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Die Welt · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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632 DI£3äEELT No. 29 Bis dahin hatten sie, wie die andern nichtmohammedanischen Elemente des Reiches, ein von dem Gesamtleben des Staates ziemlich abgeschiedenes Dasein geführt, die Existenz eines Staates, wenn auch eines höchst armseligen, im Staate. Religion, Sitte, politische Situation, Sprache, Ökonomische Gliederung, alles sonderte sie ab und schloß sie in ein Ghetto ohne Mauern. Unter diesen Umständen konnte ein Streben nach Aneignung der Sprache des Staates und des herrschenden Elements in höherm Maße nicht aufkommen. Die eignen zwei Idiome, das Spaniolische fürs Volk und das Französische für die obern Zehntausend reichten aus. Das Türkische war Domäne der wenigen Glücklichen, durch Talent oder — hamidische Gunst Ausgezeichneten, der Militärärzte und Advokaten. Nicht einmal der oberste Chef der jüdisch-ottomanischen Gemeinschaft, der Chachambaschi, hatte es für nötig befunden, sich die türkische Sprache anzueignen, und bediente sich eines Dolmetschs vor seinem Souverän. Daß eine Änderung der Dinge eintreten könnte, die die Unkenntnis der Landessprache zu einem schweren Manko werden lassen könnte, fiel niemandem ein. Es waren merkwürdigerweise zuallererst die Zionisten, die von draußen her zu näherer Hingabe an die Staatsinteressen und zur Erlernung des Türkischen mahnten, das ein nützliches Werkzeug zur Vertretung der eignen, insbesondere der palästinensisch-jüdischen Angelegenheiten vor der Zentralregierung werden konnte, das aus einer größern Anzahl von Juden kleinere Beamte von lokaler Bedeutung machen, und so, da wo es nötig war, den jüdischen Einfluß erhöhen und befestigen konnte. Diese Ratschläge hatten jedoch keine initiatorische Kraft, da sie lediglich an die palästinensischen, zionstistisch denkenden Juden gerichtet war; sie trafen auf Aschkenasim und fremde Untertanen und zudem ein Milieu, das arabisch und nicht türkisch war. Dem Hilfsverein der deutschen Juden erst gebührt das Verdienst, als erste Instanz nicht nur das Prinzip der Notwendigkeit der Erlernung der Landessprache für die türkischen Juden aufgestellt, sondern auch die ersten wirksamen Schritte zur praktischen Durchführung dieses Prinzips getan zu haben. In eirrem Moment, wo von „anderer" Seite der Hilfsverein dafür verketzertwird, daß er die ottomanischen Juden nur hebraisiere, darf wohl daran erinnert werden, daß die Schulen des Hilfsvereins in Konstantinopel noch unter dem alten Regime die einzigen waren, die das Türkische als Hauptgegenstand unterrichteten. Die Alliance, der von ihren Anhängern das Prinzip zugeschrieben wird, die ihr anvertrauten Kinder an ihre Umgebung zu assimilieren und zu guten Vollbürgern zu machen, hat, unentwegt ihr Ziel der Französierung verfolgend, erst in letzter Stunde, von der konstitutionellen Strömung und dem Beispiele des Hilfsvereins gezwungen, sich dazu verstanden, dem Türkischen ein etwas weniger bescheidenes Plätzchen im Lehrplan anzuweisen. Sofort nach Einführung der Konstitution gab es denn auch unter den türkischen Juden ein allgemeines Bedauern. Es erwies sich nun, daß jetzt, wo die Ghetti der nichtmohammedanischen Nationen sich öffneten, den Juden durchaus die Kräfte fehlten, um in die Staatsmaschine, die unzählige Hände brauchen konnte, wirksam einzugreifen. Es fehlte ihnen das elementarste Werkzeug, das Türkische. Es gab sogar Gegenden, wo die Aufstellung jüdischer Parlamentskandidaturen nur aus diesem einen Grunde großen Schwierigkeiten begegnete. Die Offiziers- und Gendarmerieschulen werden heute allen Bürgern des Reiches eröffnet; für die Juden bleibt einstweilen dieser Vorteil aus dem gleichen Grunde mehr oder weniger illusorisch. Wir setzen uns nicht in Widerspruch mit uns selbst, wenn wir auf einer Seite gegen Assimilation und auf der andern für ausreichenden Besitz der türkischen Sprache bei den ottomanischen Juden plädieren. Man kann alle Vorteile aus diesem Sprachbesitz ziehen, der zugleich die Erfüllung einer Bürgerpflicht bedeutet, ohne darum ein Turkomane werden zu müssen und die nationalen Ehrenpflichten und Interessen zu verleugnen. Es muß leider konstatiert werden, daß der alte Fehler unseres Stammes, nur die Extreme zu suchen und zu realisieren, auch hier wieder im Begriff ist Gestalt anzunehmen. Unter denselben Juden, die bis dahin fast nicht mehr vom Türkischen wußten, als was nötig ist, um mit dem Bootsmann, dem Hauswächter und dem Milch- oder Obstverkäufer um einige Paras zu markten, fehlen schon heute die Stimmen nicht, die einen Ersatz aller eignen bisher kultivierten Sprachen (das heilige Französisch ausgenommen) durch das Türkische verlangen möchten. Das hört man vor allem dem Hebräischen gegenüber, unserer nationalen Sprache par excellence, von der wir gleich noch ausführlicher sprechen werden. Es ist dieselbe Seite, die natiönalpolitisch die Juden am liebsten vollkommen verschwinden sehen möchten und mit Emphase, womöglich unter Denunzierung der Nationalgesinnten, ihren monotürkischen Patriotismus in alle vier Winde schreit. So