Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRO. Köln, 9. Juli 1909 tminb D*nnV nan No. 28. Herz! Stolz und aufrecht wandelte er feine Straße. Wohlfafenfpendend wanderte er durch das Cränental unleres Golufh. Er brachte Linderung, Croft und Gnade. Wir fühlten eine grofje, weite Trauer, ein Klagen ohne Worte — den 3ammer unteres Volkes. Wir fühlten eine Sehnmchf nach dem Lande der Pater; lie wob in unterem Craumleben. Aber nur er war es, der fich diefes Geilfes fo kraftvoll bemächtigte, und er hüllte ihn in einen filbemen, lüftigen Schleier aus Sonnenrdiein und üuff und Erdhauch gewoben. Er gab ihm die Geltalt der Sprache und der üaf. Gr vermochte es, weil er ein Großer war. Was an ihm zumeilf hervortrat, war fein heiliger Ernft. Huf x^elch verfchlungenen Pfaden er auch wandelte, immer blieb er ein PcHmenlch, Er Fchuf fich eine ungewöhnliche Stellung in der großen Welt, gewann lieh alle ßerzen; Eigene und fremde, Anhänger und Gegner huldigten ihm gleich auf» richtig. Seine vornehme Art, lein licherer, feiner Cakt, feine geistreichen Beobachtungen waren die edlen Waffen, mit denen erkämpfte. IHan mußte dem Senius der Freiheit und der Güte uneingefchränkte Würdigung zollen. ßerzl war ein Geiftesariffokrat, denen Cugenden die Gaben der Vernunft weit überitrahlten. Wie erleuchtet es in feinem Kopfe ausfah, größer als diefes Licht war die Wärme feines ßerzens. Ilie liefj er eine gerechte Forderung unerfüllt. Er verlangte vom heben nichts als einen ehrlichen Kamen und wußte, daß das viel iff. 3ede Unbilligkeit ging gegen den Grundzug feines Wefens. Er war ein Freund für die, welche von ihm abhingen, er verlangte nie das Unmögliche und uerffand den * guten Willen für die Cat zu nehmen. Die Streitenden riefen ihn zum Schlichter an, denn fein Gefühl für das Recht war untrüglich. Er war ffrenge gegenüber Lüge, Schlauheit und Verleumdung, unerbittlich gegen Falfdiheit, nachfichtig gegen die aus Schwache Strauchelnden, ttets bereif, dem Reuigen Wege zu bahnen. Im Perkehr nahm er Rücklicht auf die Gefühle feiner ITlifmenlchen. Er Ipottefe nie über das, was ihnen heilig war. Unantaltbar waren ihm ihre Sitten, ihre Angehörigen und Freunde. Das Unglück war ihm beionders heilig. Er kannte keine Schadenfreude gegenüber dem Unter*. legenen, Defpotifcher Sfarrfinn und Arroganz waren ihm verhalt Seine Unüberlegtheiten machte er gut. Unrecht geftand er eljrlich ein. Er rächte lieh nie für angetane Unbill, denn er glaubte an ewige Gerechtig* keif und fchliefjlidjen Ausgleich. Er glaubte auetj an ewige Gerechtigkeit im Völkerleben. Deshalb war er der Vater des neuen Zionismus. Sein heben lieht wie eine große goldene Snfcrjnft in unleren Gedanken: eine Säule, der die Vergänglichkeit .nichts anhaben kann. Wenn man feine Eigenfchaften Icrjflderf, fchreibf man unbeabfichtigt einen — Plalm, ähnlich dem bekannten Kapitel, in dem der göttliche Sänger den Zaddik fchilderf, den Gerechten des jübifchen Altertums. Und wenn man feinen Cod fchilderf, fchreibf man unbeabfiditigt ein Kapitel der — Klagelieder. Bat er nicht gerungen wie ein ßeld, gelitten wie ein Weifer und geendet wie ein Beiliger? Die Hrf, wie er wollte, hafte feine Riefenkraft erfchöpft. Berz und Birn ffets fieberhaft, Anffrengung und Aufregung übermäßig, von keiner Schranke gehemmt, zwifchen ßoffnung und Entfäufchung, Wonne und Erbitterung hin- und hergefchleuderf und immer kernig und freigefi'nnt, immer, wenn auch die eine oder die andere feiner Iüeinungen oder Bandlungen anfechtbar war, von reiner Gefinnung, von vornehmer Denkart, von zuverläfligem Charakter, ohne jeden Schatten von SelMtiuehf oder Eitelkeit. Das war ein Ceben, das nicht lange währen konnte. Als die fchwarzen Fittige des Codes fchon über feinem Scheitel raufchten, war die Seelengröße diefes auserleienen Ulannes nicht uermindert, und feine Kraft nicht gefchroächf. Er hat nie aufgehört zu kämpfen, zu ringen und zu hoffen. fjimmelhoch ftand er über die Alltagsmenrchen erhaben. Er itand wie auf einem hohen Berge und fchaufe die Zukunft, Und was er auch fah, iah er mit dem blitjenden Auge des Genius und nicht mit den Augen der kleinlichen ITTenFchen, die wie der Gelbfüchtige, durch fein Auge getäufchr, die gelbe Färbung an allen Gegenständen wahrzunehmen meinen. Diefes große lieben ilf nicht mit einem mal in dem ftillen Glänze eines hinreißenden Wollens zu Ende gegangen. Es war ein Aufflackern und Erlöfchen. 3e näher der Tod herantrat, defto verzweifelter wehrte [ich das heben, defto tiefer und ichwieriger mühte es lieh, Wege und mittel zur Erreichung des Ideals zu erfinnen. 3eden Cag flammte ein heller Funke auf, jeden Cag befeligte eine neue ßofmung das Berz. Die Cugend, die Berz! am heiligften gehalten, und in deren Spiegel lein heben am reinften erglänzt, war die Ausdauer und die Creue. Creu dem Volke, freu dem Lande, das war der große Akkord, in dem fein heben ausgeklungen iff. Auf dem Schmerzenslager hingeffreckt, vonlefjter Pein und Weh gefoltert, mit gebrochenem Berzen, fchmerzdurchwühltem und gelähmtem Körper, als der Cod fchon ans Fenfrer klopfte, flammt noch ein Leuchten aus den halberlofdienen Augen: das Land der Sehnlucht lacht dem Sterbenden entgegen und entfaltet ihm eine Hlärchenprächt. Der enge Raum weitet fich, die Decke rundet und wölbt fidi wie eine Erdkugel, und der Strahl, der aus dem fferbenden Auge zu±t, zeichnet die Linie des geliebten Landes. i-