Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 29 =D1E: Werkzeug zu dienen, so werden Fesseln für sie geschmiedet und ihrer Kultivierung Hindernisse geschaffen. Darum gerade aber werden auf der andern Seite die nationalen Selbsterhaltungstriebe aufgestachelt; der alte Väter- und Kulturstolz tritt gewappnet den Angriffen auf die Sprachen entgegen, der nationale Ehrenstandpunkt steht gegen die nivellierungssüchtige Reichsidee. Daher der gewaltige Kulturkampf, der heute zwischen dem türkischen Herrscherstamm und den christlichen Nationen ausgebrochen ist. Dieser Kampf ist nicht nur voll Brutalität, sondern auch voll Schönheit. Er zeigt ein edles Aufbäumen, ein Einsetzen nationaler Persönlichkeiten für edle nationale Werte. Die jüdische Nation, die kulturälteste aller im ottomanischen Reiche befindlichen und sicherlich nicht die kultur- und überlieferungsärmste, fehlt vollständig in diesem Kampfe. Neben den ihre Sprachen verteidigenden Griechen, Bulgaren und Armeniern sind die Juden nicht zu finden. Das ist vom praktischen Standpunkte zu begrüßen; es erspart ihnen ein Renkontre mit den Türken, mit denen in ungetrübtestem Einvernehmen zu leben, in ihrem höchsten Interesse liegt. Aber in idealem Sinne ist das bedenklich. Haben die ottomanischen Juden kein nationales Sprachgut, das angegriffen werden und dessen Verteidigung ein großes nationales Erwecken herbeirufen könnte? So ist es. Oder mit geringer Einschränkung ist es so. Die türkischen Juden haben im allgemeinen, genau wie die Juden aller andern Länder, keine in ihnen lebendige nationale Sprache. Äußerlich besehen zwar scheint es anders. Der größere Teil von ihnen spricht spaniolisch; eine Menge-Zeitungen erscheinen in diesem Idiome; ihre alteingesessenen Schulen, die Talmud Toras und Jeschibas verwenden es als Sprache des Unterrichts, die Nationalversammlung und ihre Kanzlei als Amtssprache. Gleichwohl ist es kein Organ der Gesamtheit. Syrien und Palästina kennen es nur wenig; hier dominiert das Arabische, und nach Norden und Osten hin bereiten ihm auch andere Mundarten Konkurrenz. Das gilt für die Verbreitung. Aber auch in der Tiefe besehen, kann das Spaniolische als nationale Sprache nicht gelten. Es hat keine Tradition und keine Kultur aufzuweisen. Die echt spanische Kultur, deren Form es einst war, ist von den spaniolischen Juden längst vergessen, und eine neue hat es sich nicht geschaffen. Es war zwar im Anfang, vielleicht Jahrhunderte noch, der Ausdruck einer höhern Gesittung der Juden inmitten einer völlig barbarischen Umwelt, hat aber schließlich doch eine gewisse Angleichung der ottomanischen Juden an die Türken und vor allem die türkischen Griechen nicht verhindern können, so daß seit lange bereits kaum noch von einem höhern Kulturniveau der Juden gegenüber dem umgebenden Milieu die Rede sein kann. Seit dieser Epoche ist das Spanische nur noch die Judensprache geblieben aus alter Anhänglichkeit, aus Atavismus, wenn man will, aus Trägheit. Der Stempel dieser Trägheit ist auch seiner Bildung aufgeprägt. Das Spaniolische ist arm; wenigstens wird es von seinen eigenen Adepten dafür angesehen; türkische und griechische Sprachelemente sind in es eingedrungen und ohne rechte Assimilierung unvermittelt in ihm stehengeblieben. Es ist überaus arm an Begriffen; höhere Ideen lassen sich kaum in ihm wiedergeben. Es ist etwa der Stand des jüdisch-deutschen Idioms vor seiner Modernisierungs¬ und Nationalisierungsepoche, vielleicht noch einige Stufen tiefer, da das ganze Kulturmilieu, in dem es steht, ein viel tieferes ist als das des Jiddisch. Das Ergebnis dieser Erkenntnis ist, daß der Sephardi seine eigene Sprache mißachtet, ja beinahe haßt. In der Jugend wenigstens ist dies Gefühl weit verbreitet. Und so ist eine steigende Entwicklung zur Aufgabe dieses Idioms zu beobachten. Die gebildeteren Stände hören auf, es im Hause zu sprechen, die Jugend seine Preßorgane zu lesen, von seinen andern Literaturerzeugnissen ganz zu schweigen, da sie im Volke bereits völlig verlorengegangen zu sein scheinen. Was haben nun die spaniolischen Juden dafür eingetauscht? Nach Analogie der Entwicklung der Juden Europas müßte die Landessprache es sein, die das eigene Sprachgut verdrängte. Hier war es nicht so. Hier ist das Problem interressanter, verwickelter. Erstlich standen zwei oder gar mehr Sprachen auf einmal gleichwertig zur Annahme den Juden zur Verfügung, und dieses Gleichgewicht verhinderte die ausschließliche Bevorzugung einer bestimmten. Außerdem bot die Aneignung einer von ihnen unter der Herrschaft der alten Zustände keine hervorragenden Vorteile. Das Türkische nicht, weil die Juden wie alle Nichtmohamedaner nur wenig Zugang zu den öffentlichen Ämtern hatten und der Handel nicht in Händen der Türken lag; die Sprachen der christlichen Nationen nicht, weil einerseits die Kluft zwischen ihnen und den Juden zu groß war, anderseits weil die Stellung dieser Nationen dem herrschenden Element gegenüber durchaus nicht eine so günstige war, daß ein näherer Anschluß an sie hätte erwünscht sein können. JKELT 