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Die Welt · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 29 NEBELT 629 auf jene Lügennachricht. Mit welcher unverhohlenen Genugtuung wird sie verbreitet, in deutschen, in österreichischen, in französischen, in russischen Zeitungen!' Endlich etwas schlechtes über den Zionismus! Und mit keinem Worte, nicht mit einer Silbe werden die Richtigstellungen, die längst erfolgt sind, auch nur erwähnt, wird auch nur angedeutet, daß es sich nicht um Tatsachen, sondern um bestenfalls unkontrollierbare Meldungen handelt. Was wäre denn erreicht, wenn jene Nachrichten richtig gewesen wären? Der letzte Versuch einer endlichen Lösung der unendlichen Judennot wäre vielleicht gescheitert, unsägliche Arbeit und Mühe, tausend sehnsuchtsvolle Hoffnungen wären bis auf weiteres in Nichts zerflossen. Die graue Öde des Alltags hätte sich wiederum erstickend und erdrückend auf das jüdische Volk gelegt. Und darum Freude und Jubel! Fürwahr, es wäre schlimm um uns bestellt, wenn jene Organisationen, wenn jene Organe in Wirklichkeit das jüdische Volk repräsentierten. Und das ist es, was uns das wehe Gefühl, das uns angesichts dieser moralischen und ethischen Verwirrung beschleicht, mildert und uns über jene Niederung hinweg zu reineren Höhen emporblicken läßt. Das jüdische Volk hat nichts gemein mit dieser Schmach. Es weiß nichts von jenen Organisationen und es hat keinen Anteil an diesem Elaboraten. Im Volke selbst lebt noch und webt noch der uralte, urjüdische Gedanke der jüdischen Einheit, und keine Organisation und keinem Presserzeugnis soll es gelingen, den Gedanken zu Schanden zu machen. Sie selbst werden zu Schanden werden und in dem Sumpf versinken, den sie gezüchtet haben, das jüdische Volk aber sagt sich los von diesen Einrichtungen, von diesen Männern. Und der Gedanke der jüdischen Einheit wird doch triumphieren, denn er ist der Gedanke des Judentums. Es wird einem Juden wehe, wenn Internationale Heuchelei (B) er ejnen Aufruf den m englische Erzbischöfe und Bischöfe gegen die Andauer der gesetzlosen Zustände im Kongostaat erlassen. „Wir weigern uns, zu glauben," — heißt es am Schlüsse dieses Aufrufes — „daß die Diplomatie am Ende ihrer Auskunftsmittel angelangt ist. Wir glauben, daß in den Gemütern derjenigen, die sich von den Grundsätzen des Evangeliums leiten zu lassen wünschen, tief und wachsend die Empfindung Wurzel geschlagen hat, daß die Dinge in der bisherigen Weise ohne Unehre nicht weitergehen können. Die Grundsätze der Freiheit, für die das britische Volk seit hundert Jahren gestritten hat, stehen heute auf dem Spiel. Falls die Mitglieder der christlichen Kirchen des Landes ihre Stimmen vernehmlich machen, müssen die Staatsmänner, und nicht nur diejenigen Englands, notwendig Gehör schenken, und die besten Instinkte jedes gesitteten Landes werden darauf antworten. Nach unserm Ermessen besteht bei weitem das wichtigste der britischen Interessen in der Aufrechterhaltung der sittlichen Kraft der Nation, und die größte aller Gefahren, die die Nation laufen kann, in der Preisgebung ihrer sittlichen Verpflichtungen." Es handelt sich wohlgemerkt um den Kongostaat, und nicht etwa um Rumänien oder Rußland. Am Kongo werden, wie es heißt, die Neger nicht gerade menschenfreundlich behandelt, man zwingt sie in die Sklaverei — vulgo Zwangsarbeit. In Rußland hat man bekanntlich keine Neger, aber Juden. Und man schickt sie nicht nur in die Sklaverei nach Sibirien, man massakriert sie, und zwar gleichfalls im „abgekürzten" Verfahren. Und in Rumänien macht man es nicht viel anders. Es bedarf nicht erst des