Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316381--52117-3345788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 29 DIE^ELT 639 chischen und armenischen auffallend viel damit beschäftigen. Beide Bevölkerungsgruppen, die in der Frage der Verteidigung ihrer Kultur vollkommen einig gehen, suchen auch den Juden als Bundesgenossen gegen die sie beunruhigenden Uniformierungspläne der Türken. Darum wandten sie sich zu wiederholten Malen an den Großrabbiner, um seine ihnen wichtig erscheinende Stellungnahme zu erfahren. Nun soll zwar nicht geleugnet werden, daß es für den offiziellen Vertreter der ottomanischen Jud^n sehr schwierig sein muß, hier die richtige Haltung einzunehmen. Immerhin darf man aber wohl eine festbestimmte, durch prinzipielle und praktische Faktoren kausal erzwungene Stellungnahme erwarten. Merkwürdigerweise ist es jedoch eine absolute Unmöglichkeit, aus den verschiedenen bei verschiedenen Gelegenheiten abgegebenen Äußerungen des Chachambaschi zu einer klaren Ansicht von seinen Meinungen und Plänen zu gelangen. Wir hatten schon einmal hinter das merkwürdige Interview im griechischen „Proodos" unser Fragezeichen gesetzt, das der Sprachenfrage für die Juden alle Bedeutung abspricht, weil es überhaupt |kein Hebräisch als Unterrichtssprache in jüdischen Schulen gebe. Wir mußten einen Irrtum des Redakteurs annehmen, um nicht eine Unkenntnis der Tatsachen beim Großrabbiner konstatieren zu müssen. Zur Beunruhigung aber gab diese Auslassung noch keinen Grund, sie bezeugte höchstens einen Indifferentismus, jedenfalls keine Gegnerschaft gegen unser nationales Sprachgut. Vor einigen Tagen hat ein Redakteur der türkischen Zeitung „Ittihad" den Chachambaschi über dieselbe Frage interpelliert. Die Antwort war diesmal beunruhigend. Nicht nur, daß die Ausführungen im „Proodos" Bestätigung erfuhren; sie wurden auch in .einem antihebräischen und antinationalen Sinne fortgesponnen und erweitert. Damals hieß es doch noch wenigstens: In der Zukunft vielleicht, wenn die „israelitische" Sprache sich unter den Juden, die das ottomanische Reich bewohnen, „ausbreiten wird . . .", und damit war die Möglichkeit einer Hebräisierung der ottomanischen Juden noch zugegeben oder gar als gewiß angenommen. Dem Redakteur des „Ittihad" gegenüber sind jedoch völlig andere Töne angeschlagen worden. „Die Religion", sagte der Chachambaschi bei dieser Gelegenheit, „ist das einzige einigende Band der ottomanischen Juden. Die hebräische Sprache bedeutet nichts Vereinendes. Ihre einzige Daseinsberechtigung besteht in den Gebeten. Im Unterricht hat sie keinen Platz. Wir werden alle bestehenden jüdischen Schulen der Stadt so reformieren, daß das Türkische die einzige Unterrichtssprache in ihnen bildet. Wir werden alles für die Verbreitung des Türkischen unter den Juden tun. Wir werden alle Zeugnisse der hebräischen Literatur, die Bibel, den Talmud und das Gebetbuch ins Türkische übersetzen lassen." Also Assimilation von allerreinstem Wasser. Die alte Leier der französischen Reformrabbiner, nur mit einem großen Stich ins Lächerliche. Den türkischen Juden, die kein Türkisch verstehen,- die hebräische Bibel und die Gebete, die sie wohl verstehen, ins unverstandene Türkisch übersetzen! Aber das beiseite: wer wird diese vom Chachambaschi proklamierte — türkische Kulturarbeit verrichten? Die Gelehrten, die das könnten, sollen erst noch geboren werden. Man bedenke, den Talmud türkisch! Risutn teneatis, amici! Die gleiche Utopie ist diese neueste Reform der Schulen. Um die türkische Sprache jüdische Kinder zu lehren, mögen sich, wenn nicht jüdische, so doch mohammedanische Lehrer finden. Aber um sie als Unterrichtssprache für alle Lehrgegenstände zu benutzen, dazu werden die existierenden Kräfte nicht hinreichen. Oder will der Großrabbiner die Schulen vollkommen nichtjüdischen Lehrern ausliefern? Will er sie des jüdischen Charakters — es handelt sich um bisherige Talmud-Thoras — vollkommen entkleiden? Ein solches Unterfangen würde ein schmähliches Fiasko erfahren. Die gutjüdische Bevölkerung Konstantinopels wird sich dies Ansinnen nicht gefallen lassen. Es gibt aber noch eine dritte Verlautbarung Nahums aus den letzten Tagen. Von ihr, die dem armenischen Patriarchen gegenüber erfolgte, berichten die armenischen Blätter. Man wird sich nicht wenig wundern, hier etwas Drittes, wieder völlig anderes, zu vernehmen. „Der Großrabbiner", so referiert „La Turquie", „hat erklärt, daß die neue Maßregel bezüglich der nichtmuselmanischen Schulen die jüdischen Schulen gar nicht berühre; denn die neue Generation besuche die französischen