631 Diese Ursachen waren es, die eine tief ergehende Assimilation, eine Assimilation mit Bewußtsein und System, bei der großen Mehrheit der ottomanischen Juden, den spaniolischen, bis zum heutigen Tage ausgeschlossen haben und sie als unterschiedliche Volksgruppe für nationale Empfindungen und Gedanken empfindlich erhalten haben. Von ganz anderer Seite her kam der Gegeneinfluß, der ihnen zugleich einen Ersatz für die unbeholfene und mißachtete spaniolische Sprache herbeischaffte, von der Alliance Israelite, die den orientalischen Juden das Französische vermittelte. Man kann nicht darüber hinwegsehen, daß das Französische beinahe zur zweiten Muttersprache für einen Teil der sephardischen Juden geworden ist. Dieser Teil sind die bemittelteren Stände. Denn nur für diese, und nicht für die armen, die sie vielmehr den verwahrlosten Talmud Toras oder der Straße überläßt, hat die Alliance etwas geleistet. Alle Dickleibigkeit der Jahresberichte hilft darüber nicht hinweg. Diese bemittelteren Stände aber hat sie in erheblichem Grade französiert. Die Mißachtung des Spaniolischen kam ihren Bemühungen entgegen, und in umgekehrter Richtung wirkend, hat wieder die Vorliebe für die moderne „vornehme" Sprache des „einzigen" Paris die Verachtung für das ererbte Idiom gesteigert. So ist es gekommen, daß heute die obern jüdischen Zehntausend im Hause, im Familienverkehr, in Geschäften gern dem Französischen den Vorzug geben, daß so ziemlich jeder Spaniole, der überhaupt europäische Lettern entziffern kann, das Französische liest und versteht, und daß ganz besonders die Jugend sich der Sprache der bewunderten „grande nation" als Vermittlerin alles Wissens und aller höhern Lebensgenüsse bedient. Die spaniolischen Blätter selbst, die doch ein Zeugnis der Lebensfähigkeit des Spaniolischen sein sollten, sind es nicht, sondern enthalten, genau wie die spaniolischen Reden der offiziellen jüdischen Versammlungen, ziemlich unverfälschtes, nur durch spanische Endungen unkenntlich gemachtes Französisch. Ein seltsamer Assimilationsversuch, der da durch eine importierte Sprache, der die importierte Pariser Kleider- und Theatermode Unterstützung.lieh, an den türkischen Juden vorgenommen wurde. Eine Assimilation an ein weit entferntes Land und Volk, ein Unikum unter den Assimilationen! Aber es gibt nichts so Unsinniges, das nicht auch ein Körnchen Vernunft in sich hätte. Dieser ausländische Import war doch bis zu einem gewissen Grade auch einheimischen Interessen dienlich. Ein Ersatz für die Landessprachen war das Französische nicht, und konnte es nie werden; eine Brücke zum Verständnis der Volksart, in deren Mitte man lebte, war es nicht. Aber auf einem schmalen Umwege kam es doch als gewisser Ersatz dafür in Geltung. Denn die Türken, wenigstens die Gebildeten unter ihnen, hatten selber aus einer gewissen Notwendigkeit und Vorliebe heraus sich das Französische angeeignet; und so konnte der gebildete türkische Jude, der kein Türkisch verstand, mit dem gebildeten türkischen Mohammedaner, dem das Spaniolische erst recht fremd war, sich durch Vermittlung des Französischen verständigen. Eine sonderbare Erscheinung, für die in irgendeinem andern Lande der Welt Analogien zu finden, wohl schwer fallen dürfte! Und^ da will man noch von der besondern Anpassungsfähigkeit der jüdischen Seele sprechen. Ein schwerfälligerer Weg war von der Assimilationsgeschichte nicht gut zu erdenken. Von höherer Warte aus gesehen, liegt ein großer Glücksfall in dieser Entwicklung. Die Alliance Israelite hat — natürlich ohne daß ihre kleinen Werkzeuge im Orient den Willen dazu gehabt hätten — eine gut jüdisch-nationale Mission vollführt. Das Französische, dies assimilatorische Werkzeug par excellence, ist im Orient zum Assimilationshindernis par excellence geworden. Daß die Anähnlichung an das französische Wesen selbst nicht gelingen konnte, ist ja selbstverständlich. In die untern Volksschichten drang das Französische überhaupt nicht recht ein, und auch für die andern war das Vorbild-Milieu viel zu entfernt, als daß es gründlich hätte wirksam sein können. Aber auch die Assimilierting an die Landesart ist durch das Französische unmöglich geworden. Es spiegelte den Assimilationsreifen einen Ersatz vor und fesselte sie durch die erheblichen Vorteile im Broterwerb, die seine Kenntnis für Handel und Studium mit sich brachte. Es erweckte schließlich den Goüt für höhere Kultur, der wieder ein Hindernis für die restlose Annahme der Landessprache wurde, da diese mit ihrem niedern Kulturniveau ihn keineswegs befriedigen konnte. Das Resultat des Prozesses also war, daß die halbe, unmöglich konsequent durchzuführende Französierung die mögliche vollkommene Türkisierung der ottomanischen Juden verhinderte. Die türkischen Juden sind dadurch, was sie waren, eine in sich geschlossene, unbewußt national geprägte, einem nationalen Weck- und Sammelrufe verhältnismäßig zugängliche Volksmasse geblieben. Mit der Verkündigung der Konstitution am 24. Juli 1908 ist eine ganz neue Situation auch für die Juden der Türkei entstanden. 9*