Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 2× ep/1047930
- Beirut 1× ep/1047833
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WEDELT No. 29 einem Jahr angefangen, an Stelle der fremden, jüdische Wächter einzuführen. Da uns aber — worin auch alle so ziemlich einig sind — ,,die physische Kraft allein nicht zum Siege führen wird, so ist für uns auch eine energische Verfechtung unserer Rechte und Interessen bei den regierenden Behörden von großer Wichtigkeit. Und — last not least — erfordert jede Beziehung zu den Eingeborenen von uns jenen klugen, gleichgewogenen Takt, der in dem Verständnis ihrer Natur wurzelt — und dies wird uns, als dem höher kultivierten, inmitten eines primitiven Volkes den Vorrang sichern können. . . . Noch einen Blick vom Tabor auf das schöne Gelände. Leider ist qoch immer alles umwölkt und die berühmt weite Aussicht stark beeinträchtigt. Nur streift der Blick noch im Abschied das Stufenland des Kineret und jene Berge, welche die Ebenen Sebulun und Genessar begrenzen. Auf der andern Seite geht es wieder zur Ebene Jesreel, die fast endlos hingestreckt ist. Und ganz nahe bedecken die alten Dörfer Endor und Na'in den Abhang des kleinen Hermon. Um den Weg zu kürzen, führt mich der Araber mitten durch die duftenden Weizenfelder der meilenweit unbewohnten Ebene, stundenlang bis nach der Bahnstation El Fuleh. In Haifa hört man von den Erschütterungen der Gegenrevolution in Konstantinopel. Auch an den Grenzen Palästinas, in Beirut und Damaskus und selbst in dem nahen Akko waren Unruhen ausgebrochen. Soweit waren wir in Galiläa von allem entfernt, daß wir gar nichts davon wußten. Im Bogen umfährt auch die „Diligence" den lieblichen Landvorsprung am Karmeliterkloster. Eine gute Straße, eine Strecke weit von deutschen Siedlungen besetzt, mit starkem Wagenverkehr. In der Nähe schimmert das Meer. Die Vorgebirge des Karmel erstrecken sich immer näher und dichter. Wir halten in Atlit, der kleinen neuen Kolonie, die nur acht Häuschen und ungefähr ebensoviele Anfangskolonisten hat. Auch die landwirtschaftliche Versuchsstation wird in kurzem hier angelegt werden. Kaum bleibt uns Zeit, auf die interessante Umgebung auch nur einen flüchtigen Blick zu werfen, wo in großen Felsgebilden, von dichtem Gestrüpp bewachsen, kammerartige Höhlungen und taubenschlagartige Löcher eingehauen sind. Die mittelalterliche Festung, auf einer Landzunge vorgestreckt, ist nur in grauem Düster aus der Ferne sichtbar. Der Weg führt nahe an Tantura vorüber, wo ein hohes Gebäude die einstige jüdische Glasfabrik bezeichnet. Außerdem soll noch ein „Kolonist" hier wohnen. Bald geht es in eines der Quertäler, wo der Weg sich in weiter Rundung aufwärts windet. Und von dem Hügel winken schon zwischen Eukalyptusbäumen die Häuser von Sichron. So liegt diese Kolonie mitten auf der vielbefahrenen, von Haifa nach Jaffa führenden Straße. Das hat zur Folge, daß einerseits viele am Verkehrswesen ihren Lebensunterhalt haben und anderseits die Kolonie, welche noch unter dem arabischen Namen Samaria überall bekannt ist, immer Scharen von Arabern beherbergt. Araber wohnen auch als „Choreten" in jüdischen Häusern, — wie dies auch in Rosch Pinah anzutreffen ist, — gegen Miete oder ländliche und häusliche Dienstleistungen. Aber seit dem letzten Jahre gibt es auch eine gewisse Zahl jüdischer Arbeiter. Die Straßen sind modern und wie in allen Rothschild'schen Kolonien die öffentlichen Gebäude und Anlagen von einer gewissen Schönheit, so namentlich das Bet-Am (im Administrationsgebäude), und die Synagoge, der Garten, das Hospital, endlich der zweitgrößte Weinkeller Palästinas und eine Dampfmühle. Die Schule ist in großem Maßstabe eingerichtet und wird in guter Disziplin geleitet. Der Arzt der