Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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612 =- DIE^ In bezug auf die angestrebte Kolonisation ist die Aufgabe von Kineret ungefähr die gleiche wie von Sedschera. Wie der Ica, so steht dem Nationalfonds ein Bodenkomplex zun Verfügung, der dort ständig, hier auch nur in Durchgangsform von den ausgebildeten Arbeitern unter geringerer oder größerer Hilfe der gründenden Gesellschaft besiedelt werden wird. In den letzten Jahren hat die J. C. A., die Verwalterin des Hirsch'schen und Rothschild'schen Fonds, das Netz des Bodenbesitzes dergestalt erweitert, daß gegenwärtig der größte Teil des Bodens im Kreise Tiberias jüdisch ist. Einige neue Kolonien sind im Entstehen begriffen. Bet-Schean, an Jemma angrenzend, ferner ein Nachbargebiet von Kineret und Mirpa, an einer Anhöhe oberhalb Tiberias, an dem Verbindungswege von Nazareth nach Tiberias gelegen. Die erste Ansiediung einer solchen Kolonie, wie ich es in Mirpa sehen kann, besteht aus etwa sechs Menschen, die in einein engen Häuschen zusammenwohnen und zur Deckung ihres Lebensbedarfs immer in eine benachbarte Kolonie oder Stadt fahren müssen. So treffe ich die Leute von Mirpa, muntere, unternehmende junge Menschen, die, um den Arabern zu imponieren, sich irgendeine weiße Pelzmütze als Kopftracht ausgedacht haben. Im allgemeinen sind die älteren Kolonisten, welche in die neuen Kolonien aus Sichron oderRosch Pinah hinüberwanderten, größtenteils wie jene rumänischer Herkunft. Diese Leute scheinen mitunter nicht sehr vorgeschritten, auch in nationaler Beziehung, aber zur primitiven physischen Arbeit, die sie selbst ausüben, sehr wohl geeignet und fleißig. Was ihre Kräfte übersteigt, lassen sie durch Araber und seit einigen Jahren zum Teil schon durch jüdische Arbeiter besorgen. Den jüdischen Arbeiter kennt Galiläa erst seit etwa drei Jahren, und es sind die besten Elemente, welche an dem primitiven Leben in Galiläa und an der bloß agrarischen Arbeitsleistung Genüge und Befriedigung finden. Die meisten sind in bezug auf Wohnung und Verpflegung ganz auf den Arbeitgeber angewiesen. Anderseits ist es hier unmöglich, auch nur geringe Zeit ohne Arbeit zu leben. Und nur die Ungleichheit der Jahresepochen wirkt störend auf die Sicherheit der augenblicklichen Existenz des Arbeiters. Von politischem, ins Unbestimmte gehendem Interesse ist der Arbeiter sehr entfernt. Sein inneres Hauptinteresse ist eine Steigerung der arbeitenden Elemente und, soweit es not tut, die Beschützung des jüdischen Besitzes. Während der neue Ankömmling nur selten direkt nach Galiläa geht, sind die meisten hiesigen Arbeiter solche, welche längere Zeit bereits im Lande sind. Erst im letzten Jahre ist ein größerer Zuwachs an Arbeitern erfolgt, was z. B. an einigen Orten zur Bildung gemeinsamer Küchen usw. geführt hat. Im allgemeinen ist gegenüber'dem judäischen der galiläische Arbeiter viel stabiler und mit großer Anhänglichkeit jenem Boden verknüpft, auf dem der Prozeß der primitiven friedlichen Eroberung und Erneuerung tagtäglich fühlbar ist. Der Spiegel des Kineretsees bildet gleichsam das helle Auge Galiläas. Ihn umgrenzen die Berge von beiden Seiten, aus vulkanischem Boden aufgebaut. Die sanften und doch weiten Rundungen des Sees ließen frühzeitig den Vergleich mit einem Harfe aufkommen. An einer buchtartigen Erweiterung liegt das sonnige, kleine, runde Tiberias, rings noch von alten braunen Mauerresten umgeben. Das Innere der Stadt aber ist — bis auf einige touristische und amtliche Gebäude —- höchst schmutzig und nur einige Synagogen, deren eine ganz vom Wasser zerstört ist, von jüdischem Interesse. Aber noch fließen wie ehedem die heißen Quellen, welche auch noch immer von zahlreichen Kranken besucht werden. Wenn dasPalästinasyndikat diese neu einrichten sollte, so wäre es gewiß ein Werk sowohl von nationaler als von sanitärer Bedeutung. Und noch zeigt man die uralten „Rabbinergräber" des R. Akabi und R. Jochanan Hasandlar und R. Meir, an dessen Stelle sich eine riesige Jeschiwa erhebt, und das einst vielverfehmte Grab des Maimonides. Dann treten die Berge wieder