Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316380--52090-3345760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 28 DIEJ^I ELT 613 wie auf weitere zugängliche Kreise ausgedehnt. Und wenn ich bei einer Schulfeier diese Kinder sehe, mit ihrer etwas dörfischen Ungelenkigkeit, einfachen Bescheidenheit und ländlichen Schönheit, die doch so gut auf Rossen sich zu tummeln verstehen und die wie einst die hebräische Sprache mit besonderen Akzenten bedenken, dann glaube ich, daß hier, in teilweiser Abgeschlossenheit, eine Bevölkerung heranwachsen wird, ähnlich jener, welche einst in den Zeiten-des zweiten Reiches, zwar von Gelehrsamkeit entfernt und von den Geschichtsschreibern wenig beachtet, doch das gesunde Mark des Landes bildete, das seine Freiheit liebte, ebenso auf den Kampfstätten der Verteidigung als auf den blühenden Fluren der Saaten. Der Weg nach Zephat führt in einem Bergsattel steil aufwärts. Zuerst an dem Araberdorf Dschauni vorbei, welches mit Rosch-Pinah noch wie mit einer Gesamtörtlichkeit verwachsen ist. Doch scheint die arabische Bevölkerung hier friedlicher, zuvorkommender und anständiger zu sein als in Untergaliläa. Dann eine Quelle, die wahrscheinlich die Kolonie mit jenem köstlichen Trinkwasser versorgt, das leider in Palästina so selten ist. Auf dem Wege treffen wir einen Jüngling in Seitenlocken aus Safed — auf einem kühnen Rosse —, eine Erscheinung, welche jedenfalls anderwärts nicht anzutreffen sein dürfte. Nach Safed kann es kaum einen bessern Reisegefährten geben als den jungen Mann aus Galizien, der in der kabbalistischen Geschichte wohlvertraut ist und Safed selbst bis auf die Familien so genau kennt, daß sich eine Legende von einem „verlorenen Sohn" an ihn zu heften beginnt und beinahe unsere Abreise zu beschleunigen vermochte. (Schluß folgt) Brief aus Konstantinopel (Von unsenn Berichterstatter) Ministerwechsel Vergangene Woche hat ein Ministerwechsel stattgefunden, dessen Bedeutung über die ähnlicher Verschiebungen weit hinausgeht. Es ist ein ganz junger an die Reihe gekommen, zugleich einer der hervorragendsten Mitglieder des Komitees „Union et Proques". An Stelle von Rifaat Bey ist Dschawid Bey aus Salonik Finanzminister geworden. Dschawid Bey ist erst 34 Jahre alt und, was ihn für uns Juden besonders interessant macht, Dönme, d. h. von Abstammung Jude aus der Familie Sabbatai Zewis, der Religion nach Mohamedaner. Dschawid Bey hat sich wiederholt als Freund der Juden bekannt. Bereits in dieser Woche hat er dem Chachambaschi seinen Besuch abgestattet. Weitere Änderungen im Kabinett stehen bevor. Talaat Bey, Vizepräsident der Kammer, wird mit Bestimmtheit als zukünftiger Minister des Innern genannt; Hussein Dchahid Bey wird vermutlich Kultusminister werden; ein Gerücht will auch wissen, daß der Jude Sasson Effendi Anwartschaft auf das Portefeuille der Öffentlichen Arbeiten habe. Jedenfalls ist es ausgemacht, daß das Kabinett von Grund auf im fortschrittlichen Sinne umgestaltet werden wird. Die Jungtürken werden ausreichend Gelegenheit bekommen, zu zeigen, was sie können. Für die Juden ist, wenn nicht alles trügt, nur Gutes von diesen Änderungen zu erwarten. Die neuern Gesetze Das erste soziale Gesetz — manche werden es ein antisoziales nennen — ist in zweiter Lesung angenommen worden. Es verbietet den in öffentlichen Betrieben beschäftigten Arbeitern die Syndikatsbildung und den Streik. Für die Schlichtung von Differenzen zwischen Arbeitgebern und -nehmern sind staatliche Zwangsschiedsgerichte beschlossen. Um die Härte dieses Gesetzes für die Arbeiter zu mildern, ist die Einbringung eines Arbeiterfürsorgegesetzes angekündigt. Diese Ärbeitergesetze werden auch für gewisse Kategorien palästinensischer Arbeiter von Wichtigkeit werden. Noch immer: der rote Zettel Vor kurzem begab sich der Petersburger Journalist Babkoff nach Palästina. In Jaffa angelangt, sollte er sich der Formalität des roten Zettels unterziehen. Er legte energisch Protest dagegen ein und übermittelte diesen telegraphisch an den Großrabbiner Ha'fm Nahum. Wie nun