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Die Welt · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Literatur ohne Heine, eine deutsche Philosophie ohne Maimon und Cohen, deutsche Politik ohne Jacobi, Lasker, Lassalle? Wie komisch. Theodor Herzl war der große Dammbauer. Er gab der großen, von feindlichen Wogen umspültenjnsel einen festen, unerschütterlichen Damm. Er hat der baufälligen Pyramide eine Existenzsicherheit für Jahrtausende gegeben. Aber immer wieder muß ich auf den Aristokraten Herzl zurückkommen. Ein Volk, dessen Existenz die Pyramiden begleitet haben, ein Volk, das nicht nur zweien Jahrtausenden christlicher Nächstenliebe, sondern auch einem ganzen Jahrhundert verbrecherischer Tauflust einer angefaulten Liberaleske und einem Plehwe Trotz geboten hat und noch Kraft genug besitzt, Pogrome zu überstehen, — ein solches Volk soll seinen Willen zum Leben aufgeben? Nur ein Monstrum, nur eine Ausgeburt der Nacht, nur ein ekelerregender Feigling kann einen solchen Gedanken hegen, und nur eine blöde, von der Pein des Lebens verfinsterte Masse, nur ein innerlich zerbrochener, willenloser Pöbel kann sich mit einem solchen Gedanken abfinden. Zum Kreuz kriechen, ihnen die Hand reichen? Vier Jahrtausende Vergangenheit verleugnen? Und das eigene Ich desavouieren? So handeln Sklaven, versklavte, vertierte Menschen. Herzls Brust empörte sich beim Gedanken des Unterganges des Judenvolkes. Und der Ruhm der Ahnen, die ganze Reihe von Geschlechtern, die fast unendlich große Ahnengalerie? Wäre alles ein Druckfehler der Weltgeschichte? Welchen Eindruck macht auf uns der Anblick eines kühnen todesmutigen Helden, der plötzlich die Waffen streckt? Und welche Gefühle löst in uns die Nachricht aus, daß jene uralte Familie mit ihren Traditionen und ihrer Geschichte freiwillig aus dem Kalender verschwunden ist? Nichts ist dem wahren Aristokraten mehr zuwider als Feigheit und Knechtschaft. Und so hat uns Herzl bis zur Unvergeßlichkeit eingeschärft, keine Sklaven und Kriecher, keine Bettler und Ducker zu sein. Wir reichen ihnen nicht die Hand, wir strecken nicht die Waffen, denn der letzte Mensch muß der letzte Jude sein. Den letzten Juden als letzten Menschen wird die Geschichte konservieren, wenn das Judenvolk sich selbst konserviert. Durch die Hervorkehrung der jüdischen Volkseinheit, im Lande des Judenvolkes wird sich das Judenvolk konservieren, — und nur dadurch. Dies lehrte Theodor Herzl die Juden, — diese Lehre ist das Vermächtnis unsers Nationalgenius. Diese Lehre hatte er als Staatsmann, diese Einsicht als Seher, diesen Gedankenflug als Dichter und diese edle Gesinnung als Großer vom Kaliber eines Renaissancemenschen. Grabfdiriff für Theodor fierzl Warum uerlefjt ihr ihn mit Crauerchören? Was ruft ihr klagend in die Gruft hinein? £r wohnte niemals unter diesen Schollen« Gr löste sich, wie klarer Illittagsldiein Sich löst in millionen Farben« 3n jeden Busen fiel ein Körnchen liichf. 3n tausend Herzen fchlafen tausend 6arben, Die seine Sonne fchuf, da sie perblich« Seid heiterf nehmt den Wanderstab der [riebe Und sucht ihn, wo er uielgestaltet lebt« Schlingt euern flrm um jede junge Seele, Hus der sich grünend seine Saat erhebt! Wien Otto flbeles SPEZIALBERICHT ÜBER DEN DELEGIERTENTAG DER ZIONISTEN IN AMERIKA (Schluß) Am Montag nachmittag setzte eine politische Debatte ein. Es lag eine Resolution vor, die das A. C. ersuchte; die Bemühungen, die zionistische Organisation für andere Institutionen verantwortlich zu machen, die nicht ausdrücklich national sind, zu mäßigen und sich vielmehr dem Ausbau des Nationalfonds, des Jewish Colonial Trust und derjenigen Institutionen zu widmen, die ausgesprochenermaßen auf eine nationale Besiedlung Palästinas hinzielen. Außerdem lag ein Antrag des Vorstandes vor, der es als unerwünscht bezeichnete, daß auf dem nächsten Kongreß der Wortlaut des Baseler Programms geändert werde. Dagegen solle, wenn die gegenwärtige Lage in der Türkei dies nötig erscheinen lasse, eine offizielle Kundgebung über die Richtung unserer Politik seitens des Kongresses erfolgen. Zu dem ersten Antrag lag ein Abänderungsantrag Cowen vor, der den nationalen Zweck des Zionismus noch schärfer betonte und sich ausdrücklich gegen jede Kleinarbeit wandte und das A. C. aufforderte, nur solche Bemühungen zu unterstützen, die eine großzügige politische Besiedlung des Landes erstrebten. Die Debatte hierüber trug einen sehr ernsten Charakter. Abwechselnd sprach ein Freund und ein Gegner der Resolutionen. Der erste Redner war Boris Katzman, der die Notwendigkeit betonte, den nationalen Charakter unserer Arbeit hochzuhalten und sich vor jedem Opportunismus zu hüten. Dr. C. Wortsman sprach gegen den Abänderungsantrag und führte aus, die Zionisten müßten aus den gegenwärtigen Umständen Nutzen ziehen und sollten sich nicht einer Kolonisation Palästinas widersetzen, indem sie sich auf eine veraltete und überholte Formel festlegten. Louis Lipsky verteidigte den Abänderungsantrag; dieZionisten müßten fest auf ihrem nationalen Priiiiip beharren. Andere mögen zionistische Arbeit tun. Die Zionisten als einzelne sollen sich energisch an der praktischen Palästinaarbeit beteiligen, aber die Organisation als solche soll nur diejenigen Institutionen unterstützen, die die jüdische Nation als solche stärken wollen. Rabbi M. M. Eichler führte aus, das Ziel des Zionismus sei die Wiederaufrichtung Palästinas. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man Juden dort ansiedeln. Daher sei die Resolution verfehlt.

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