Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 28 DIE^gELT 615 Wie verschieden wurde aber diese Frage selbst . vofi der russischen Regierung, je nach der Richtung der allgemeinen Politik, gelöst! Im Dezember 1905 unterbreitete der damalige Unterrichtsminister Graf Tolstoi dem Ministerrat eine Eingabe, in der er auf die Gefährlichkeit eines ZuStandes hinwies, der eine ganze Bevölkerungsschicht des Rechts auf Bildung beraube, zumal in Rußland, wo anderseits der Mangel an gebildeten Kräften sich immer wieder fühlbar mache. Er machte darauf aufmerksam, daß die betreffenden Beschränkungen das Anwachsen der revolutionären Stimmung fördere, was nicht nur für die jüdische, sondern auch für die christliche Jugend gelte, da diese keine berechtigten Gründe für eine solch grausame Maßnahme finde und u» a. auch deswegen der Regierung feindselig gegenüberstehe» Im Ministerrat wurden Tolstois Ausführungen noch durch den Hinweis ergänzt, daß die Befürchtung einer Überfüllung der Hochschulen mit Juden jeder Grundlage entbehrten, daß sodann, falls diese Befürchtung ernst zu nehmen wäre, nur die Verbreitung von Wissen in der gesamten Bevölkerung als Gegenmittel in Betracht käme. Die Mehrheit der Minister stimmte Tolstoi zu, und selbst der Erzreaktionär Durnowo hatte nur formelle Bedenken, rief aber dem Minister zu: „Nehmen Sie, soviel Sie wollen, Juden auf; wir werden Sie daran nicht hindern. Wozu aber wollen Sie ein Zirkular aufheben?" Mit zehn Stimmen gegen drei gegnerische — Durnowo, Akimow, Birilew — beschloß dann der Ministerrat, alle für die Aufnahme von Juden in die Hochschulen seit 1887 geltenden Beschränkungen aufzuheben. Dieser Beschluß, obwohl von den Ministern unterzeichnet und von der Reichsdruckerei vervielfältigt, hat jedoch keine Gesetzeskraft erlangt: nach der einen Version soll er vom Zaren nicht bestätigt worden sein, nach einer andern soll ihn Witte, von den Reaktionären eingeschüchtert, dem Zaren gar nicht erst unterbreitet haben. Wie dem auch sei, in der Praxis drang der Wille des Ministerrats durch. Sämtliche Hochschulverwaltungen öffneten den Juden bereitwilligst ihre Pforten, und seit fast zwei Dezennien trat der Fall ein, daß die russisch-jüdische Jugend nicht erst die westeuropäischen Hochschulen um eine gastliche Aufnahme zu bitten brauchte. Unter Schwarz wurde der Beschluß des frühern Ministerrats ohne weiteres umgeworfen. Ja, der im Zerstören rücksichtslose Unterrichtsminister verfügte zunächst, daß die vor seiner Ministerzeit über die Norm aufgenommenen Juden bei der diesjährigen Aufnahme in Rechnung kommen sollen, so daß fast nirgends neue jüdische Studenten immatrikuliert werden würden. Diese Bestimmung hat nun der gegenwärtige Ministerrat soeben abgelehnt, aber zugleich die Wiedereinführung der alten Prozentnormen endgültig festgelegt. Für die meisten jüdischen Hochschulaspiranten, wenn auch nicht für alle, wie anfangs geplant war, beginnen demnach die ehemaligen Qualen. Palästina Ein Überfall auf Mikweh Israel Jaffa, 6. Juli (Privattelegramm). Ein mohammedanischer Wächter der Ackerbauschule Mikweh Israel ertappte gestern einen mohammedanischen Dieb und schoß ihn auf der Verfolgung nieder. Daraufhin rotteten sich die Dorfgenossen des Getöteten zusammen und überfielen* die Schule. In dem sich entspinnenden Handgemenge wurden einige Schüler der Schule verwundet. Inzwischen hatte man Botschaft nach Jaffa gelangen lassen, von wo bald militärischer Schutz eintraf, der die Angreifer zerstreute. Jetzt ist die Ruhe wieder vollständig hergestellt. Kiriath Sefer Wie uns mitgeteilt wird, wird voraussichtlich die Schließung der Ackerbauschule Kiriath Sefer bei Lydda in Judäa nur eine provisorische sein. Während bisher die Schule ein Privatunternehmen des Herrn Beikind war, das sich aus Mangel an Mitteln, wie vorauszusehen war, nicht zu halten vermochte, ist jetzt in Berlin ein Komitee in Bildung begriffen, das aus in der Öffentlichkeit bekannten Persönlichkeiten bestehen wird und sich der Schule anzunehmen gedenkt. Um die zur Sicherung der Schule nötigen Mittel aufzutreiben, soll im Herbst eine größere Agitation entfaltet werden, und die Wiedereröffnung der Schule wird von dem materiellen Erfolg der geplanten Propaganda abhängen. Da die Schule über ein großes, schön und gesund gelegenes Gebäude verfügt, und der Nationalfonds ihr das für die Lehrzwecke nötige Land geben wird, da ferner sowohl der Verein Esra als auch die zionistische Organisation bereit sind, die Institution durch Schülerstipendien zu unterstützen, und von andern Institutionen, Logen und Privatleuten auch schon derartige Versprechungen vorliegen, so ist anzunehmen, daß das Werk ohne allzu große Schwierigkeiten auf eine sichere Basis gestellt werden wird, da es ja nicht mehr die Sache eines Einzelnen, sondern