Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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(Aus dem I Auch ich möchte Max Nord au, für den ich stets tiefe Bewunderung und herzliche Sympathie empfunden habe, im Namen der italienisch-jüdischen Presse einige Worte der Huldigung, der Erkenntlichkeit und der Beglückwünschung darbringen. Dies ist ein Akt äer Freude und der Pflichterfüllung für uns, die.wir durch ihn zu neuem Leben erweckt worden sind. Dieser große Mann stellt in meinen Augen die Verkörperung des erlesensten jüdischen Geistes dar, des Geistes, dem der befruchtende revolutionäre Hauch und die träumerische Seele der Bibel eine wunderbare Lebens- und Widerstandskraft und die höchste Macht des Ideals verliehen haben. Neben den genialen Männern unseres Stammes, die, umgeben von einer antisemitischen oder quasi liberalen Gesellschaft, in Deutschland, Frankreich, Italien und anderwärts in einer so wenig liebenswerten, so wenig geistvollen Art ihre Rasse, ihre ethnischen Überlieferungen, ihre Seele verleugnen, um sie feindlichen oder heimtückischen Völkern als Tribut darzubringen und dafür ein ganz bescheidenes Plätzchen innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaften oder einen Bissen Brot an ihrer Tafel oder ein Lächeln ihrer jungen Mädchen einzutauschen, hat uns das gütige Geschick die mutige Seele Max Nordaus geschenkt, seinen strengen Charakter, seinen der Zukunft des jüdischen Volkes in Treue zugewandten Geist. Wenn man dereinst die Geschichte der jüdischen Entartung im neunzehnten Jahrhundert schreiben und die pathologischen Anstrengungen, die erbärmlichen Schwachheiten der kleinen Alltagsseelen unserer antisemitischen oder fahnenflüchtigen „Israeliten" verzeichnen wird, durch die sich dieser Abschnitt unserer nationalen Epopöe auszeichnet, wird man zum Trost und zur Wiederaufrichtung unserer Volkswürde auf die Namen Theodor Herzl und Max Nordau hinweisen. In diesen beiden Namen erklingt der Widerhall der unbezwingbaren Sehnsucht des messianischen Volkes, das Echo unserer Träume, unserer Kämpfe, unserer Ruhmestaten. Es scheint mir, als sei der beste Teil des schwärmerischen, ätzend scharfen, traumhaft zarten, großmütigen, unabhängigen Geistes der Propheten Israels durch Blut und Gesittung in die moderne abendländische und europäische Seele Max Nordaus, dieses gewaltigen Umstürzlers und genialen Wiedererbauers übergegangen. Er besitzt mehr als einzelne Wesenszüge unserer repräsentativen Geister. Wie bei der Mehrzahl der Schriftsteller und Denker des klassischen Judentums findet sich bei ihm jener machtvolle und unwiderstehliche Drang zur Zertrümmerung der Götzenbilder und Niederreißung der Lügengebäude, zur rücksichtslosen Kritik des unvernünftigen Herkommens. Er hat einen tiefen Haß gegen die leeren, wesenlosen Formen, eine Linbesiegliche Liebe zum Wahren, zum Guten, zur Gerechtigkeit. Das macht: er hat den Geist der Bibel seinem Wesen nach völlig in sich aufgenommen. Ich entsinne mich einer Enquete, die das „Sunday Magazin" seinerzeit unter den Gelehrten Europas veranstaltete. Es fragte sie, welche Stelle der Bibel ihnen am meisten zusage. Max Nordau antwortete: „Die Bibel war meine ständige Begleiterin seit den Tagen meiner Kindheit. Die Wirkungen des Schriftwortes auf mich 3 ITALIENISCHEN JUDEN inzösischen) waren verschieden in den verschiedenen Zeitabschnitten meines Lebens, doch habe ich niemals aufgehört, in der Schrift zu lesen. Hiob, der Prediger, die Psalmen nehmen den höchsten Rang in meiner Wertschätzung ein, und der Psalm, den ich allen andern vorziehe, ist der neunzigste, der von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens handelt. Ich kenne diesen Psalm wie viele andere auswendig und führe ihn sehr oft an." Dies ist denn auch der Grund, daß Nordau nach einer glänzenden Lebenslaufbahn sich veranlaßt sah, die Geschicke seines Volkes in die eigne Hand zu nehmen. Denn er fühlte in seiner Seele den Widerhall des alten Schriftwortes erzittern, den lebenspendenden Hauch der freien, kühnen Beredsamkeit unserer realistischen Denker, unserer idealistischen Träumer. Und er erkannte sich selbst, seinem Ursprung und seiner Denkweise nach, als Juden . . . Leroy-Beaulieu hat vergeblich versucht, uns den Ruhm dieser zerstörenden und neuschaffenden Genies streitig zu machen, um ihn seinem großmütigen und revolutionären Frankreich zuzusprechen. Angesichts der Lebensarbeit eines Max Nordau beteure ich, daß diese Gerechtigkeitsliebe, diese Freiheit des Geistes, diese Geringschätzung überlebten Kastengeistes und verjährter Hierarchien, dieser Haß aller Heuchelei und aller konventionellen Lügen— daß sie jüdisch waren, lange bevor sie als französisch in Anspruch genommen wurden, und daß sie den spezifischen und beständigen Charakter unserer Genies ausmachen. Ich weiß nicht, was Nordau von den Franzosen gelernt hat, aber ich weiß, worin er unsern repräsentativen Geistern gleicht und was er mit ihnen gemein hat; ich weiß ferner, was er weder den Franzosen noch den Deutschen entlehnen konnte und was er dem Judentum gegeben hat. Was er und Dr. Herzl ganz besonders uns jungen abendländischen Juden geschenkt haben, ist dies: unsere Seele und unser Recht. Dieser Gelehrte, Schriftsteller, Journalist, Romancier, dieser geschmeidige, durchdringende, feine, paradoxe, ironische, skeptische Geist, hat das großartige Werk Theodor Herzls als wahrer Dichter begleitet; er hat ihm den Glanz seines Namens, das Licht seines Wissens, die Kraft seiner Dialektik, seinen ganzen Ruhm gegeben, ja, er hat ihm vielleicht mehr gegeben als wir uns vorstellen mögen: er hat dem Zionismus, den Rechtsansprüchen und der Heimatssehnsucht des jüdischen Volkes, ein wissenschaftliches, europäisches Gepräge gegeben, hat ihm das Siegel des neunzehnten, den Passierschein zum zwanzigsten Jahrhundert dargereicht, hat ihm das Recht und die Kraft geliehen, sich nicht bloß an der Schwelle der russischen Ghetti, sondern auch im Studierzimmer des Gelehrten, in den Kreisen der modern denkenden Jugend, im Hause der emanzipierten Juden, auch in eurem freien Lande, ihr italienischen Juden, sehen lassen zu dürfen ... Und nun, wie können wir italienischen Juden Max Nordau heute unsere Dankbarkeit bekunden für die Ehre, die er unserm Namen gemacht, für die neuen Horizonte und beseligenden Zukunftsaussichten, die er unserm selbstzufriedenen, lethargischen Bewußtsein erschlossen hat? Ach, wir haben ihm nichts zu bieten, was seiner, was Israels würdig wäre. Wir sind noch immer ganz kleine Menschen, umherirrend in einer