Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 28 DIE 3^ELT 603 Genius abgerungen, war sein Blick auf die Einzelpersönlichkeit und ihre Befreiung gerichtet. Unsere christliche Mitmenschheit schickte sich damals an, das jüdische Volk als Kohektivum zu erniedrigen, indem sie einzelne Juden degradierte, zu Verrätern und Verbrechern stigmatisierte: Dreyfus, Levy-Konitz und Hilsner-Pisek. Die Ehre des einzelnen Juden war in den Kot getreten, auf dem Haupte des Volkes lastete der ganze Misthaufen ihrer Gemeinheit. — Der einzelne litt, aber noch mehr das Volk, denn es stellte sich heraus, daß es in diesem Moment der Not führerlos war, Theodor Herzl;sah das Volk und seine Männer in der Not, und sein Herz ward voll von Empörung. Da entfuhr seinem Mund, gleich der Donner dem von Wolken überzogenen Himmel, das Wort: Freiheit! Befreit euch selbst aus eurer Knechtschaft! Aber eine Schwalbe macht keinen Sommer und die Freiheit des einzelnen nicht die Freiheit der Gesamtheit aus. Die Befreiung des einzelnen ist nur hypothetisch und kann auch nur auf Kosten seiner historischen Persönlichkeit errungen werden. — Aber wie ist die kategorische Freiheit des einzelnen zu bewerkstelligen: durch die Befreiung der Gesamtheit. Und nun sprach er das große unsterbliche Wort: Volksfreiheit. — So ward der Künstler Herzl zum jüdischen Staatsmann und Volkspolitiker. In der Freiheitslehre treffen sich Ethik und Ästhetik: Freiheit des Willens und Freiheit der Erscheinung. In der Freiheitslehre treffen sich aber auch Ethik und Politik. Wie keine Ethik ohne Autonomie des Willens möglich ist, so keine Politik ohne die Willenskundgebung des Kollektivums zum autonomen, auf Zwecke gerichteten Handeln in der Gemeinschaft. Und so hat Theodor Herzl die von ihm vorgefundene jüdische „Volkspolitik", die im Ducken und Kriechen bestand, ethisch korrigiert. Er lehrte das Volk die freie Selbstbestimmung seines Willens, er lehrte das Volk, der Schmied seines eignen Schicksals zu sein. Sein Blick war nicht von derPhilanthropie jüdischerKommerzienräte getrübt; als Künstler, dessen Formobjekte Rhythmus und Harmonie sind, war ihm jedes Schicksalsfatum, das ein Pendant zum Chaos ist, fremd, und als moderner Staatsmann wußte er, daß Politik eine Handlung der Gesamtheit ist oder sein soll. Und so verwarf er die bis auf ihn übliche, geschwollene Wichtigtuerei der Philanthropie und des Betteins in der Politik, aber ebenso entschieden das Fatum und den Schicksalsfluch, den unsere heutige Orthodoxie zum Zentralpunkt ihrer jüdischen Politik gemacht hat. Das philanthropische Betteln ist unschön, ja ekelhaft. Das Fatum als Richtschnur für die Politik ist unsittlich, denn jede Handlung muß eine Handlung des freien Willens sein, sonst ist sie Naturalismus oder Fetischismus. Und Theodor Herzl war ein Idealist und ein sittlicher Held. Dem Renaissancemenschen Herzl, dem das Gute und das Schöne identisch waren, da sie beide in der Freiheit ihren Ausgangspunkt haben, war sowohl die eine als die andere Richtung zuwider. Und daher lehrte er sein Volk, sein Los selbst bestimmen und sein Schicksal mit der Freiheit seines Willens korrigieren. Theodor Herzl, der uomo universale und der Renaissancemensch, war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Als echter Aristokrat verstand er etwas von der Tradition, von der echten, unverfälschten jüdischen Tradition, Die Renaissance, bei aller Neuerung und