Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 DIEE0 Gesicht hat. Auch der „Berg des Lehrers", der kleine Hermon tritt dicht an uns heran, mit dürren Hängen und stumpfen Biegungen. Ein junger Arbeiter Galiläas begrüßt mich, den Ich irgendwo in Jaffa gesehen. Mit einer Art Heimatsgefühl freut er sich, nach Galiläa zurückzukehren. Die Ebene wird unendlich weit, bis sich ein dunkler Bergrücken in die Mitte stellt. Es sind die Berge Gilboa, wo einst Saul und Jonathan ihr tragisches Ende gefunden. Die Eisenbahn verläuft in jenem Einschnitt, wo die Ebene direkt ins Jordantal' sich hinabsenkt. Schon schimmert dieses in leichtem Dunste. Es ist auf beiden Seiten von Bergen umwallt, die sich in ähnlicher Gestalt, mit länglichem Rücken und gefurchten Abhängen, aus der Ferne entgegenwinken. Die Berge von Naftali auf der einen, Gilead und Gaulan auf der andern Seite. In nur wenigen Stunden könnten wir in Hauran sein und bald auch in Damaskus. Das Ziel aber ist ein näheres. Neben der ersten Jordanbrücke steht eine kleine Station, von welcher ein schmaler Pfad zur Kolonie Melhamie führt. Der Arbeiter beginnt zu singen. Das ist Galiläa. Saftgrüner Rasen, der bis zu erheblichen Höhen sanft ansteigt, so daß diese selbst niedriger erscheinen. Die Ruinen einer uralten Brücke winken zwischen dem Ufergewächs. Und das ist der Jordan, welcher sanft tosend hinfließt, hin und her sich windend in immerwährendem Spiel. Malven- und Oleanderstanden begleiten seine Ufer.. Nun sind wir gänzlich abgebogen, aber er begegnet dir wieder und immer wieder, als triebe er in seiner Treulosigkeit nur Scherz. Dann aber ist er plötzlich ganz verschwunden, und wir steigen zwischen den Matten aufwärts Halbwilde junge Kaniele> zogen sich des Weges, und hie und da begegnet uns ein berittener Araber. Endlich taucht eine kleine Gruppe blinkender Häuschen auf, wie aus einem Baukasten herausgestellt. Und dies ist ja auch kein Rasen mehr, sondern Weizenfeld der Kolonie, Sie ist ganz klein, zählt etwas über zwanzig Familien und hat außer Getreide- und Bohnenfeldern, welch letztere schon jetzt reifen, nur noch wenige Weingärten und zum Versuche einige Baumwollpflanzungen. Aber jedes Haus hat sein Gärtchen und seinen großen Hof. Die Bäume fehlen noch, was in der intensiven Sonnenhitze sich unangenehm fühlbar machen muß. Denn Melhamie ist die einzige Kolonie des tiefern Jordantals und als solche auch zu einer meteorologischen Station ausersehen worden. Ein köstliches Mahl aus Milchprodukten belehrt uns auch in dieser Beziehung über den Fleiß der Kolonisten. Über der Kolonie erhebt sich ein ziemlich hoher Berg. Dort führt der Weg nach Kineret. Zufällig sind auch einige Arbeiter unserer Lehrfarm hier, welche mich bereitwilligst auf ihrem Leiterwagen mitnehmen. Eine freundliche Heiterkeit liegt auf all diesen Fluren, welche im Frühling reiche Weideplätze geben. Dies wird reichlich ausgenützt *und mancherorts das Vieh selbst zur Nachtzeit auf der Weide gehalten. An vielen Stellen sprudeln Quellen aus dem Boden hervor, von denen eine Volkstradition sagt, daß sie durch die Blitze des Frühjahrs geöffnet werden. Aber in diesem Jahre klagt man allerorten über das Ausbleiben des Spätregens. Wieder iritt der Jordan an uns heran, und in leichtem Dunste ist auch schon der Kineretsee sichtbar. Auf dem Wege begegnen uns einige wohlbewaffnete Beduinen. Die Arbeiter sprechen sie aber hebräisch an, und ein rascher Blick belehrt mich über den Irrtum, — denn es sind Juden, jüdische Arbeiter. Die Bedumentracht ist auch von den jüdischen Wächtern angenommen, was seine guten Gründe hat. Wieder zeigen sich am Jordan Spuren einer alten Brücke. Dann aber windet sich der Weg zu einem Hügel hinauf, von dem ein neues Gebäude mit großen Hofmauern herschimmert, — das ist die Lehrfarm. Das Haus, als großer Wirtschaftskomplex eingerichtet, ist erst seit wenigen Wochen fertig. Im Sommer mußten die Arbeiter mit