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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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656 DIE3 fremden Welt, die uns verschlingt. . . . Was können heute dem Denker des Zionismus, dem Bruder, der alle seine unbekannten Mitbrüder in seiner schmerzerfüllten, hoffnungsvollen Liebe umfaßt, unsere italienischen Zionisten sagen? Mit welchem wesentlichen Werke, welchen achtunggebietenden Vorsätzen kann ihm in dieser frohen Stunde die jüdische Jugend Italiens nahen? Sind wir würdig, teilzunehmen am Feste unseres tapfern Meisters? Ich weiß es nicht. Ich wünsche ihm bloß, daß die wiedererwachenden Massen des jüdischen Volkes mit mehr Eifer, festerem Willen, größerer Ausdauer und stärkerer Zuversicht den Weg beschreiten möchten, der bestimmt ist, sie in ihre historische Heimat und in [ELT ' No. 30 die Freiheit zurückzuführen. Diese Hoffnung, diese Freude, diese Gewißheit müßt ihr, meine unglücklichen, ihr, meine zufriedenen Brüder dem ruhmreichen Manne gewähren, der euch verteidigt, eure Würde vor aller Welt aufgerichtet, der euch gezeigt hat, wieviel Kraft, wieviel Tugend und Ruhm die unbezwingliche Seele des ewigen Volkes noch birgt. "Möchte es doch dem jüdischen Volke gegönnt sein, noch in Jahrhunderten den Tag Ihrer Geburt, mein großer Bruder, zu segnen und ihn unter der Sonne Palästinas zu feiern. Triest, 6. Juli 1909 Rabbiner Dante Lattes MAX NORDAU ALS ] Von Dr. Samuel Der neuere jüdische Kulturträger bildet ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Geistes und der Ideen. Er weist Merkmale und Eigenschaften auf, die einem Fremden, einem Nichtjuden, nur schwer verständlich sind. Eine problematische Gestalt, — ein feuriges Temperament und dennoch radikal-konsequent, heißes Blut und hochentwickeltes kritisches Bewußtsein, ein kosmischer Blick und sachlich bis zur Pedanterie, dazu ein blühender, schöpferischer Stil. Diese Natur des Geistes läßt sich bei allen großen Juden seit ihrem Eintritt in die Kultur nachweisen, d. i. von Baruch Spinoza bis auf Max Nordau. Einige Exempel werden diese Eigenartigkeit des jüdischen Kulturgeistes beweisen. Sanchez preßte den Skeptizismus seiner Zeit in die absolute Formel „quod nihil scitur" (daß wir gar nicht wissen können), Baruch Spinoza erhob die von Nikolaus v. d. Kües und von Descartes begründete geometrische Methode zu einem absoluten Prius des Denkens. Sein kritisches Bewußtsein äußert sich zur Genüge in seinem theologisch-politischen Traktat. Was sowohl Anhänger als Gegner an ihm bewundern, ist seine eiserne Konsequenz und der organische Aufbau seiner Lehre. Ähnliches gilt von Salomon Maimon, der das Kantische Ding an sich zerstört hat; dasselbe gilt von Karl Marx, dem Umwerter des Hegelianismus, von Lassalle, von Hermann Cohen, von Bergsohn und von Ludwig Stein. In diese Galerie der Geistesheroen, von welchen jeder ein Schicksal in der Geschichte des Geistes bedeutet, gehört Max Nordau, und zwar nicht als letzter. Auch Max Nordau weist alle Merkmale und Eigenschaften des jüdisches Geistes auf. Ein Verneiner und dennoch ein Bejaher; nach vorwärts strebend und doch konservativ, heißes Blut und ein fester, beständiger Wille. Was jedoch den Meister besonders auszeichnet, ist die Vielfachheit seiner Kulturinteressen. Naturwissenschaftler und Arzt, Literarkritiker und Historiograph, ein Redner wie selten einer und ein Schriftsteller von Genie; ein flotter Erzähler, vor dem selbst die Franzosen Respekt haben, dazu Organisator, Tribun, Staatsmann und Dichter, dessen Verse man in jeder Sammlung deutscher Lyrik findet. Durch diese Mannigfaltigkeit seiner Kulturinteressen und durch den Reichtum seiner Persönlichkeit gibt er das Exempel eines uomo universale ab. Nur ein Mann von der Vielseitigkeit eines Max Nordau, der in dieser Beziehung einem Leon Battista Alberti nicht nachsteht, konnte hintereinander „Die Max Melamed konventionellen Lügen der Kulturmenschheit", „Paradoxe" und „Entartung" schreiben. Der Verfasser „der konventionellen Lügen" tritt uns als scharfsinniger KulturkritikeründHistoriograph entgegen; in „Entartung" lernen wir den Psychiater, Kriminologen, Literatur- und Philosophiehistoriker, Musiktheoretiker und Ästhetiker kennen. In den „Paradoxen" spricht zu uns ein Denker von eigenem Schnitt und geistvoller Art. Immer aber der glänzende Stilist und der schärfsinnige Dialektiker. Die großen kosmischen Gesichtspunkte verliert er selbst dort nicht, wo er augenscheinlich Reiseerlebnisse erzählt. Man hat Nordau und seinen anderen jüdischen Zeitgenossen oft den Vorwurf gemacht, daß sie nur negieren aus purer Verneinungslust, oder aus Empörung gegen alles Bestehende. Speziell die Vertreter der „Heimatkunst" können ihre jüdischen Zeitgenossen nicht genug der Negation zeihen. Wahr ist an dieser Be-n schuldigung, daß der moderne kulturschöpferische Jude der Neuzeit ein Stück Mephisto verkörpert. Er sagt oft zu allen „ihren" guten Dingen „nein", aber das Neinsagen geschieht nicht aus reiner Negationslust. Es ist vielmehr das Produkt eines hochentwickelten kritischen Bewußtseins. Zwei Jahrtausende Verbitterung und Empörung, Martyrium und „christliche Nächstenliebe" ließen tiefe Spuren zurück und lehrten den Juden auf der Hut sein. Aus diesem Grunde standen alle großen Juden, und speziell die des 19. Jahrhunderts, in einem Oppositionsverhältnis zu ihrer Zeit; der Reigen der jüdischen Oppositionellen beginnt mit Heinrich Heine. Der Dichter des Rabbi von Bacharach hat für das Treiben der 48er nur ein höhnisches Lächeln übrig; aber während der Julimonarchie ist er Demokrat und Republikaner. Karl Marx' Hauptwirken fällt in die Jahre der finstersten preußischen Reaktion. Während die Politik den deutschen Geist ausfüllte, tritt Lassalle auf und erhebt soziale Forderungen und war geneigt, die Politik dem Sozialismus zu opfern. Ja, er wollte sich sogar mit einem sozialen Königtum abfinden. Eine Monarchie, nur sozial .... Als noch Büchner und Karl Vogt mit ihrem platten Materialismus auf die Massen eindonnerten, schrieb schon Hermann Cohen seine kantische Begründung der Ethik. Man sieht, immer Opposition. Auch Nordau gehört zu den Oppositionsmännern der letzten drei Jahrzehnte Geistesgeschichte. Als er reifen Geistes und klaren Blickes in die großen Kulturkämpfe seiner Zeit trat, fand er eine rasch umsichgreifende

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