bei aller Reform, hat sich von jeher auf die Tradition verstanden. Sie fand mit wahrem Seherblicke den Weg zu Plato und Euripides, zu Sokrates und Sophokles. Und es welke meine rechte Hand, vergess' ich je dein, o Jerusalem, spricht die jüdische Tradition, und dieses Wort ward ihm zum Hauptpunkte seines jüdischpolitischen Programms. Und sein Programm ward ihm zum Ideal und zum Heiligtum, und der Verwirklichung seines Ideals widmete er seine ganze Kraft, seinen Genius stellte er in ihren Dienst. Nichts war ihm heiliger als dieses Ideal, nichts für einen Juden erstrebenswerter als seine Verwirklichung. Zwang ihn das Volk zum Schwur, dann erhob er seine Rechte und rief laut: „Im eschkochech." „Das hartnäckige Volk" glaubte ihm, trotzdem Schatten gespensterhafter Wganden Schrecken und Entsetzen in den dichten Reihen der in Basel versammelten Vertreter des Judenvolkes verbreiteten .... trotzdem Streber gegen ihn intrigiert und kleinliche, schadenfrohe Menschen ihn verleumdet hatten. Er schwor bei „Im eschkochech" —, und das Volk glaubte ihm, so groß war seine Kraft. Mehr als dem Dichter und Staatsmann Herzl ist das Volk dem Menschen Herzl verpflichtet, denn sein Werk ist ein Resultat nicht ausgeklügelter Reflexion und politischer Rechnerei, sondern der Ausfluß einer großen, freien Persönlichkeit, die die Freiheit für sich und für andere liebte, weil ihr Sklaverei und Knechtschaft nicht nur ein sittliches, sondern auch ein ästhetisches Verbrechen an der freien Menschennatur ist. Nicht der Mensch der Zwecke, sondern der Edelmensch der Jdeen war der Vater eines großen, unsterblichen Gedankens. Der Ruhm des Tatengenius verbleicht und erblaßt, sobald das Räderwerk der Geschichte sein Werk verschlungen. Um sein Haupt weben sich keine Sagen. Was weiß das englische Volk von Cromwell zu erzählen? Was von Pitt? Es kann nur ihre einzelnen Taten aufzählen, die jedem Engländer heute selbstverständlich erscheinen. Historische Mumien sind sie heute. Befragt aber einen Franzosen über seinen großen Kaiser? Seine Augen beginnen zu leuchten, noch bevor er den Namen Napoleon über die Lippen gebracht. Er ist noch heute das größte dichterische Objekt der Volksphantasie. Und was der Empereur für die Franzosen ist, ist Theodor Herzl für die Juden. Freilich hat Herzl keine Schlachten geschlagen, er stand nicht vor Jena und Leipzig, er erfocht nicht unsterbliche Siege, aber gleich dem großen Korsen hat er — Philister werden die Achsel zucken — den Gang der Geschichte bestimmt und das Siegel seiner Persönlichkeit seinem Volke aufgedrückt. Und hat er nicht jeden zu überzeugen vermocht, — aus dem lethargischen Gleichgewicht hat er jeden aufgerüttelt. Das ist das Merkmal des Genius. Er gleicht einem Blitz, der blendet. Das Judentum bildet ein Glied in dem Trio der Geisteskultur. Einst zumindest war dem sicher so. Judäa, Hellas, Rom. Heute, wo diese Grenzen verwischt sind, wo die Geisteskräfte mannigfache Substitutionen erfahren haben, bildet das Judentum immerhin noch eine große Insel im Ozean des Geisteslebens. Fast wäre diese Insel von den Wasserbergen des Ozeans umspült und weggespült worden. Wie wohl damals Europa ausgesehen haben mochte, welche Gestalt wohl die Gesamtkultur gehabt hätte, die Welt ohne Juden? Man denke sich den Anteil der Juden an der europäischen Kultur des letzten Jahrhunderts weg, — und es bleibt eine große, gähnende, unausfüllbare Lücke. Eine deutsche