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Die Welt · 1909-06-25 · 26 (25.6.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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574 DIE3q£ELT No. 26 zu werden, in denen sie wie überall sonst in der Welt als verschwindende Minoritäten von wesensfremden, hier zum Teil sogar halbwilden Völkerschaften umklammert werden, erscheint doch fraglich. Um sich ein Armenierschicksal zu bereiten, brauchen sie nicht erst aus ihren bisherigen Wohnsitzen auszuwandern. Mit einem geschlossenen Zentrum in Palästina, das der Interviewer des Großrabbiners nicht zitiert, können sich solche Siedlungen nicht vergleichen lassen. Die jüdische Nationalität und die neueren Gesetze Die türkische Kammer ist in ihrem Eifer neue Gesetze zu schaffen, die geeignet sein sollen, eine straffere Einheitlichkeit im Staate herzustellen, auf bedenkliche Abwege geraten. Schon die Frage des öffentlichen Unterrichts hatte die nichttürkischen Nationalitäten in einer Weise erregt, die zu schlimmen Folgen führen kann. Nun ist aber mit dem neuen Vereinsgesetz eine weit größere Gefahr entstanden, die die Freiheit der jüdischen Nationalität ebenso wie die der übrigen Nationalitäten irn Reiche aufs äußerste bedroht Die Kommission, die den Regierungsentwurf über diese heikle Frage umzumodeln hatte, wußte ihm keine glücklichere Bestimmung einzuverleiben als die, welche die Bildung von Vereinen verbietet, soweit sie geeignet sind, Zwiespalt unter der Bevölkerung des Reichs zu säen oder soweit sie auf einem ethnographischen oder nationalen Prinzip beruhen. Ist schon diese sonderbare Bestimmung in ihrem ersten Teile wegen dessen gefährlicher Unklarheit ein Monstrum, so ist ihre zweite Klausel von einem so direkt reaktionären Chauvinismus getragen, daß man sich kaum vorstellen kann, das sie vom Plenum der Kammer genehmigt werden sollte. Bei der Ungeklärtheit der Anschauungen in dieser Nationalversammlung ist freilich garnichts ausgeschlossen. Für die ottomanischen Juden wäre die Schaffung eines solchen Gesetzes ein schwerer Schlag. Die ganze zukünftige politische Erziehung und Entwicklung der jüdischen Nationalität wäre von vornherein gefährdet. Nicht nur eine Organisation, wie die in Salonik zur Zusammenfassung der gesamten ottomanischen Judenheit geplante, wäre dann unmöglich; es müßten dann auch bereits bestehende wie die „Ahwa" in Konstantinopel, der Auflösung verfallen. Das die Bildung einer zionistischen Organisation im Lande voraussichtlich unmöglich würde, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Aber es ist kaum anzunehmen, daß der obskure Vorschlag durchdringen wird. Zweifellos werden sämtliche nichttürkischen Nationalitäten des Reiches, auch die muselmanischen, wie die Albanesen und Araber sich fest und energisch aneinanderstießen, urn die ihnen alle gleich gefährliche Absicht zurückzuweisen. Wie ein Kuriosum mutet es an, daß dieses rückschrittlichste aller Vereinsgesetze auch eine sehr vernünftige, progressive Bestimmung enthält, die ganz besonders auch unserer zionistischen wirtschaftlichen Arbeit wird zugute kommen können. Hiernach werden fortan sämtliche Gesellschaften, also auch die kommerziellen, das Recht juristischer Personen erhalten. Mit der Annahme dieses Beschlusses wird eines der größten Hemmnisse unserer Unternehmungen in Palästina nicht mehr existieren. Aber wir werden auch doppelt so eifrig an die Ausnutzung dieser Konjunktur herantreten müssen, wenn wir uns nicht von andersnationalen und ausländischen Konkurrenten, die ebenso aus der neuen Situation profitieren wie wir, für immer aus dem Felde schlagen lassen wollen. * * * Die Unterrichtsklausel in Paragraph 18 der revidierten Konstitution hält andauernd noch die Nationalitäten in Atem. Griechen, Bulgaren und Armenier haben durch ihre geistigen Oberhäupter Widerstand bis aufs Blut gegen sie erklären lassen. Inzwischen sind genauere Details über die Absichten der Regierung und der Kammermehrheit durchgedrungen, die die Gefahr in weniger grellem Lichte erscheinen lassen. Es war natürlich allgemein die Ansicht verbreitet, daß der gesamte Unterrichtskomplex aller Nationalitäten eine brutal durchzuführende Vereinheitlichung oder Gleichmacherei erfahren sollte. Man sprach auch davon, daß den nationalen Schulen die Muttersprache entzogen werden sollte, wenigstens den höheren Anstalten von der Sekundärschule (Rüschdie) aufwärts. Es sind nun aber von Seiten des Ministers des Innern, wie von der türkischen Presse beruhigende Aufklärungen gegeben worden. Nach diesen soll auch in den höheren Anstalten die nationale Unterrichtssprache nicht angetastet werden. Nur für den gründlichen Unterricht der offiziellen Staatssprache sollen