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Die Welt · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 29 O ff-v; O(□□□□□□ o o VS —0 / _ DIEIqKELT _= FEUILLETON 635 o □□□□□□ Ii o CS- O GALILÄA Reiseeindrücke Von Dr. Ernst Müller (Schluß) Safed, obwohl erst im Mittelalter historischer Erwähnung geerfüllt hätte, würdigt, wurde später der Hauptsitz der neueren Kabbala, indem Salomo Molcho, Irchek Luria der „Löwe", der theoretischen und praktischen Mystik und dessen Schüler Chaim Vital hier die Herrlichkeiten des Messiasreiches erwarteten. Auch wurde hier das große Gesetzeswerk des Schulchan Aruch verfaßt. So wurde denn auch Safed, das in seiner Anlage ein wenig an Jerusalem erinnert, zu einer der heiligsten Städte Palästinas und von den Mystikern mit unter die „vier Länder des Lebens" gerechnet. Aber keine sichtbaren Erinnerungen haften an diesen Wundergeschichten —, denn wiederholt haben Pest und Erdbeben die Stadt und ihre Bewohner vollständig vernichtet. Das letzte verheerende Erdbeben erfolgte 1837, und noch heute ist zu seiner Erinnrung ein besondrer Fasttag eingesetzt. Aber Safed ist auch seiner Lage nach eine der merkwürdigsten Städte Palästinas. 1100 m hoch über dem Kineretsee, umgibt es von drei Seiten die Kuppe eines hohen Berges. Vor den Blicken breite Talbuchten zwischen Bergkuppen, daruntec vor allem der Dschehel Arüz und Dschehel Dschermak, die höchsten Berge Galiläas. Auch sind Tiberias und Safed, die Tiefen- und die Höhenstadt gegeneinander sichtbar. Einer der Berge hat noch einen Krater erhalten und auch die eigentümliche Um wellung an dem Gipfel bei Safed erinnert an vulkanische Gebilde. Den gegenüberstehenden Abhang, von Safed durch eine tiefe Talsenke geschieden, bedeken zahllose Ölbäume und „der Quell der Ölbäume" sprudelt in deren Schatten. Ebenso heißt aber auch neben dem großen Dorfe die kleine jüdische Kolonie, deren Boden gleich dem von Rosch-Pinah den süßesten Wein trägt. Ain Seitun steht grade dem mächtigen Dschermak gegenüber und auch das Glockenhaupt des Tabor ist aus weiter Ferne sichtbar. Ein ziemlich ausgedehntes Gebiet wurde hier von einer russischen Gesellschaft gekauft und soll endlich besiedelt werden, nachdem bis jetzt zwischen den vier bewohnenden Familien nur Zank und ein seit zwanzig Jahren aufgeschobener Prozeß herrschten. Es gibt keinen größern Gegensatz als zwischen dem Äußern und dem Innern Safeds. Die schmutzigsten Gäßchen Jerusalems bestehen, was Reinlichkeit betrifft, in Ehren vor diesen. So hat auch hier die Heiligkeit der Stätten Schmutz und wie es heißt, auch Verderbnis nach sich gezogen. Vor dem Eingang der Judenstadt hat aber die Mission ihre Prachtbauten hingestellt, und nur das große neugebaute Spital scheint einem dringenden Bedürfnis zu entsprechen. Ein Regenguß, der so lange erwartete, allen verspätete Spätregen, überrascht uns mitten in den geradern kloakenhaften Gäßchen. Die Leute leben fast ausschließlich der Frömmigkeit, sie empfangen „Chalukah" und gehen auch an Werktagen mit dem „Streimel" angetan. Die meisten sind Polen, Ungarn und Galizier und zum großen Teile österreichische Untertanen. Sie tragen das ganze Golus mit sich, und jedes kleinste galizische Städtchen hat seine besondere „Klaus". Unser Gefährte schwelgt in Entzücken, denn die seltensten Chassidim sind hier zu finden. Drüben aber an dem Abhang des mächtigen Berges in Meron gibt es noch eine Art Pilger- oder Naturkult. Denn dahin strömen an jedem