der „Tiempo" meldet, hat der Chachambaschi einen Takris über diese Angelegenhe t an das Ministerium des Innern gerichtet. In diesem Takris setzte er auseinander, daß er gegen die alte administrative Repressionsmaßregel Einspruch erheben müsse, weil sie nicht gegen sämtliche ausländischen Einwanderer, sondern nur die jüdischen gerichtet ist. Unter einem freiheitlichen Regime, das die Gleichheit der Religionen proklamiert hat, kann eine solche Maßregel nicht aufrecht erhalten werden. Der Staatssekretär des Innern — der Minister war bei Überreichung des Takris abwesend — versprach, telegraphisch Aufklärungen beim Generalgouverneur von Jerusalem einzufordern. Eine spanisch-hebräische Zeitung Hier wird demnächst ein neues Wochenblatt erscheinen, das den Namen „EI Judes" führen und in spanischer und hebräischer Sprache jüdische Fragen behandeln soll. Der Herausgeber, Herr El Nekawe aus Haskiöi, will das Blatt in möglichst wissenschaftlichem Tone halten und ein Instrument zur Verbreitung jüdischen Wissens und hebräischer Literatur daraus machen. Hoffen wir, das das Unternehmen dem schönen Plane entsprechen wird. Die türkische Judenheit hat solche Organe sehr nötig. Große jüdische Turnfahrt Es ist nunmehr, sichergestellt, daß der zionistische Turnverein „Makkabi" aus Philippopel seine große Turnfahrt in die türkischen Großstädte demnächst zur Ausführung bringt. Nach dem bis jetzt festgesetzten Programm wird der Verein am 18. Juli Philippopel verlassen und am folgenden Abend in Adrianopel ein Schauturnen veranstalten. Am 21. trifft er sodann in Saloniki ein, um dort nach einigen Tagen der Rast und Übung am 23. Juli, dem großen Tage der türkischen Freiheitsverkündigung, mit seinen festlichen Darbietungen an die Öffentlichkeit zu treten, die drei Tage lang währen werden. Endlich geht es dann nach Konstantinopel, wo die Vorführungen am 30. Juli beginnen sollen. Am 31. wird eine Vorstellung in Haskiöi gegeben werden, und am 1. August wird der Höhepunkt der Veranstaltungen mit einem großen öffentlichen Schauturnen im städtischen Taximgarten und darauffolgenden Bankett an gleicher Stelle erreicht sein. Unsere wackern jungen Turner haben sich eine riesenhafte Aufgabe gestellt. Aber der Elan, mit dem sie daran gehen, läßt vollstes Gelingen erwarten. Ihre Genossen in der Türkei sind bereits fieberhaft mit den Vorbereitungen für den Empfang der Gäste und die Teilnahme an den Schauturnen beschäftigt. Es wird allgemein ein großer Aufschwung der nationaljüdischen Turnsache in der Türkei von der Rundfahrt der Philippopeier Makkabäer erwartet. Deutschland Verein Esra Berlin, 28. Juni. Gestern vormittag fand im Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung hiesiger und auswärtiger Delegierter die XXV. Jahresverversammlung des „Esra, Vereins zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien", statt. Wie der Vorsitzende, Herr Moritz Dorn, in seinem nach Begrüßung der Gäste erstatteten Bericht mitteilte, haben im Jahre 1908 die Gesamteinnahmen die Summe von 17 177 J(, erreicht, während der zur Sanierung der Kolonie B'ne-Jehuda bestimmte Kolonisationsfonds auf 52 000^ angewachsen ist. Der Kassenbestand hier und bei der Bank in Palästina beläuft sich gegenwärtig auf 15 000 Ji. Der Vorsitzende erwähnte, daß auch Rückzahlungen der Kolonisten einzulaufen beginnen und bezeichnete mit Recht diese Erscheinung als -einen erfreulichen Beweis der ökonomischen Erstarkung der palästinensischen Kolonien sowie des wachsenden Verantwortlichkeitsgefühls ihrer Insassen gegenüber der jüdischen Gesamtheit. Die Tätigkeit des Vereins erstreckte sich im Berichtsjahre über drei verschiedene Gebiete: 1. Die Belkindsche Ackerbauschule Kirjath-Sefer bei Lydda, welche bezweckt, jüdische Waisenkinder zu schlichten, anspruchslosen und tüchtigen Landarbeitern in Palästina zu erziehen, wurde mit einer Subvention von 2400 Frcs., für welchen Betrag vier Knaben Aufnahme fanden, bedacht. 2. Um die bereits bestehenden Kolonien mit einem geeigneten jüdischen Arbeiterelement zu versorgen, ist der Bau von jüdischen