eines aus vertrauenerweckenden Leuten bestehenden Komitees werden wird. Die Heranbildung bedürfnisloser, von Jugend auf an das palästinensische Klima und Land angepaßter ländlicher Arbeiter ist eine Notwendigkeit, ohne d"e eine gedeihliche Entwicklung der agrikulturelien Inbesitznahme von Erez Israel durch die Juden schwer durchführbar ist. Es ist daher anzunehmen, daß die Ackerbauschule Kiriath Sefer, wenn sie erst einmal auf feste und sichere Grundlagen gestellt sein wird, sich allgemeiner Sympathie erfreuen wird, __ Jaffa. In aller Stille wurde hier vor etwa zwei Monaten die von dem Frankfurter Schulkomitee übernommene Tachkemonischuic durch Herrn Direktor Schlesinger eröffnet. Für die hiesige jüdische Bevölkerung, die der gesetzestreuen Richtung angehört, ist dies ein großes Ereignis und von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Das auf die Initiative des „Misrachi" sich gebildete Schulkomitee hat versucht, eine Schule ins Leben zu rufen, die für die breite Masse bestimmt ist. Und so ist denn auch die neugegründelc hebräische Mittelschule in Jaffa die erste, die unter Zustimmung des Ortsrabbiners, des Herrn Oberrabiners Kuks gegründet und unter dessen Aufsicht gestellt ist. In dieser Schule werden die jüdischen Fächer besonders berücksichtigt; für den talmudischen Unterricht sind hervorragende talmudische Gelehrte angestellt, im profanen Unterrichte hinwiederum, der in hebräischer Sprache erteilt wird, steht sie keiner andern Schule nach. Hat doch das Frankfurter Schulkomitee besonderes Gewicht darauf gelegt, daß die Leitung der Schule einem in Deutschland geprüften Oberlehrer anvertraut werde, ein Erfolg, den die andern Schulen nicht aufzuweisen haben. So ./dürfte denn die hebräische Mittelschule Tachkemoni eine neue Ära auf dem Gebiete des Erziehungswesens im Heiligen Lande anbahnen, was im Interesse der in Unwissenheit schmachtenden Massen sowohl, als auch hinsichtlich der^ Hebung und des Gedeihens unseres heiligen Landes zu wünschen ist. Bodenschätze am Toten Meere D. 0. — In der Nähe des Toten Meeres sind kürzlich, wie der „Deutschen Orient-Korrespondenz" aus Jerusalem geschrieben wird, Phosphatlager entdeckt worden; das Schürfrecht soll ein Italiener erworben haben, hinter dem, wie es heißt, eine Gruppe französischer Kapitalisten steht. Die bisher geförderten Phosphate sind nur von mittlerer Qualität, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß am Toten Meere und im Jordantale noch weitere Phosphatlager vorhanden sind, deren Abbau sich lohnt und wohl auch bessere Qualitäten zutage fördern wird. — Neben der Gewinnung von Phosphaten ist auch die Erwerbung von Bergwerksgerechtsamen zum Abbau der Erze im Jordantale von auswärtigen Unternehmern ins Auge gefaßt worden. Die eingeleiteten Verhandlungen sind aber, wie andere Unternehmungen wirtschaftlicher Art, infolge der in Konstantinopel ausgebrochenen politischen Unruhen ins Stocken geraten. Auch in Palästina merkt man es schließlich, wenn die Politiker in Konstantinopel sich in den Haaren liegen. Im Expreß von Kairo nach Jerusalem D. O. — Aus Kairo wird der ..Deutschen Orient-Korrespondenz" geschrieben: > Nach jahrelangen, unendlich schwierigen. Verhandlungen ist nunmehr die Frage einer Bahnverbindung zwischen Ägypten und Syrien der Wahrscheinlichkeit bedeutend näher gerückt und zu einem festen Plan gediehen. Der hiesige bekannte Bauunternehmer Almagia hat den hiesigen und den türkischen Bahnbehörden Pläne unterbreitet, nach denen eine Bahnverbindung von hier bis nach Syrien ohne Überwindung beträchtlicher Schwierigkeiten sehr leicht ausführbar ist. Der Suezkanal soll überbrückt werden, und die Bahn wird dann über El Arisch an der asiatischen Küste entlang laufen bis zur bereits bestehenden Bahnverbindung Jaffa—Jerusalem. Eine Erleichterung von weittragender Bedeutung würde dem Bahnbau daraus entstehen, wenn man die Gesellschaft des Suezkanals dafür interessieren könnte, eine Fähre über den Kanal einzurichten; dadurch würden die Kosten der Bahn um beinahe die Hälfte herabgesetzt werden. Der Kanal läuft durch vollständig flaches Land, und die Brücke, unter der die größten Ozeandampfer mit ihren Masten hindurchfahren müssen, würde kilometerlange Rampen beanspruchen. Der Kanal würde bis Ismailiah überbrückt werden, und die Fahrtdauer bis Jerusalem würde von Kairo 20 Stunden beanspruchen. Dem Fremdenverkehr nach Ägypten und Palästina werden alsdann weite Perspektiven eröffnet, wenn man bedenkt, daß, wer dann nach Ägypten reist, es nicht verfehlen wird, auch Palästina zu besuchen, und ebenso urngekehrt, während man heutzutage meist entweder eine Reise nach Ägypten oder Palästina macht. Bekanntlich besitzt Jaffa, der Ausschiffungsort für Jerusalem, keinen guten Hafen, und das tut der heiligen Stadt in Anbetracht