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Die Welt · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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606 DIE 2^1 Erachtens, fast unanfechtbar kennzeichnet. Pasmanik betont ferner, was zum Verständnis seiner Analyse festgehalten werden muß, daß die zwei primären Faktoren — Nationalwirtschaft bzw. Territorium und Nationalsprache — die zur Kulturgemeinschaft führt, das Entstehen der Nation erklären und bedingen, nicht aber ihre Weiterexistenz. Diese ist möglich, solange die Wirtschaftsgemeinschaft oder die wirtschaftliche Sonderstellung und die Kulturgemeinschaft hestehen, auch nachdem ihre Wurzeln —das Territorium und die nationale Sprache — vertauscht wurden oder verloren gegangen sind. Pasmanik liefert in der zweiten Hälfte seiner ah scharf pointierten und geistreich formulierten Gedanken überreichen Arbeit den Beweis, daß das Ghetto die wirtschaftliche und kulturelle Sonderstellung der Juden gewährleistete, daher nationalerhaltend, konservierend wirkte. Dr. Pasmanik faßte in seinem Aufsatz die Gedanken glücklich zusammen, die sich in den letzten Jahren ein Bürgerrecht in der wissenschaftlichen Literatur über die Judenfrage erworben haben und die den Versuch darstellen, die jüdische Geschichte ökonomistisch, sozialwirtschaftlich zu begreifen, und nicht wie bis nun ausschließlich ethisch-ideologisch. Wir wollen von einigen Irrtümern der Darstellung absehen. Hervorzuheben ist nur, daß die Definierung der Nation als einer sozialen Einheit, oder als einer Wirtschaftsgemeinschaft, den Begriff der Nation dem des Staates sehr nahebringt. Es ist wahr, daß sich jede Staats- oder Volkswirtschaft in Nationalwirtschaften auflösen läßt. Es ist aber nicht außer acht zu lassen, daß Teile vieler auch bodenständiger Völker mehrern Wirtschaftseinheiten angehören, so z. B. die Deutschen. Diese scheinbaren Widersprüche, die A. Idelsohn einmal scharf hervorgehoben hat, müssen auf ihre Unhaltbarkeit zurückgeführt werden, so!4 die Analyse des Nationalbegriffs, wie sie von Dr. Pasmanik in Angriff genommen wurde, zu Ende geführt werden. Leo Goldhammer lieferte eine fleißige Arbeit über „Judenwanderungen". Ihr wertvollster Teil ist die Erläuterung der Ursachen und Triebkräfte der jüdischen Emigration als einer dauernden Erscheinung unseres Volkslebens. Einige Fehler des Autors sollen nicht unerwähnt bleiben, da sie "in der statistischen Literatur ziemlich verbreitet sind. Die auf Seite 52 aufgeführte Tabelle der jüdischen Einwanderer aus Österreich nach den Vereinigten Staaten gibt in der Wirklichkeit die Zahl der Auswanderer aus Österreich- Ungarn an. Es würde sich somit um eine fast doppelt große jüdische Bevölkerung handeln, als es Goldhammer annimmt, die Verhältniszahlen wären somit bedeutend zu reduzieren. Trotzdem jst der von L. Goldhammer ausgesprochene Satz, daß die österreichisch-jüdische Auswanderung relativ höher ist als die russisch-jüdische, wahr, wenn man die innere Emigration in der Monarchie sowie die nach den europäischen Staaten berücksichtigt. Ein Irrtum ist es gleichfalls, aus der verringerten Zahl der jüdischen Einwanderer nach Amerika im Krisen jähre 1908 zu folgern, daß es sich um eine entscheidende Änderung in der Bewegungsrichtung der jüdischen Auswanderung handelt. An der jüdischen Emigration ist ja zweifelsohne eine Tendenz zum Abströmen nach unent wickelten Ländern — Palästina, Argentinien, Kanada — wahrzunehmen. Nur sind die Zahlen des einen Jahrs 1908 kein Beweis dafür. Dr. Ignaz Schiffer, einer unserer jüngsten Historiker, ist rastlos bemüht, Materialien zu einer Wirtschaftsgeschichte der Juden, insbesondere Polens, zusammenzutragen. Sein Beitrag — „Agrarkolonisation der Juden in Polen" —istein achtunggebietender Beweis seiner unzweifelhaften Sachkenntnis. Dr. Schiffer versucht den Nachweis, daß sich ein bedeutender Teil der jüdischen Einwanderer, vornehmlich aus dem Chazarenreich, in Polen dem Ackerbau zugewendet hat. Es gelingt freilich dem Autor, in dem vorliegenden Aufsatz uns nur zu überzeugen, daß die Juden in Chazarien Ackerbauer und in Polen häufig Gutsbesitzer und -Verwalter waren. Arthur Felix' Seminararbeit über Palästina verdient hohes Lob. Sie ist schlicht, klar und übersichtlich. Das Kapitel über die Eignung Palästinas für unsere Kolonisationszwecke und die industriellen Möglichkeiten des Landes ist in seiner überzeugenden Knappheit ein Beweis dafür, wie vorteilhaft es für die Sache ist, wenn die Probleme der Palästinakolonisation von technisch geschulten Köpfen behandelt werden. Interessant sind die Ausführungen Dr. Müllers über die „Sprache der Juden in Palästina". Selbst offenbar ein warmfühlender Anhänger des Hebräischen, schildert Dr. Müller mit ruhiger Unvoreingenommenheit die sprachlichen Schichtungen in der palästinensischen Judenheit, die die ganze Staatenordnung Europas spiegeln, und die langsame Entwicklung zur hebräischen Umgangssprache. Das Buch enthält noch einen Aufsatz Dr. M eis eis über Moriz Lazarus und zwei literarisch-kritische