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Die Welt · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 29 DIE^ELT 633 Volksgesinnung, die die türkischen Zionisten nicht verabsäumen werden, hier ein Weiteres für unsere Sprache tun wird, ist als gewiß zu betrachten. Wenn durch Vorträge, Schule und Presse die sephardische Judenheit mit den Schöpfungen der modernen hebräischen Literatur bekannt und vertraut gemacht sein wird, wird ihr die große Bedeutung ihrer nationalen Sprache als kulturfördernden Elements mehr und mehr aufgehen. Sie werden begreifen, daß es um eine große Stufe hinabsteigen hieße, wenn sie, anstatt das Türkische aus praktischen und patriotischen Gründen sich anzueignen und zunutze zu machen, es mit Inbrunst als ihre neue einzige Kultursprache begrüßen wollten, der alle geistigen Anstrengungen zuzuwenden seien. Ihr nationales Selbstgefühl wird das nicht gestatten. Es wird gewiß eine Zeit kommen, wo sie für diesen ihren nationalen Schatz mit genau der Glut eintreten werden wie die andern, bereits selbstbewußt erzogenen ottomanischen Nationalitäten. Es ist unvorsichtig, mitten im Strom der Entwicklung den Propheten spielen zu wollen. Wenn man aber alle Winke und Anzeichen, Neigungen und Kräfte aufmerksam abschätzt, wird es doch vielleicht nicht allzu falsch sein, wenn man dem Sprachenproblem der ottomanischen Bürger das Prognostikon folgendermaßen stellt: Das Spaniolische werden sie nach und nach verlieren, das Französische als Luxus- und Vermittlungssprache behalten. Das Türkische wird immer mehr zum Bürgerbesitz und praktischen Lebensinstrument werden (in arabischen Gegenden vorwiegend das Arabische), und das Hebräische wird sich zu ihrer Kultursprache, zum einigenden Band für alle in der Türkei lebenden Juden, von Palästina ausgehend in immer weitern Kreisen als Schul- und Presse-Idiom, und vielleicht auch — inschallah! — zum lebendigen Organ des Familienlebens entwickeln. Bis dahin wird es aber noch viel Verwirrung, Kampf und Arbeit geben. 0 II—II II—II PALÄSTINA D u □ Beratung des Palästinarates über die Unter« Stützungen des Odessaer Komitees Der Palästinarat beschäftigte sich in mehreren Sitzungen der letzten Wochen mit der Prüfung der vom Odessaer Komitee zu bewilligenden Subventionen an palästinensische Schulen und Bildungsinstitute. Das Odessaer Komitee unterhält bekanntlich die Mädchenschule in Jaffa, ferner subventioniert es mit einem großem Beitrag das Hebräische Gymnasium in Jaffa und viele Kolonieschulen sowie Kindergärten mit Beiträgen von 500 bis 2000 Frcs. Auch unterhält das Odessaer Komitee an den Allianceschulen in Beyroutb, Chaifa und einigen andern Orten den hebräischen Unterricht durch volle Besoldung des hebräischen Lehrers. Die Ansicht der Mehrheit der Mitglieder des Palästinarates ging dahin, daß der hebräische Unterricht in den Allianceschulen nicht den gewünschten Erfolg bringe, da die Stundenzahl zu gering bemessen sei und der hebräische Lehrer in der Regel zu schwach sei, um gegen die assimilierende Wirkung der ganzen Umgebung mit Erfolg anzukämpfen. Die Lehrer sehen sich daher zumeist nach einiger Zeit in ihrer Arbeit enttäuscht und geben dieselbe auf. Man beschloß daher, eine weitere Unterstützung der Schulen in Beyrouth und Chaifa, wenn die jetzigen Lehrer ihre Posten verlassen werden, nicht zu befürworten. In bezug auf die Kindergärten meinte die Mehrheit, daß deren Existenz durch den Hilfsverein der Deutschen Juden, der den größten Teil ihrer Unterhaltungskosten trägt, genügend gesichert sei. Das jetzt für die Kindergärten verwendete Geld sollte zur Begründung eines Seminars für Kindergärtnerinnen bestimmt werden. Der von der Direktion der Mädchenschule vorgeschlagene Etat wurde im allgemeinen zur Genehmigung befürwortet, jedoch die Errichtung der obersten zwei Klassen erst dann für zweckmäßig erachtet, wenn für diese eine genügende Anzahl von Schülerinnen (zu mindest 12) vorhanden wäre. — Im übrigen wurde wieder die Wichtigkeit einer Ausbildung der altern Mädchen für Erwersberufe hervorgehoben. Auch dem vom Hebräischen Gymnasium in Jaffa für das neue Schuljahr verlangten Beitrag von 5000 Frcs. wurde zugestimmt. Achuzath-Baith Jaffa, 27. Juni. Vor einigen Tagen begann ein Mitglied des