nah an das Ufer heran, bis sich der Uferstreifen zur lieblichen Ebene Genessar erweitert, dort wo [E LT - No. 28 einst Magdala lag und jetzt eine deutsche Kolonie angelegt ist. In besonderer Schönheit wird dieser Ebenenstreif von den Felszacken, den „Hörnern" von Hattin, überragt. Weiter nördlich fand man in der Nähe von Kapharnaum — und alle diese schönen Plätze sind in christlichen Händen — die Reste einer großen Synagoge aus talmudischer Zeit. Bildete doch Tiberias das dauernde geistige Zentrum der spättalmudischen Zeit. Im Nordwesten steigt das Bergland Hochgaliläas zu beträchtlichen Höhen an. Nur dürftige Steige führen aufwärts, die geringe Ansiediung hat die mühsame Anlegung von Fahrwegen bis jetzt noch überflüssig gemacht. Wer vielstündige mühsame Fußwanderungen vermeiden will, muß Maultiere oder Pferde besteigen, welche allerdings mit erstaunlicher Sicherheit über die schlüpfrigsten Stellen hinschreiten. Unweit von Kapernaum wird jetzt auch noch eine große italienische Kolonie angelegt. Erst nach mehrstündigem Aufwärtssteigen erblicken wir eine europäische Siedlung, in ihrer Ausdehnung einer kleinen Stadt vergleichbar. Das ist Rosch-Pinah, die eine der vier Mutterkolonien Palästinas, die Krone der galiläischen Kolonien. Ihre Lage ist so eigenartig, daß sich das Auge erst die richtigen Ausblickspunkte suchen muß. Rosch-Pinah ist gleichsam in eine Talbuchtuug hineingebaut, über welche drei Berghäupter herabblicken. Diese über tausend Meter hohen Berge sind wieder steinig-kalkig wie die Berge Judäas. Einer davon ist der „Berg Kanaan", an dessen Abhängen ein Kolonist Oliven gepflanzt hat, so daß jemand behaupten konnte, derselbe wolle, noch einmal „Kanaan erobern", — der andere ist der Berg von Safed. Nach unten zu erweitert sich das Gelände in grüner sanfter Abdachung bis zum Meromsee, der greifbar nahe scheint und doch drei Stunden entfernt ist. Auf dem Wege dahin sind Machanajim — die galizische Unglückskolonie — und das große Jessod Hamaleh sichtbar. Von einer nahen Höhe aus sieht man auch wieder auf den Kineretsee zurück, während im Norden, von Wolken kaum unterscheidbar, die blanken Höhen des Antilibanon und des Hennon herschimmern, jetzt beide über und über mit Schnee bedeckt. Rosch-Pinah hat gewissermaßen gleicherweise Anteil an der Höhenregion und der Ebene. In der Kolonie erinnert noch manches an die Glanzzeit der baronischen Verwaltung, anderes an eine neue tüchtige Führung. Große Kolonistenwohnungen mit prächtigen Gärten, die mit Rosen und Pfefferbäumen geschmückt sind, ein großer Garten der Kolonie, eine stilvoll ausgestattete Synagoge. Und wieder anmutige Alleen, Öl- und Eukalyptushaine. Doch konnte die reiche Geberhand mit allen Mitteln eins nicht geben: Heimatliebe und Ausdauer, — und es folgt der Gründungsperiode eine solche der Stockung. Die Jugend, die keine Aufgabe vor sich sieht und ihren Vätern in nichts zu helfen braucht, verläßt die einsamen Bergtäler, um nach lockenden fernen Ländern zu gehen. Aber es trat auch wieder eine Wendung ein, von der Ica selbst gefördert, — durch wenige einsichtige und weitsichtige Beamte. Und schließlich mußten auch alle einsehen, daß eine Bevormundungspolitik auf die Dauer keine Ansiedlungspolitik sein könne. Der künftige Kolonist wurde also nicht mehr dadurch zum Bauern gemacht, daß er sein schön eingerichtetes Haus und eine stattliche Anzahl von Pferden und Kühen bekam, er hatte als Pächter nur Anspruch auf den Boden und eine knapp zugemessene Summe zur Installation und durfte überdies landwirtschaftlich nicht gänzlich unerfahren sein. Dann aber war seine Arbeit seinem eigenen Interesse völlig freigegeben, und er hat sich durch Abzahlungen von jeder Verpflichtung allmählich loszuarbeiten. Für den Geist der neuen Generation ist aber die Schule von höchster Bedeutung, welche in Rosch-Pinah eine gewisse Tradition tüchtiger Pädagogen aufweist. Es wirken auch an der Schule nicht weniger als sieben Lehrkräfte. Sie pflanzen einen ruhig-stetigen nationalen Geist in die junge Generation, welcher auch wohl schon fühlbar ist. Solcher Einfluß wird aber auch auf die der Schule Entwachsenen