Log-B'omerfeste Tausende fromme Juden an das Grabmal Simon ben Jochais,' des kabbalistischen Heiligen. Die Sage erzählt, das an diesem seinem Todestage ein seltsames Licht die Welt Darum zünden sie an diesem Abend ein riesiges Feuer an, welches Tausende im Tanze umkreisen, unter Absingung des Liedes von den zehn Sphären, mit dem immerwährenden Refrain: „Bar Jochai, Bar Jochai". In der Frühlings- und Pessachzeit ist Galiläa mancher fröhlicher Wanderungen Ziel. Wer nur ein geringes an Zeit und Mitteln aufzubringen vermag, gliedert sich irgendeiner Gesellschaft an. Aus Rechowoth, aus Jaffa, aus Petach-Tikwah und Jerusalem, zu Fuß, zu Bahn, zu Schiff und Kahn, Esel und Pferd. Ein schwächliches Mädchen ist von Jaffa bis Metulla zu Fuß gelaufen, und ein ängstlicher Lehrer reitet auf einem Pferde von Rosch Pinah bis Tiberias. Ein in Palästina neu Angekommener hält auch mit, um sogleich Galiläa zu studieren, und ein Bezalelschüler kommt, um Landschaften am Tiberiassee zu malen. Dann erwartet man die legendarischen „achtzehn Millionäre", die aus Rußland gekommen sein sollen, um große Landstücke in Palästina zu kaufen. Aber auch Bialik, der in Judäa mit Enthusiasmus begrüßt wurde, soll in kurzem hierherkommen. So gibt es zu der Fülle neuer Eindrücke, neuer Bekannter noch ein vervielfachtes Wiedersehen. . . . Dann aber sollten wir auch manche ernsten Seiten im Leben Galiläas kennen lernen. Ein tragischer Zufall erschüttert in den letzten Tagen einen großen Teil von Galiläa. Ein Mitglied einer Gesellschaft hat in einer unangenehmen Begegnung auf einen Araber geschossen und ihn unseligerweise tödlich getroffen. Der Getroffene soll noch dazu ein christlicher Bürger eines altchristlichen Dorfes gewesen sein. Da der Reisende nach Sedjerah flüchtete, kehrte sich die Blutrache vor allem gegen diese Kolonie. Und jetzt hat das blutige Verhängnis zwei Arbeiter der Farm hinweggerafft. Noch ist allenthalben Schrecken oder noch mehr eine gewisse Gedrücktheit bemerkbar. Mehreremal noch wiederholen sich kleinere oder größere Überfälle und Verfolgungen auf der Straße und diebische Übergriffe an den Feldergrenzen, und wenn man arbeiten geht, führt man die Waffe mit sich. Auch ist die nächtliche Bewachung stärker und aufgeregter. In einem Augenblicke erkennt man fast verzagt die eigene geringe physische Verteidigungsmacht. Und aus mehrfachen Gründen scheinen diese Gegenden gefährdeter als andere. Die benachbarten Araber stehen teilweise dem rohen Urzustände näher als anderswo und sind anderseits mit moderner Bewaffnung ausgerüstet. Da sind zunächst die Beduinen, und wie mir jemand erzählt, war ehemals der Jordanübergang vom Hauran aus in diesen Gegenden selbst von allen Karawanen gefürchtet. Dann die kriegerischen Tscherkessen, welche in einem riesengroßen, stadtähnlichen Dorfe vereinigt sind, und die moghrebinischen Araber. Sodann stehen die christlichen Araber in der Umgebung von Nazareth einer antijüdischen Agitation näher. Endlich bietet — namentlich seit der Gewährung der Konstitution — die Frage des Bodens Gelegenheit zu einer den Juden feindseligen Propaganda, welche sich sogar in Zeitungen geltend macht. Unserseits besitzen wir keine neuen Mittel, um diese Gefahren endgültig zu bannen. Das einzige ist, um eventuellen Angriffen gefaßt gegenüberzustehen, eine gute innere, schließlich mehr moralisch als physisch wirkende Beschützung. Und man hat erst seit

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