Garantien geschaffen und im übrigen nur eine wirksame Überwachung der patriotischen Erziehung geschaffen werden. Es soll sich also im wesentlichen nur um die Vereinheitlichung der Erziehung als die des Unterrichts handeln. Das Recht zu einer solchen Kontrolle wird dem Staate nicht gut abgesprochen werden können. Im übrigen scheint für die Heranbildung einer treunationalen Jugend keine Gefahr zu erwachen, auch für unsere hebräischen Anstalten in Palästina, die schon bestehenden wie die zu gründenden, nicht. Über die Frage, die soviel Staub aufwirbelte, bringt die griechische Zeitung „Proodos" ein in vielen Punkten nicht uninteressantes Interview mit dem Großrabbiner. Dieser hat sich folgendermaßen geäußert: „Für uns Juden kann der Artikel 18 der Konstitution, den die Kammer annahm, weder Unruhe noch Schwierigkeiten hervorrufen. Der Grund dafür ist sehr einfach. Wir haben, wie Sie wissen, im Reiche keine Sekundarschulen, an denen das Hebräische unterrichtet werden könnte (sie!). Die höheren Schulen in Palästina und Salonik sind lediglich Seminare (!) und haben als solche nichts von der Anwendung des Artikels 18 zu befürchten. (Der religiöse Unterricht bleibt bekanntlich von der Staatskontrolle frei. D. Red.) In der Zukunft vielleicht, wenn die israelitische Sprache sich unter den Juden, die das ottomanische Reich bewohnen, ausbreiten wird, dann erst werden auch wir uns in die Notwendigkeit versetzt sehen, gegen einen derartigen Beschluß zu protestieren." „Aber der Tag ist fern, bis die israelitische Nation in ihrer nationalen Sprache unterrichten kann. Bis zu diesem Zeitpunkte, scheint mir, laufen wir nicht die gleiche Gefahr wie die andern Nationalitäten, durch die Anwendung des neuen Unterrichtssystems." „Für die Griechen und die andern Nationen des Landes liegt die Sache anders, und ich begreife vollauf die Haltung S. H., des ökonomischen Patriarchen und der andern religiösen Oberhäupter, die die Änderung des status quo nicht wollen." Der Redakteur des „Proodos" muß, das sind wir sicher, falsch zitieren. Sonst läge hier eine merkwürdige Unkenntnis zutage. Der Chachambaschi Haim Nahum sollte nichts von der Lämelschule und dem Seminar des Hilfsvereins, das kein religiöses, sondern ein Lehrerseminar ist, nichts von der Kunstgewerbeschule „Bezalel" und vom Hebräischen Gymnasium und der zweiten sich nun entwickelnden hebräischen Mittelschule in Jaffa wissen? Wenn er sie aber kennt, so müßten gewisse seiner Sätze ganz anders lauten, und er würde nicht den Tag für so ferne halten, an dem das Hebräische als Unterrichtssprache anwendbar sein kann. Der Großrabbiner der Türkei sollte, wenn die ihm zugeschriebene Äußerung richtig ist, recht bald die von ihm geplante große Reise in den Provinzen machen. Er hätte so Gelegenheit, die gegenwärtige kulturelle Lage der Juden Palästinas besser kennen zu lernen. Und bei einer wirklichen Bedrohung der höheren Schulen durch Aufoktroyierung der türkischen Sprache als einziges Unterrichtsmittel würde er sofort protestieren. Keine jüdischen Unterstaatssekretäre Der Traum einer jüdischen Ministerherrlichkeit ist einstweilen ausgeträumt. Es wird überhaupt keine Unterstaatssekretäre bis auf weiteres geben, also auch keine jüdischen. In der Kammer hat sich keine Zweidrittelmehrheit für den Vorschlag gefunden. Daß damit auch einstweilen alle Hoffnungen auf eine Regierung der wirklich Jungen begraben ist, sei nur nebenher erwähnt. Auch in dieser Richtung sind, wie überhaupt, die Zukunftsaussichten bedauerlich trübe. Vom Mischlisch Senator Behor Effendi Aschkenasi hat einer Meldung des „Tiempo" zufolge seine Demission als Mitglied des Mischlisch Umumi eingereicht. Zweifellos steht dieser Aufsehen erregende Schritt mit der vorwöchentlichen Sitzung zusammen. Auf dieser Sitzung wurde in ihrem weiteren Verlaufe die Ausarbeitung eines neuen Organisationsstatuts für die Konstantinopeler Gemeinde sowohl, wie für die übrigen Gemeinden des Reiches beschlossen. In diese Kommission wurden die vier jüdischen Deputierten, ferner Herr Menarche, Redakteur D. Fresco vom „Tiempo", unser Gesinnungsgenosse, Advokat Dr. Leon Schönmann und Untersuchungsrichter Pisa gewählt. Nach beendigter Abfassung wird der Entwurf zur Durchbeberatung an sämtliche Gemeinden der Provinz gesandt werden. Eine zweite im Großrabbinat abzuhaltende außerordentliche Versammlung des großen Mischlisch wird sodann die Lesung des neuen Statuts vornehmen und eine neue Kommission ernennen, die es der Kammer überreichen wird. Bialik auf der Durchreise von Palästina Wir hatten vor kurzem die Genugtuung, unsern großen Poeten Chaim N. Bialik wieder in unserer Mitte zu haben. Seine Eindrücke

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