Kolonie, ein bekannter Zionist, ist weithin bekannt und gilt bei den Arabern als eine Art Wundermann. Die Kolonie hat auch ihre eigenartige landschaftliche Schönheit. Wenn man von einem Eukalyptenhain den Abhang hinabblickt dann rollen zu Füßen in einiger Entfernung die Wellen des Strandes. Und wenn Wolken über die Kolonie ziehen, dann wird das dunkle Bild der von Zwergeichen und allerlei sonstigem Gestrüpp bewachsenen Hügel und Täler nur noch reicher an Tönungen des Schattens. Zu Sichron Jakob gehören noch die bis eineinhalb Stunden entfernten Tochterkolonien: Schewega und Bat Schlomoh (arab. Em ei Hamal, die Mutter der Kamele). Sie liegen ganz besonders lieblich, zwischen Bäumen gebettet, und bieten reizende Ausblicke in lieblich gewundene Täler. Merkwürdigerweise hat jede dieser Kolonien, welche etwa je zehn Familien aufweisen, noch ihre besondere Schule. Manche „Ruinen" aus jüngster Zeit werden uns gezeigt, eine Riesenschule, die einst für ein Sanatorium bestimmt war, ein großes Wirtschaftsgebäude für eine Mustermeierei, wo eine Zeitlang auch die Belkindsche Schule eingerichtet war. Auch die Glasfabrik von Tantura wie die Seidenspinnerei von Rosch Pinah gehören in jene projektreiche Epoche. Indes hat die Bevölkerungszahl dieser Kolonien in den letzten Jahren sehr abgenommen, da die bearbeiteten Felder meist zu weit entfernt lagen, und nur jetzt wird von einer erweiterten Bodenerwerbung und Besiedlung in Bat-Schlomoh gesprochen. Unweit von Sichron endet das Bergland, und die fette Erde bildet mit dem vordringenden Meerwasser ein riesiges Sumpfgebiet. Diese Sümpfe aber waren es, welche in Chederah lange Jahre dem schwarzen Sumpffieber traurige Ernte bereitet haben. So wurden denn gleich Bollwerken eine halbe Million Eukalyp'ten gegen die Sümpfe hin aufgerichtet, stellenweise ganze Wälder bildend. So ist auch Chederah, das wir nach mehreren Stunden von Sichron aus erreichen, ganz in einem Wald der dunklen Bäume verborgen. Die Häuser gleichen einigermaßen Waldhäuschen und stehen weit voneinander geschieden. In frühern Jahren pflegten die Bewohner der Kolonie in den Sommermonaten vor der. tückischen Krankheit einfach zu flüchten. Jetzt soll durch eine Vertiefung des Brunnens in den letzten beiden Jahren die Krankheit nahezu ein Ende gefunden haben. Und die überaus fruchtbare „schwarze Erde" lockt, wenn auch noch nicht zu neuer Kolonisation, aber doch zum gesteigerten, zumeist gesellschaftlichen Anbau, z. B. des Pflanzungsvereins, der Gesellschaft „lzhar", des „Gan Samuel" und der Besitzung von „Chefsiboh", einem Landstriche nahe am Meeresufer. Merkwürdig aber ist, daß die in Chederah herangewachsenen jungen Leute — und manche von ihnen spielen sogar in der Gemeindeleitung die führende Rolle — mit besonderm Stolze und Zukunftsfreudigkeit diesen opferreichen Heimatsboden lieben. Dann aber sinkt der Abend so eigen über uns herab, wenn von dem Flusse bleicher Dunst aufsteigt und die Bäume schwere Schatten werfen, — indes noch von den blühenden Feldern heiteres Mädchenlachen tönt. Und man hört bis hierher das Rauschen des unsichtbaren Meeres. Von Chederah bis Jaffa bleibt die Ebene Saron fast ohne Veränderung. Nur vereinzelte Dörfer und Chans und blauer feiner Bergessand zeigen einigen Wechsel, bis ein satteres Grün, wohlbestellte Pflanzungen und ein einzelnes Häuschen inmitten die Stelle von Kephar Saba anzeigen, die Zukunftskolonie, die zunächst von Petach Tikwah aus bebaut und bald wohl auch besiedelt werden wird. Und bald geht es über die Brücken des Audja, und stundenlang im Anblick der Bojaren von Petach Tikwah. Und dann erblickt man schon den „Napoleonsberg", der in einer Nacht aufgeschanzt worden sein soll, und bald auch Jaffa, die Dünen und die Berge Judäas.