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Die Welt · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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630 : DIE2 Gunst des kleinen Volkes, die manchem ja unentbehrlich ist, behaupten will, muß ihm schmeicheln, sich ihm gegenüber in den Grenzen seines Begriffsvermögens halten und vor allem die jugendliche Phantasie zu beschäftigen suchen. Herz und Kopf des Kindes verlangen unausgesetzt Beschäftigung, sonst können sie gefährlich werden wie Volksmassen, die der Leitung bedürfen seitens des Geistesadels. Der Blick der Kinder ist scharf, weil er noch ungetrübt ist, und daher erleben sie nicht selten an denen, die ihnen stets über alles ehrwürdig sein sollten, an den eignen Eltern, ihre ersten Enttäuschungen. Je nach der Individualität der Kinder sind dieselben bewußt oder unbewußt, das will sagen, klar empfunden oder nur geahnt. Immer aber wirken sie unheilvoll, weil sie eine bergende Hülle abstreifen und die Wirklichkeit in ihr ernstes, nur zu oft trauriges Recht zu treten beginnt. Das Kind aber hat eine Scheu vor der Wirklichkeit, es lebt in einer erträumten Welt. Ahnt es, daß jene seinem traumhaften Glück allmählich den Staub von den glänzenden Schmetterlingsflügeln abstreifen wird, so fühlt es sich unglücklich. Diese unbewußte Scheu vor der Wirklichkeit, deren Verständnis nur mit dem besten Herzblut jedes einzelnen erkauft wird, erklärt die leidenschaftliche Neigung der kleinen Weltbürger für das Märchen, das ein Bild der wirklichen Welt ist, aber ihre Stacheln und Dornen unter phantastischen Hüllen birgt und alles in eine unbestimmte Vergangenheit rückt, in deren Dämmerhelle Himmel und Erde zusammenfließen; „Es war einmal," — so tönte es allabendlich von dem altväterlichen Lehnsessel am Ofen, in dem die Großmutter zu sitzen pflegte. Das Feuer im Ofen prasselte gar lustig und strich seine zitternden Lichter auf die Wände und die Decke des Gemachs, bis die Lampe hereingebracht wurde, die mit ihrem klaren Schein alles Grauen und Gruseln der kleinen Leute zerstörte. Nur in der Dämmerung waren die Märchen schön. Die kleinen Herzen klopften jedesmal zum Zerspringen, wenn die sanfte Stimme, der Leben und Leiden alle Schärfe genommen, anhub: „Es war einmal." Der Knabe stand stets am Sessel der Erzählerin und zwar so nahe, als wollte er ihr die Worte vom Munde stehlen. Das kleine Mädchen mit den goldnen Locken saß auf einem Schemel zu den Füßen und lehnte sich an ihren Schoß, als werde ihm der Kopf zu schwer von all dem Wunderbaren, das es vernahm. Die Alte strich oft mit der Hand über das seidene Haar des Kindes. Oft aber war die alte Frau gar nicht in der Stimmung, Märchen zu erzählen, denn ihre Gedanken schweiften gerade zur Zeit der Dämmerung weit in die Vergangenheit zurück, und oft stockte sie unwillkürlich. An die Stelle der Märchengestalten traten andere, die der Wirklichkeit angehört und-das Märchen ihres eignen Daseins belebt hatten, deren Geschichte sich aber jetzt in die drei einfachen Worte zusammendrängen ließ: Es war einmal. „Byloje" (Gewesenes) — das ist der Titel der periodisch erscheinenden Sammelschrift Burtzews, die der Heroengeschichte der Revolution gewidmet ist. Keine Großmutter und keine Märchen, — aber es mutet einem märchenhaft an, wenn man die tatendurstige, geschichtsverachtende Revolution, den Griffel der Klio schwingen sieht. Ganz anders ist der schöne, historische Sammelband: „Pereshitoje" (Erlebtes) geartet, der ernste und belehrende Arbeiten aus der neuern Geschichte der russischen Juden enthält. Aber man £ELT No. 29 kann sich des Eindrucks kaum erwehren, daß nach der fieberhaften Aktualität, und nach der traurigen Ernüchterung ein Umschwung zugunsten der Geschichte und des Märchens eingetreten ist. Es ist so etwas wie Geschichte und Märchen zusammen. Man steckt noch zu tief in der Gegenwart, um für reine Erinnerungen Sinn zu haben. Es ist eher angewandte Geschichte, Wirklichkeitsmärchen. Die Erinnerungen locken oft Tränen aus den alten, müden Augen der Großmutter, aber sie werden schnell und verstohlen getrocknet, und die Kinder gewahren sie im Zwielicht nicht. Sie möchte ihre eigenen Gedanken fortspinnen, aber war das zauberkräftige: „Es war einmal" gesprochen, so sieht sie sich gezwungen, den vielversprechenden Anfang fortzusetzen, denn die Spannung in der sich die Kinder befinden, läßt keine Unterbrechung zu. Ja, im Rahmen des Märchens schauen die Kinder den bunten Inhalt des Lebens. Nach und nach weichen aber die Märchen wieder in die Nacht, der sie enttaucht, zurück, je mehr sich das Märchen des Lebens dem heranreifenden Jüngling und endlich dem reifen Manne erschließt. Er gewinnt Sinn für die Wirklichkeit, aber wenn er sie recht ins Auge faßt, sieht er, daß auch sie ein Märchen ist. Denn für alles Bestehende heißt die Formel der Zukunft, die mit Blitzesschnelle zur Gegenwart wird: „Es war einmal". Nicht nur „es war", aber „es ist" auch, und „es wird sein", — all die einseitigen Übertreibungen sind müssig und vorübergehend. Alles auf Erden ist ein Gleichnis, das Menschenleben ein Gleichnis der Geschichte, und diese ein Gleichnis des Menschenlebens. Man sollte die Aktualität, wie es zur Zeit der Revolution in der russischen Judengasse geschah, nicht überschätzen und es ist gut, daß man zur Geschichte zurückgreift, daß Geschichtswerke erscheinen, daß eine historisch-ethnographische Kommission in Petersburg Material sammelt, daß sogar in jüdischer Sprache Geschichtsbücher herausgegeben oder geplant werden. Es ist ein bezeichnender Zug der Zeit, aber auch dieser Zug darf nicht, übertrieben werden. Wichtiger noch als die Vergangenheit ist die Zukunft. Wohin steuern wir und was soll aus uns werden? Das ist nicht mehr für Großmütter und Enkel, sondern für Propheten und denkende Völker. Die Worte ungezählter Großmütter, mit denen sie hinieden die trauten, alten Geschichten erzählten, wenn gläubige Kinderaugen begierig an ihren Lippen hingen, und all die Erlebnisse der Vergangenheit, — was sind sie gegen die Märchenschönheit einer selbständig zu meisternden Zukunft, von der es richtig heißt: Wenn ihr wollt, so ist das kein Märchen? Möge sich der neu erwachte jüdische Sinn für Vergangenheit auch der Zukunft zuwenden! N. S. Die Sprachen der ottotnanischen Juden Von Dr. Israel Auerbach-Konstantinopel Die Sprachenfrage ist im ottomanischen Reiche auf der Tagesordnung. Der Grundsatz des alten Regimes, das laisser faire, laisser passer regiert nicht mehr. Alles wird jetzt von den Herrschenden daraufhin geprüft, ob es den Bestand des Reichsganzen fördert, gleichgültig läßt oder gefährdet. Und diese politische Wage müssen heute auch die Sprachen der ottomanischen Völker passieren. Stehen sie im Verdacht, einem separatistischen Chauvinismus als

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