den Beamten in völlig unbewohnter Umgebung [ELT No. 28 in einem arabischen Chan hausen. Man sagt, daß die alles einigende Begeisterung, welche in der „Pionierzeit" alle Mühsale überwand, jetzt nachgelassen habe. Doch ist der Geist gut disziplinierter Arbeit, der jetzt auch geordnete äußere Einrichtungen vorfindet, deutlich fühlbar. Die Farm ist vom See nur wenige Schritte entfernt. Und in kurzer Fahrt erreicht man die Bahnstation an der Austrittstelle des Jordans. Das Wasser des Sees findet vielfache Verwendung zum Trinken, zum Baden und zur Kahnüberfahrt. Und es schmückt und kühlt zugleich. Die Kolonien Untergaliläas entstammen fast sämtlich der letzten Gründungsperiode der Ica. Melhamie, Jemma und Mesha bestehen erst sieben, Sedschera neun Jahre. Sie haben alle dieselbe Bauform, und die Häuschen sind einander so sehr gleich, daß es schwer ist, eines wiederzufinden. Die entwickeltste Kolonie soll Jemma sein, das eine größere Zahl wohlhabender und einige junge Kolonisten aufweist. Eine Wasserleitung (wie in Melhamie), gepflegte Straßen und Baumallee verleihen ihr schon äußerlich ein reicheres Gepräge. Hier wohnt der gemeinsame Arzt der Kolonien, und Jemma ist schon jetzt die bevölkertste Kolonie Galiläas. Die Häuser sind wie in Melhamie aus Basaltstein gebaut, was ebenso schön als praktisch ist, und natürlich leicht erreichbar, da der ganze Boden Basaltboden ist. Auf einer höhern Stufe des ansteigenden Landes liegt Mesha, fast unmittelbar am Fuße des Tabor, der von zwerghaftem Eichengebüsch dicht bewachsen wie ein Beherrscher der Ebene einsam aufragt, gleichsam auf einem breiten Sockel ruhend. Nur nach einer Seite setzt er sich in niedriges Hügelland fort, gegen Nazareth. An einer dieser Erhebungen erblickt man Sedschera. Sedschera heißt arabisch so viel als „Baum", und der ursprünglich dem arabischen Dorfe angehörige Name bezieht sich wohl darauf, daß diese Berge ziemlich reichlichen Baumwuchs zeigen, ja wirkliche Waldanlagen vorhanden und sogar in jüdischem Besitze sind. Die Kolonie besteht aus zwei Häuserreihen, die mau nicht mehr als eine Gasse bezeichnen kann, da ihnen weite Gemüsegärten vorgelagert sind und überdies ein breiter rosengeränderter Weg die Häuser in beträchtlicher Entfernung voneinander hält. Oberhalb der Kolonie, an Baum- und Gartenanlagen einen Hügel aufwärtssteigend, gelangen wir zur Farm. Das Gebäude umfaßt Administration, Arbeiterwohnungen, Vorratsräume, Stallungen, eine Mühle; angrenzend auch die Schule der Kolonie, einen Kaufladen und ein Gasthaus. Obwohl die Luft eine gedrückte ist, ist der Puls eines Arbeitslebens deutlich fühlbar. Diese Arbeiter lieben nicht nur ihren Stand und ihre nationale Aufgabe, sondern auch die Stätte ihrer täglichen Arbeit. Die Bedeutung der Lehrfarm wurde mir dadurch klar, daß die Hälfte der Kolonisten dieses ganzen Kreises in Sedschera landwirtschaftlich ausgebildet wurde. So bietet sich auch jedem Arbeiter die Gelegenheit, nachdem er ein Jahr lang ständig hier gearbeitet, Kolonist zu werden. Bisher wurde allerdings fast ausschließlich Getreidebau nebst einigem Weinbau betrieben; seitens der örtlichen Beamtenschaft besteht aber die Absicht, möglichst sämtliche Zweige der Landwirtschaft, auch Milchwirtschaft, Gemüse- und Gartenkultur einzuführen. Unter den ständigen Arbeitern befinden sich auch einige Mädchen, die in halbmännlicher Kleidung hinter dem Pfluge hergehen. Es ist dies gewiß nicht als Sport zu betrachten, und es besteht sogar die Absicht, eine besondere Mädchenabteilung einzurichten, zumal in Palästina die Ausbildung tüchtiger Kolonistenfrauen wiederholt als wichtiges Bedürfnis ausgesprochen wurde. Die materiellen Lebensverhältnisse der Arbeiter werden teilweise durch gemeinsame Einrichtungen, Küche, eine Art Konsumgenossenschaft besorgt; der Versuch weiterer kommunistischer Einrichtungen soll an dem Wechsel des arbeitenden Elementes sein Hindernis gefunden haben.