Abhandlungen über Jakob Wassermann und Berschadski. LT No. 28 So bietet uns das Sammelbuch des Vereins „Theodor Herzl" über „Jüdische Fragen" viel anregendes, liebevoll zusammengetragenes Material. Es ist vom Willen zur Wahrheit erfüllt. So wollen wir dem schön geschmückten Werke weiteste Verbreitung, den Herausgebern Glück und ehrlicher Arbeit reiche Ernte wünschen. Beda. Israeliten und andere Antisemiten. Der Autor, dessen Erstlingswerk — „Getaufte und Baldgetaufte"— wir vor mehrern Monaten beifällig begrüßt hatten, ließ ein zweites Bändchen seiner Satiren erscheinen. Es sind darunter einige, die zu seinen besten gehören, so der famose „Aufruf", „Der Beifall aller", „Masken", „Kletten". Die meisten aber behandeln Tagesereignisse und die „christlichsoziale Kultur" und werden nur in Wien, wo die persönlichen Anspielungen und bizarren Momentbilder begriffen werden können, verständnisvolle Heiterkeit hervorrufen. Der gestrenge Kritiker wird sich vielleicht weigern, die heitern Einfälle Bedas als dichterische Erzeugnisse zu betrachten. Sie sind auch häufig wohlklingend gereimte geistreiche Plaudereien. Aber auf die Wirkung der satirischen Geistesblitze kommt es an. Und da muß zugegeben werden: das „struppige, banale Lied" Bedas, wie der bescheidene Autor seine Satiren bezeichnet, schwindet nicht sobald aus dem Sinn. Man ist selber erstaunt, es wahrzunehmen, daß die grotesken Gedichte im Gedächtnis nachklingen. Zionistische Palästinaarbeit ist eine von Herrn Adolf Boehm im Auftrage des westösterreichischen Zentralbureaus verfaßte Darstellung der Aufgaben, des Wesens und des Standes der zionistischen Palästinainstitutionen. Die Broschüre ist knapp und eindringlich geschrieben und zur Verbreitung auch in nichtzionistischen Kreisen recht gut geeignet. Sie gewährt einen Überblick über die zionistische Siedlungsaktion und tritt mit besonderer Wärme für die Landentwicklungsgesellschaft ein, zu deren überzeugten Anhängern Herr Boehm bekanntlich gehört. Austriacus Die Zionistische Vereinigung für Deutschland gibt in der soeben in ihrem Verlage erschienenen Broschüre „Jüdische Gemeindepolitik" von Dr. M. Kollenscher*) allen denen, die an innerer jüdischer Politik Anteil nehmen, eine schätzbare Waffe in die Hand. In knapper und übersichtlicher Form sind in den Heftchen alle Forderungen zusammengestellt und begründet, die wir von unserm durch unsere zionistische Überzeugung begründeten demokratischen Standpunkt an jüdische Gemeindepolitik stellen. Alle Fragen, die auf diesem Gebiete an uns herantreten und die durch die verschiedenen Organisationsversuche der letzten Zeit in Preußen, Bayern, Österreich, Schweiz, Slävonien usw. so aktuell geworden sind, werden in dem Schriftchen klar und übersichtlich behandelt: das Wahlrecht, die Steuern, die Zentralisation der Wohltätigkeitspflege, das Verhältnis des Staates zur Religionsgesellschaft, die Organisierung der Gemeinden zum Gemeindeverband, die Besoldung und Versorgung der Gemeindebeamten usw. Im allgemeinen können wir den Ausführungen des Verfassers durchweg zustimmen, wenn wir auch im einzelnen teilweise noch weitergehende Wünsche haben. So vermögen wir keinen Grund dafür einzusehen, warum nur die Repräsentanz und nicht auch der Vorstand in direkter Wahl von den Gemeindeangehörigen gewählt werden soll; die indirekte Wahl des Vorstandes durch die Repräsentanz erscheint uns durchaus undemokratisch. Auch hätten wir gerne gesehen, wenn der Gedanke der Gesamtorganisation schärfer herausgearbeitet worden wäre. Eine Organisation der Gemeinden, lediglich zur Erfüllung bestimmter sozialer Aufgaben — Pensionskassen für die Beamten, Wohltätigskeitspflege usw. — geht uns nicht weit genug. Trotz aller Bedenken, die gerade in Deutschland der Verwirklichung dieses Gedankes entgegenstehen, erscheint es uns eine zwingende Forderung, nach einer Gesamtorganisation der Juden der einzelnen Länder zu streben, die als letzte — wenn auch nur als referierende und nicht als zwingende — Instanz alle Fragen, die die Juden des Landes behandelt, vor ihr Forum ziehen soll. Im übrigen aber kann man dem Verfasser nur dafür danken, daß er unsere Forderungen in so geschickter und überzeugender Weise aufgestellt hat. Das Werkchen sollte von unsern Gesinnungsgenossen sehr fleißig verbreitet — und auch gelesen werden. Es erscheint dazu berufen, dem neuerdings erfreulicherweise lebhafter werdenden Interesse weiter jüdischer Kreise an innerer jüdischer Arbeit die richtigen Wege zu weisen. B. Die Kunst des Radierens Ein Handbuch von Hermann Struck. Verlegt bei Paul Cassirer. Berlin W. 10. (Mit 94 Abbildungen und 5 Originalradierungen von Liebermann, Paul Baum, Eduard Münch, Anders Zorn und Hermann Struck) Ein wirkliches Verdienst nennt Kerr in der etwas derb gehaltenen, versefizierten Vorrede dies Buch aus der Feder unseres * „Jüdische Gemeindepolitik" von Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher-Posen, Verlag Zionistisches Zentralbureau, Berlin-Charlottenburg, 32 Seiten, kl. 80

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