Institutionen. (!) Was die israelitischen Schulen betrifft, so sind das Institute, die lediglich zur Ausbildung von Rabbinern funktionieren und rein „dogmatischen" Charakters sind." Man müßte wieder an einen Irrtum der referierenden Blätter glauben, wenn sie nicht schon einmal recht behalten hätten. Die jüdischen Schulen im Staate sind rein „rabbinisch", „dogmatisch"! Man sucht vergebens eine, die auf diese Charakteristik paßt. Es müßte denn das „Rabbinerseminar" in der Konstantinopeler Vorstadt Kuskurdschuk sein, an dem sechs oder sieben halbwüchsige Jünglinge unter nicht viel weniger zahlreichen Professoren „lernen". Und was sind die französischen Institutionen? Die Schulen der Alliance oder die Missionsanstalten? Und andere als diese besucht die neue jüdische Generation wirklich nicht, in Konstantinopel, in Salonik und in Palästina auch nicht. Ist der Bericht der „Turquie" nicht apokryph, so signalieren die Ausführungen des Großrabbiners eine schwere politische Gefahr für die türkischen Juden. Es bestände demnach die Absicht, sämtliche jüdischen Schüler, die höhere Fortbildung suchen, den unter französischem, also ausländischem Schutze stehenden, nicht ottomanisch werdenden Schulen der Alliance zu überantworten, um etwaigen Forderungen und Schwierigkeiten der ottomanischen Gesetzgebung zu entgehen. Wir wollen das nicht glauben. Soweit kann der politische Takt des Großrabbiners sich nicht verirren; ein Dementi muß kommen! Vor der Wahl, in seiner Eigenschaft als Kaimakam, und wenige Tage nach vollzogener Wahl, hat sich Chaim Nahum über seine Schulpläne Ihrem Berichterstatter gegenüber in Gegenwart anderer Journalisten völlig anders geäußert. Diese Auslassungen haben seinerzeit das Entzücken der hebräischen Presse gebildet. Damals war keine Rede weder von ausländisch-französischen Institutionen noch von türkischen Talmud-Thoras. Damals erklärte der Großrabbiner in schöner Spontanität, mit Kraft und Bestimmtheit, daß er alles tun werde, um aus den Konstantinopeler Talmud-Thoras gute Volksschulen mit hebräischer Unterrichtssprache zu machen, neben der auch das Türkische in ausreichendem Maße gelehrt werden sollte. „Und wie wird sich die Bevölkerung dazu stellen?" fragte dazumal Ihr Berichterstatter. „Die Bevölkerung wird sehr befriedigt sein; sie verlangt die stärkere Kultivierung des Hebräischen." „Und wo werden Sie die hebräischen Lehrer hernehmen?" „Aus Palästina und Rußland. Wir werden auch an unserm Seminar in Kuskurdschuk eine neue Abteilung als hebräisches Lehrerseminar errichten, das genügend Kräfte liefern wird." — Diese Worte, die erst wenige Monate alt sind, scheinen vollkommen vergessen. Denkt der Großrabbiner an seinen Schwur vor der ganzen Nationalversammlung, der Religion und der jüdischen Nation die Treue zu halten? Oder gibt es Einflüsse außer ihm, die ihn dazu bringen, türkisch - assimilatorische und französisch-assimilatorische Intentionen lieber zu verwirklichen, als sein von ihm selbst aufgestelltes und dem Geiste nach beschworenes Programm zu befolgen? Dekoration Der Sultan hat dem Großrabbiner ChaYm Nahum Effendi den Großkordon des Medschidie-Ordens verliehen. Der rote Zettel Aus Anlaß der Nachricht von der Intervention des Chachambaschi wegen des roten Zettels wird der „Aurore" aus Salonik geschrieben: „Die gute Nachricht hat hier einen ausgezeichneten Eindruck hervorgerufen. Man wünscht von ganzem Herzen, daß die unternommenen Schritte von Erfolg sein möchten. Einige nehmen an, das Verbot sei seinerzeit beschlossen und angenommen worden infolge der Organisation und Ausbreitung des Zionismus. Nichts ist verkehrter. Das Verbot des dauernden Aufenthalts einwandernder Juden in Palästina datiert vom Jahre 1890, also fünf Jahre vor dem berühmten Werke Herzls, und sehr lange, bevor der Zionismus organisiert war. Die entwürdigende Sonderbehandlung der einwandernden Juden war eine Erfindung des despotischen Willkürregiments infolge wer weiß welcher selbstsüchtigen Intrigen. Der Zionismus hat nichts damit zu schaffen. Es ist gut, das zu wissen und zu sagen." Der Minister des Innern Lhat vom Gouverneur von Jerusalem, Subhi Bej, Informationen eingefordert. Auch ist Subhi Bej nach Konstantinopel berufen worden. Wie verlautet, wird er Mittwoch hier eintreffen. Ein Dementi Letzthin hatten die Blätter angezeigt, die ottomanische Regierung habe Maßnahmen für die Ansiedlung von dreihundert jüdischen Familien, die sich in die Türkei geflüchtet hätten, in verschiedenen Städten Ciliciens getroffen. Wie die Erkundigungen der „Aurore" an maßgebenden Stellen ergeben haben, ist keinerlei ähnliche Anordnung ergangen.