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Die Welt · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Und fo war er in die ewige ßerrlichkeit eingegangen: an das Ziel, an die ßeimat und an den frieden. Die leuchtende Spur dieFes edlen IllenFchendafeins, das vorzeitig ausgelördit ward, aber niemals vergehen wird, der name des glorreidi dahingegangenen Beiden und ITlärfyrers, — wir machen keinen Götjen daraus, denn das iit dem Jüdifchen Geiife fremd. Aber ein Panier machen wir daraus. Ilichi nur in der Erinnerung der riadrwelf, fondern auch im innern Cun und Wirken mufj der Geift Berzls fortleben, weil das der Geift des Volkes ift, Es iit ein Vermächtnis, das er übernommen, und das er weitergeben rnufjte, als er heimgegangen fff zu leinen Vätern, in Jenes hand, aus welchem keinem Sterblichen, nach dem Worte des Dichters, frohe Rückkehr bereitet iit. Sterblich find wir alle, aber unfferblich iit die 3dee. Und wenn wir Berzls Andenken Feiern, Feiern wir unFere Volksidee, n. Sokolow Trjeobor fjcrzl Fünf Jaljre sind hingegangen, seit er uns entrissen wurde. Im feben kann man einen flusnaljmemenscfjen, einen Genius oerhennen. nach seinem Tode aber Dollzierjt sich an irjrn ein Wunder, das irjn bodi über die menge erhebt und den Augen aller als das bezeichnet, rpas er roar: ein Babnbrecrjcr, ein Iüegipeiser, ein Befrucrjter, ein Kraftspender, ein Schöpfer neuer sittlicher Werte. Dieses Wunder ist die Umherjrung Der Perspektive. Für den Durchschnitt gilt das optiserje Gesetz, dass die zeitliche roie die räumliche Entfernung ihn oerklcinert; je weiter er zurücfcweicht, um so mehr schrumpft seine Erscheinung zusammen, um so undeutlicher wirb sein Umriss, bis er zuletzt ganz oerdämmert unb aus dem Gesichtskreis Derschroindet. Der Genius dagegen wächst in dem PJasse, wie er in die üergangenheit zurücktritt Er wird immer grösser, immer heller, immer schärfer umrissen, und die JTacrjgeborenen sehen ihn deutlicher, strahlender, als die III hieben den. Dieses IDunder beobachten wir an Herzl. Heute, fünf larjre nacrj seinem Tode, steht seine Gestalt gross und leuchtend da, uns allen nahe, hoch über alle hinausgewachsen, die frjm früher bis zum Scheitel zu reichen, ja ihn zu überragen schienen. Und er hat sein höchstes TITass noch nicht erreicht. Wer will noch bezweifeln, dass er ein Genius war, wie fhn die l'üdiscrje Geschichte nur einmal in Jahrhunderten Ijeroorbringt? €r erstand dem jüdischen Dolke zum Heile. Zr wurde dem jüdischen Dolke zu seinem Ceid und Unglück Diel zu früh entrissen. Fiber noch sein Andenken wirkt als ein Segen, seine Gedanken sind eine dauernde Bereicherung seines üolkes, und diesen Besitz, das üermädjtnis Herzls, wird es nie oerlieren, solange es lebt und ein Crbe anzutreten fähig ist. Paris, 19. Juni 1909. TU. JTordau Theodor Herz! Anläßlich der Wiederkehr seines Todestages Von Dr. S. M. Melamed Zwischen dem 17. Tanms und dem 9. Ab pflegte uns immer des Schicksals mörderische Keule zu erreichen, und in diesen Tagen voll Hiobsgeschick brach auch ein Held im Tode zusammen, von dem spätere Geschlechter bekunden werden, daß er der Schöpfer der jüdischen Volkspolitik und der Vater der jüdischen Renaissance war, Theodor Herzl. Theodor Herzl, der einen Spezialfall in der jüdischen Geschichte darstellt, hat am 20. Tamus 5664 seine schwarzen, meerestiefen Augen geschlossen: allein trotz der kurzen Zeitspanne, die uns von dem Moment trennt, in dem Herzls Auge zum letztenmal das Himmelslicht geschaut, hat schon das Volk sein Haupt mit Märchen umwoben und seine Majestätengestalt legendarisch verklärt. Kein Wunder! Das Herz des Volkes ist sein Grab. Von den vielen Sagen, die Herzls Haupt verklären, und die die Mutter dem Kinde beim Summen des Spinnrades in winterlicher Morgenruhe, der Vater dem Sohne beim Umschlagen des Talmudblattes beim spärlichen Kerzenlicht mitteilen, ist diejenige die charakteristischste, die da erzählt, daß Herzl zu Kaiser und Papst wie zu seinesgleichen gesprochen, nein, als wäre er einer ihresgleichen. Nie habe er sich vor einem Fürsten geduckt, nie vor dem Papste gebeugt. Mit diesen Vorstellungen von Herzl, die den Tatsachen entsprechen, hat das Volk ein Urteil und ein Programm gesprochen. Seiner äußern Schönheit, auf die der Gott des Rhythmus und der Harmonie den ganzen Zauber seiner Pracht ausgegossen, und die nur im unsterblichen Byron ihr Analogon hat, entsprach seine fürstliche Haltung und sein würdevolles Auftreten. Und diese seine würdevolle Haltung gesellte sich harmonisch zu seinem stolzen Selbstbewußtsein und zu der Überzeugung vom Adel seines Stammes. Als jüdischer Aristokrat, der von der Würde seiner Ahnenreihe und seiner historischen Tradition überzeugt war, räumte er in der jüdischen Volkspolitik mit dem Bettel und mit der Kriecherei auf. Es gibt allerdings Völker, die auch in der Politik ein Recht aufs Betteln haben, Völker, die der Menschheit und der Geschichte nur ihr nacktes Dasein gaben. Allein ein Volk wie das jüdische, das immer seine Akkorde zu den großen Sinfonien des Geistes und der Kultur geliefert hat, braucht nicht zu betteln und darf auch nicht dulden, daß sein Los von den nach oben kriechenden und nach unten brutalen Gemeindeparnessim bestimmt werde. Und ein großes Erbe hinterließ uns der Dichter unserer Zukunftsidee: Judenvolk! Du sollst nicht betteln, Judenvolk, bestimme selbst dein Los! Theodor Herzl war neben dem großen Künstler auch ein „uomo universale", ein Renaissancemensch ,,par excellence". Dichter und Publizist, Staatsmann und Volkspolitiker, Parlamentarier und Organisator von Genie, ein Rechtskundiger von bewunderungswürdigem Scharfsinn und ein Mann von ernster philosophischer Reflexion. Aber nicht in seinem reichen Können und in der Universalität seines Geistes offenbart sich ein Zug der Renaissance, sondern in seiner pantherhaften Sehnsucht nach der Freiheit der Persönlichkeit, die sowohl in seinem historischen Sinn wie — in seiner poetischen Träumerei ihre Wurzel hat. Wie in der Blütezeit der Renaissance, im Quatrocento und im Cinquecento nur ein Ruf die Lüfte durchjagte: Persönlichkeit, Selbständigkeit der Individualität! so führte auch immer der Vater der jüdischen Renaissance ein Wort im Munde: Selbständigkeit der jüdischen Einzel- und Volksindividualität! Der Künstler Herzl interessierte sich für die Einzel-, der Staatsmann Herzl für die Volksindividualität. Noch bevor er die Ahnenreihe seines Geistes kannte, bevor er die Namen Pinsker, Heß und Smolenskin kannte, ja, noch bevor ihm die Geschichte seinen jüdischen

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