Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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640 DIE^ELT No. 29 Beunruhigendes aus Aidin Der „Messeret" in Smyrna schreibt unter dem 30. Juni: Die Judengemeinde von Aidin hat eine der schärfsten Krisen durchzumachen. Das Herz krampft sich vor Unruhe zusammen, wenn man beobachtet, wie sehr unsere Volksgenossen in dieser Stadt seit einigen Tagen von Seiten der andern Nationalitäten, insbesondere der Christen, mit Haß und Verachtung behandelt werden. Die Ursache ist folgende: Vor fünf oder sechs Wochen brach im Laden eines Juden Feuer aus. Das Gericht mußte ihn als unschuldig erkennen. Gleichwohl wurde er auf Gerichtsbefehi eingekerkert und der Prozeß gegen den Unglücklichen geht neuerdings seinen Fortgang, nachdem der Jude schon einen Monat Untersuchungshaft hinter sich hat. Von der Tatsache, daß im Laden eines Juden Feuer ausbrach, bis zur Erfindung von tausend Legenden, ist nur ein Schritt. Es kostete wenig Mühe, die türkischen Krämer gegen die Juden aufzuwiegeln, und eine allgemeine Animosität gegen sie hat Platz gegriffen. So verging etwa ein Monat. Alles schien vergessen, als von neuem ein Brand den Laden eines Juden in Asche legte. Dieser befand sich seit zwei Tagen in Smyrna, der Laden war geschlossen. Trotzdem wurde der Krämer bei seiner Rückkehr eingekerkert. Nach Aussage der Leute, die ihn im Gefängnis besuchten, führen die Aufseher gegen alle Juden ein unzulässiges Benehmen. Der Gefangene soll geschlagen worden sein, um ein Geständnis von ihm zu erpressen. Die Verwandten und Freunde des unglücklichen Krämers werden vor Gericht in erniedrigendster Weise behandelt.^ Auf Straßen und Märkten ist nichts anderes als beschimpfende Äußerungen gegen die Juden zu hören. Man scheut sich durchaus nicht, ihnen schlimme Ereignisse anzukündigen. — Der „Aurore" bringt diese gefährliche Situation zur Kenntnis der Öffentlichkeit in der Hauptstadt und fordert die Regierung wie das ökumenische Patriarchat zu energischem Einschreiten auf. Die Juden in Aleppo Der „Tiempo" erhält folgende Daten über die jüdische Bevölkerung von Aleppo: Die Anzahl der Juden in der Stadt beträgt 15 000, die sämtlich, mit Ausnahme einiger aus Italien und andern Ländern eingewanderten spaniolischen Juden, arabisch sprechen. Ihre ökonomische Lage ist sehr kritisch; nur sehr wenige unter ihnen sind mehr oder weniger vermögend. Ihr intellektuelles Niveau ist ein sehr tiefes; sie sind religiös fanatisch und die Pflege der Wissenschaften ist bei ihnen daher verpönt. Auch die Erlernung fremder Sprachen wird perhorresziert. So kommt es, daß die Juden von Aleppo ain allgemeinen Fortschritt keinen Anteil nehmen; sie leben isoliert und stehen zu ihren Mitbürgern in keinen Beziehungen. Natürlich ist unter solchen Umständen ihre soziale Position gleich null. Die Schule der Alliance Israelite bildet einige junge Leute heran, die dazu beitragen könnten, das Niveau der Bevölkerung zu heben. Aber der Erfolg der aufgewandten Mühe ist sehr gering. Die Schule wird von 300 Kindern besucht. Eine Anzahl junger Leute, die ihre Studien beendet hatten, waren wohl imstande, sich mit Ehren ihr Brot zu verdienen. Bedauerlicherweise jedoch verließen sie zum größten Teile das Land, um anderwärts ihr Glück zu suchen, sodaß die Gemeinde keinerlei Nutzen von ihnen hat. Es gibt auch eine Anzahl Talmud Toras, alle in trauriger Verfassung. Die größte zählt 800 Kinder, wird aber in beklagenswerter Weise verwaltet. Das Schullokal ist schmutzig, der Unterricht läßt alles zu wünschen übrig; an diesem ungesunden Orte verlieren die armen Kinder viele wertvolle Jahre. Die Alliance wollte Wandel schaffen, aber sie traf den bösen Willen der Bevölkerung, die ein Attentat auf die Religion befürchtet. Tripolis in Afrika Die Lage der Juden in dieser entfernten Provinz des ottonianischen Reiches wird als eine sehr kritische geschildert. Die Ernte des letzten Jahres ist sehr mangelhaft ausgefallen, und dadurch der ökonomische Tiefstand noch bedeutend fühlbarer geworden. Viele leben in solchem Elend, daß sie sich von trockenen wilden Kräutern nähren. Mit ihrer religiösen Leitung sollen die Juden von Tripolis sehr unzufrieden sein. Aus Mesopotamien Die „Depeche Coloniale" bringt folgenden Bericht über das Gebiet der geplanten Judensiedlung, der im wesentlichen mit den Mitteilungen Sasson Effendis übereinstimmt: „Die Konfiskation der Flußschiff-Flotille Abdul Hamids, die den Dienst zwischen Bagdad und Bassarah versah, hat unsern Reformatoren Appetit