hat die Assimilation überall in der Welt begonnen. Und doch ist, so hoffen wir, die Türkei für sie kein Feld. Nicht nur kategorische Imperative, sondern auch kategorische Tatsachen nationaler Natur stehen ihr entgegen. Erstens die exklusive Natur des Nationaltürken, die aus dem Mohammedanismus ihre Wurzel zieht und aus ihm viel mehr ein religiös, als national gestempeltes Rasseindividuum macht. Zweitens aber das religiöse Gesetz des Türken, das Scheriat, das die Mischehe ohne den Übertritt zum Islam verbietet. Drittens die alte jüdische Rassenfestigkeit, die es zuwege brachte, daß seit Jahrhunderten zum Islam übergetretene Juden doch keine Türken wurden, sondern Dönm6s, Halbjuden, blieben und sind. Viertens die Existenz einer Reihe anderer, nicht assimilationsfähiger Nationalitäten im Reiche, deren Beispiel gegengewichtig wirksam bleibt. Fünfjtens die altererbten jüdischen, vom Staat anerkannten nationalen Organisationsformen und Privilegien. Sechstens die Französierung durch die Alliance. Siebtens die Existenz Palästinas innerhalb des ottomanischen Reiches. Achtens die hebräische Sprache. Wir rechnen auf sie nicht zu allerwenigst. Sie hat ihre Wurzeln in der ottomanischen Juden heit bis zum heutigen Tage nicht ganz verloren. Man fühlt allenthalben noch das Hohe, Geheiligte, Unauslöschliche an ihr, man hängt noch an ihr, wie man noch als Ideal an Palästina hängt. Die einfache, von der Alliance noch nicht unnatürlich veränderte jüdische Bevölkerung ist glücklich, wenn sie diese reden hört und ihren Kindern als lebendige Sprache vermittelt sieht. Und gerade die sträfliche Vernachlässigung dieses nationalen Gutes ist es, die einen Teil dieser Bevölkerung, vielleicht den wichtigsten, den von Salonik, der sonst als Vorsehung betrachteten Alliance entfremdet hat. Wahrscheinlich wird diese Tendenz noch wachsen. Denn, wenn es eine Zeitlang schien, als hätte man sich in Paris und Berlin eines Bessern besonnen und darum die Inspektionskommission in den Orient gesandt, so mußte das famose Ergebnis dieser Blitzztigs-Inspektionskommission bald wieder jede Hoffnung täuschen. Erst kürzlich hat ja Rabbiner Israel Levy aus Paris, einer der drei Kommissäre, in einem sehr deutlichen Artikel, den man, wie alle ähnlichen anationalen Verlautbarungen, möglichst schnell und möglichst weitum in der Türkei reproduzieren läßt, festgestellt, daß die vorgefundenen Resultate im Hebräischen durchaus genügten, und daß nach wie vor die ausschließliche Bevorzugung des Französischen sich als das Zweckentsprechendste erwiesen habe. Um diese Feststellung zu illustrieren, sei angeführt, daß der hebräische Unterricht, der einige Wochen oder Monate vor Ankunft der Kommission an den hiesigen Mädchenschulen der Alliance eingeführt worden war und in einem Einpauken französisch transskribierter hebräischer Gebete und der Erlernung des Lesens bestand, bald nach dem Verschwinden der gefürchteten Kommission vom Lehrplan wieder spurlos verschwunden ist. Daß auch hier der Hilfsverein der deutschen Juden ganz andere Wege wandelt, mag ihm die Alliance ruhig weiter zum Vorwurf machen. Die hiesige jüdisch fühlende Bevölkerung weiß ihm dafür unendlich Dank und beklagt nur, daß die Anzahl seiner Institute zu der Nachfrage noch in keinem Verhältnis steht. Daß die hiesigen Juden den ausgiebigen Unterricht des Hebräischen als lebender Sprache wünscht und verlangt, hat mir noch während seiner Kaimakamperiode der jetzige Großrabbiner Haim Nahum ausdrücklich versichert und darauf seine Absicht basiert, sämtliche Talmud Toras der Hauptstadt zu hebräisch-türkischen Volksschulen umzugestalten. Von dieser Absicht hat sich freilich bis jetzt leider nichts realisiert, aus Mangel an Mitteln oder aus sonstigen Gründen. Dagegen verlautet nun, daß die Alliance sich die Reformierung der Talmud Toras angelegen sein lassen werde. Wenn der Großrabbiner da nicht mit besonderer Energie zugunsten des von ihm proklamierten Hebräisch intervenieren wird, wird wenig national Erfreuliches zutage kommen. Was in Konstantinopel versäumt wird, hat in Salonik alle Aussicht zum Leben. Die national gesinnte Jugend, der Eifer des dortigen Großrabbiners für die Sache, und die Stimmung gegen die Alliance werden das begonnene Werk der Modernisierung und Hebraisierung der Talmud Toras hoffentlich zur Erfüllung bringen. Es besteht für mich auch kein Zweifel, daß die Entwicklung Palästinas zu einem hebräischen Zentrum mit der Zeit von bedeutender Einwirkung auf die alltürkische Judenheit sein wird. Schon jetzt werden die dortigen hebräischen Schulen, Lehrmethoden, Bücher und Lehrer für das Reich auf dem Gebiete des Hebräischen zum Muster. Und das wird noch um vieles wirksamer werden, wenn die großartige alljüdische Schöpfung des jüdischen Technikums ins Leben getreten sein wird. Schon jetzt finden die hebräischen Blätter des Heiligen Landes einigen Absatz unter den türkischen Spaniolen, und Stimmen nach einem eignen hebräischen Organ oder wenigstens einer Beilage zu einer der spaniolisch erscheinenden Zeitschriften werden vernehmbar. Daß die fortschreitende Nationalisierung der

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