht ankämpfen, und sein Kampf gegen Wagner vollends, der, soweit er den Dichter Wagner betrifft, berechtigt ist, hat auf der einen Seite sehr viel böses Blut gemacht, auf der andern Seite aber die Expansion des Wagnerianismus gehemmt. Max Nordau ist weder Schulphilosoph noch Schulliterat, er selbst hat nie den Ehrgeiz gehabt, als philosophischer Systematiker oder als Literarhistoriker zu gelten. Er ist bis heute stolz darauf, ein freier Schriftsteller zu sein. Und doch lehren Nordaus kulturphilosophischen und kulturkritischen Schriften eine ganze abgeschlossene, in sich abgerundete Weltanschauung. Bei näherm Zusehen erweist sich dieser freie Schriftsteller, der kulturkritisch auf seine Zeit gewirkt, wie Häckel