Nachweises, daß durch die Barbareien der russischen und der rumänischen Regierung um das Hundertfache mehr Menschen getötet, mehr Existenzen vernichtet werden, als durch die verfehlten Maßnahmen der Kongoregierung. Und doch ist nicht bekannt geworden, daß die englischen Bischöfe gegen die Judenverfolgung Einspruch erhöben. Oder daß sie gar von der englischen Diplomatie ein energisches Einschreiten gegen jene Greueltaten verlangt hätten. Und schließlich liegt Rußland und Rumänien England näher als der Kongostaat, und schließlich handelt es sich da immerhin um Weiße, zwar nur um Juden, aber unbestrittenermaßen um Träger der Zivilisation, die der Welt schon ein wenig mehr Kultur gebracht haben, als die Neger auf beiden Seiten des Kongo. Aber vergessen wir nicht, daß in dem Aufruf von den „britischen Interessen" die Rede ist, die am Kongo bedroht sind. Die Juden, die man in Rußland totschlägt und in Rumänien ins Elend treibt, stehen nicht in Geschäftsverbindung mit der Londoner City. Im Kongostaat aber ist zweifellos noch Geld zu verdienen. ZEITSTROMUN GEN Die Gegenwart hatte alle Geister und Gemüter wie ein Schwamm aufgesogen. Nicht die Gegenwart, sondern der Augenblick. Was vor einer Minute war, sah wie etwas Vorsintflutliches aus. Was nach einer Minute sein wird, — darum kümmerte man sich so wenig wie um das Ende der Welt. Die Literatur ist in die Presse, die Presse in die letzten Depeschen aufgegangen. Alles, was man gelitten und gehofft, worüber man gestritten und wofür man sich begeistert hat, lag im Moment, alles mußte augenfällig sein wie eine Demonstration und betäubend wie eine Bombe. Da war kein Platz für historische Erinnerungen oder für Zukunftspläne. Der auf den Moment gerichtete Blick, der überspannte Wirklichkeitssinn, das extreme Aufbauschen der Aktualität ließ nur dasjenige gelten, was sofort erreicht werden kann. Die Theorien wurden auf den Markt getragen; was der Markt guthieß, nur das war lebendig. Dieser Maßstab ließ „Jiddisch" aktueller erscheinen als Hebräisch, eine Zeitung aktueller als ein Buch, ein Blättchen aktueller als eine Zeitung. Das Kinema beherrschte die Schaulust, der sofortige Nervenreiz verdrängte die ruhige Belehrung. Es war ein Schießen und ein Platzen. Man schoß nicht nur mit Kugeln, sondern auch mit Proklamationen; nicht nur Bomben platzten, sondern auch die wunderlichsten Programme. Was nicht schoß und platzte, wurde gar nicht bemerkt. Die Revolution hatte ihre Engel und ihre Dämonen. Die Engel haben nichts erreicht, — wer weiß, wann sie ihr Werk wieder aufnehmen werden? Die Dämonen haben weit und breit ihre Verheerungen angerichtet. In der jüdischen Gasse sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Man beginnt sich erst wieder zu besinnen, daß es eigentlich noch nationale Interessen, daß es ein Judentum, eine hebräische Sprache, einen Zionismus gibt. Man reckt die Glieder wie nach einem krankhaften Schlaf mit Fieberträumen. Und * man beginnt langsam wieder Geschichte zu studieren und auch nach der Zukunft den Blick zu richten. „Es war einmal." — So begann die Großmutter stets ihre Erzählung, die sie den Kindern in der Dämmerstunde nicht vorenthalten durfte, denn die kleinen Tyrannen ließen ihr keine Ruhe, bis die Zauberformel der drei Worte erklang. Kinder sind eigenartige Wesen; alles, was ihnen Liebe und Zärtlichkeit freiwillig bietet, betrachten sie als ihr Recht, und wehe dem, der es ihnen zu versagen wagt. In dem großen Staat der Kleinen gibt es Intrigen und Revolutionen wie nur je in der Welt der Erwachsenen, und wer sich in der 2

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