Vereins Achuzath-Baith sein Haus zu bauen, — das erste dieser Kolonie. Da der Bauunternehmer hierbei nicht einen einzigen der seit einiger Zeit in Jaffa ohne Arbeit herumgehenden jüdischen Maurerarbeiter beschäftigte, entstand eine große Erregung in den Arbeiterkreisen, die zur tätlichen Mißhandlung des Bauführers durch einen Arbeiter führte. Der Palästinarat sah sich nun veranlaßt, eine Versammlung aller beteiligten Parteien einzuberufen. Es wurde beschlossen, eine Kommission einzusetzen, die einerseits die berechtigten Interessen der jüdischen Arbeiter in Schutz nehmen soll, anderseits darauf zu achten hat, daß in Ruhe und Ordnung die Arbeit vor sich gehe und keinerlei Vergewaltigung Platz greife. Die Kommission soll aus sieben Mitgliedern bestehen. Ein Mitglied, Herr Dr. Thon, wurde seitens des Palästinarates gewählt und je drei Mitglieder sollen Arbeiter und Unternehmer berufen. Demnächst soll der Bau des neuen Gebäudes des Hebräischen Gymnasiums aus der Stiftung des Herrn Moser beginnen. Von einigen Projekten wurde das des Architekten Barsky in Jerusalem von der Baukommission akzeptiert und der Bau dem Unternehmer Chelouche, der auch den Bau der Mädchenschule ausgeführt hat, übertragen. Sezession der jüdischen Arbeiter aus Gederah Kaum acht Monate sind verstrichen, seitdem jüdische Arbeiter in die Kolonie Gederah (Katra) eingeführt wurden, und nun haben wir leider schon von ihrer Sezession zu berichten. Bekanntlich sind vor kurzem in Rechowoth und Katra eine größere Anzahl von jemenitischen Familien aufgenommen worden. Schon seit Jahren setzte man auf die Jemeniten große Erwartungen, in denen man das erwünschte Arbeiterelement" für unsere Kolonien zu finden hoffte. In der Tat bedeutet für die Jemeniten die Niederlassung in den jüdischen Kolonien einen bedeutenden sozialen Aufschwung, ihre Einwanderung nach Palästina nur eine Verbesserung ihrer Daseinsbedingungen. Sie haben auch den großen Vorzug, da sie vom heißen Jemen kommen, dem palästinensischen Klima gegenüber viel widerstandsfähiger zu sein, als die europäischen Einwanderer. In der kurzen Zeit, in der sie hier arbeiten, haben sie sich auch recht gut bewährt. Sie sind zwar zumeist ganz ausgehungert und deshalb zur Arbeit sehr schwach, aber fleißig und ehrlich in der Arbeit, anspruchs- und bedürfnislos. Die Kolonisten waren auch -mit den neuen Arbeitern zufrieden und suchten (insbesondere in Katra) ihre Niederlassung durch Errichtung von Häusern zu fördern. Nun hat aber das Verbot des Rabbi Gerschun bei den Jemeniten leider keine Geltung und ein vor Hunger sterbender Schlucker kann sich doch den Luxus von drei bis vier — und wenn sein Liebesbedürfnis noch immer nicht befriedigt ist — noch mehr Weibern leisten. Ein Weib war auch die Ursache eines Streits zwischen zwei verwandten jemenitischen Familien in Rechowoth und Katra, der schließlich öffentlichen Anstoß erregte und zu einer Intervention der Verwaltungskomitees beider Kolonien Anlaß gab. Nun widersetzte sich aber der betreffende Jemenite den Anordnungen des Waad (Komitee) in Katra und verwundete, als man mit Gewalt seinen Widerstand brechen wollte, einen jüdischen Kolonisten und zwei arabische Arbeiter. Da die Dorfgenossen der verwundeten Araber an der ganzen Kolonie nach arabischer Sitte Blutrache genommen hätten, wenn Katra den Jemeniten unter seinen Schutz genommen hätte, und dadurch die ganze Kolonie in eine sehr gefährliche Lage geraten wäre, wurde beschlossen, den Angreifer den Regierungsorganen auszuliefern, insbesondere da dadurch sein eignes Leben in viel größerer Sicherheit war. Gegen dieses Vorgehen der Kolonie protestierten die jüdischen Arbeiter (seit kurzer Zeit gibt es in Katra 15 — 18 ständige junge europäisch-jüdische Arbeiter) und verließen am darauffolgenden Morgen insgesamt die Kolonie. Man mag über das Vorgehen der Kolonie Katra wie immer denken, man mag diesen Schritt, den einen für die Gesamtheit preiszugeben, als vernünftig und richtig halten oder ihn als einen bedauernswerten Bruch der jüdischen Solidarität, wie er in Palästina vielleicht noch nicht vorgekommen ist, verurteilen, der Protest der Arbeiter durch Niederlegen der Arbeit bleibt für alle Fälle im

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