gemacht. Es heißt jetzt, man solle sämtliche mesopotamischen Domänen der Liste civile parzellieren und zur Aufteilung bringen. So würde jeder Bauer und jeder Nomade Grundbesitzer; und diese Umgestaltung der Dinge, die allen eine Existenz sichern würde, hätte zum unverzüglichen Ergebnis, dem Lande die Ruhe und Sicherheit wiederzugeben. Diese Meinung scheint auf den ersten Anblick verführerisch. Aber wenn man bedenkt, daß die meisten Stämme, die auf beiden Ufern des Tigris leben, in beständigem Kriege gegeneinander oder in Empöruug gegen die Regierung sind, so mag man sich fragen, ob nicht eben die Aufteilung der Sultansgüter viel eher ihrer Begehrlichkeit und ihren Eifersüchteleien neue Nahrung geben wird. Das beste Mittel, um die Beduinen zum Verzicht auf ihre Beutepolitik zu zwingen, wäre einzig das: auf ihren Gebieten militärische Posten von genügender Beweglichkeit einzurichten, die ständig bereit wären, jeden Ruhestörungsversuch der Beduinen zu strafen und zur vollständigen Entwaffnung der Eingeborenen zu schreiten. Aber zur Erreichung dieses Zieles müßte die Militärbehörde über genügend starke Streitkräfte verfügen, und dürften die Haupträdelsführer nicht auf die Gefälligkeit und Mitschuld gewisser Regierungsbeamten rechnen können. Die Pforte kann gar nicht genug wachsam sein gegenüber den Vorgängen in den arabischen Provinzen. Denn gewisse zutage tretende Symptome erlauben kaum noch zu zweifeln, daß es in den Gemütern gärt und man ernstlich anfängt, an eine Autonomie der arabischen Wilajets zu denken. Die türkische Herrschaft kann leicht in Gefahr geraten. - — — Ober die Juden Mesopotamiens kommt aus Bassorah folgender Klagebericht an den Großrabbiner: Die Gemeinde von Bassorah beschwert sich über das Verhalten mohammedanischer Kreise gegenüber den Juden und über die Lässigkeit der Behörden, die nichts tun, um die Juden vor Obergriffen zu schützen. Sobald irgend ein Eingeborener einem Juden eine Schuld zurückzuerstatten hat oder irgendwie von einem Juden belangt wird, beschuldigt er ihn, den Islam gelästert zu haben. Der Jude wird sofort streng bestraft, ins Gefängnis geworfen oder verbannt. Der Chachambaschi richtete einen Takrir in der Sache an das Justizministerium. Türkische Propaganda für den Zionismus Noch immer ist nichts zu verzeichnen, das irgendwie die alarmierenden Nachrichten des „Jewish Chronicle" und der „Politischen Korrespondenz", die der „Chronicle" jetzt noch trotz der kategorischen Dementis bringen zu müssen glaubt, rechtfertigen könnte. Im Gegenteil ist nach wie vor in der türkischen Presse größtes Wohlwollen gegenüber unsern Bestrebungen zu konstatieren. Vor kurzem hat auch, bei Gelegenheit der Anwesenheit der türkischen Parlamentsdeputation in Smyrna, unser Gesinnungsfreund Dr. Risa Tewfik Bej, von neuem eine große Rede für den Zionismus gehalten. Der Inhalt der Rede und eine aufklärende Auseinandersetzung über unsere Bewegung ist Gegenstand eines sehr wohlwollenden Leitartikels der türkischen Zeitung „Messerret" in Smyrna geworden. Brief aus Saloniki (Von unserm Berichterstatter) Während sich der Zionismus in Mazedonien erfreulicherweise gut entwickelt, während sich die bestehenden Vereine vergrößern und neue fortwährend begründet werden, während die meisten Zeitungen — „La Nation", „El Avenir" und „La Libertad" — sich energisch für den Zionismus einsetzen, fand es das bisher zionistenfreundliche „Journal de Salonique" für nötig, einen verleumderischen Artikel gegen uns zu veröffentlichen. Wir haben nicht die Absicht, hier auf die Unwahrheit dieses Artikels einzugehen, um so mehr, als unsere bewährten Gesinnungsgenossen, Herr David Florentin, und andere bereits in ausgezeichneter Weise geantwortet haben. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß dasselbe Blatt, das jetzt diesen scharfen Angriff gegen uns bringt, noch vor 14 Tagen sich außerordentlich energisch gegen den Herrn Cohen gewandt hat, der im „Stamboul" den bekannten Schmähartikel gegen den Zionismus veröffentlichte. Wie wir damals berichteten, lehnte Herr Samuel Levy, Chefredakteur des Journal de Salonique, jede Gemeinschaft der ottomanischen Juden mit diesem Herrn Cohen ab und bezeichnete ihn direkt als einen Verräter an der Sache des türkischen und jüdischen Volkes. Und nun dieser Angriff! Man kann nur vermuten, welche Gründe es gewesen sind, die diesen eigentümlichen Stimmungswechsel hervorgerufen haben. Die zionistische Arbeit geht gut vorwärts. Der Verein Bnei Zion gewinnt immer neue Mitglieder. Auch die Vorarbeiten zur Schaffung