Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 26 DIE ELT 573 Ii Mr. Israel Cohen beleuchtete die eigentümliche Wandlung jener, die vor Jahren sich absplitterten, weil sie die Türen des Yiidiz für uns für geschlossen hielten und nun vor dieselben Türen zurückgekommen sind, um ihrerseits um Einlaß zu flehen. Warum aber Mesopotamien und nicht Palästina? Mr. Zangwill habe gesagt: „Ein Volk, ein Plan". Aber es soll der eine Plan sein, der von Vertretern des Volkes von Kongreß zu Kongreß angenommen wurde, nicht der, der einen, einzigen Mann zum Urheber hat, dessen Organisation keineswegs eine Vertretung des jüdischen Volkes darstellt. Mr. Greenberg, der das Schlußwort hatte, sagte, er sei unwert seiner Stellung im A. C. und bei der Bank, wenn er nicht die von Dr. Dreyfus dagelegte Politik unterstützen würde. Wie könne man nur zweifeln, daß er für Palästina sei. Palästina und Paläsina allein müsse das Ziel aller unserer Bemühungen sein. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig und unter großem Beifall angenommen. Die Versammlung war eine der größten zionistischen Versammlungen im Westend seit vielen Jahren und dürfte für die Propaganda noch große Dienste leisten. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Rätsel Am Samstag den 19. Juni brachten die Tagesblätter von Pera unter Überschriften wie „Zionismus" und „Jüdisches" eine Mitteilung wie folgt: „Der Korrespondent des »Jewish Chronicle« in London, Herr Philon D. Fresco, übermittelt uns die folgende Depesche, die er von seiner Zeitung empfing: Der »Jewish Chronicle« ist das Organ der großen jüdischen Organisationen des Okzidents. „Ich bitte Sie, überall die formellsten Versicherungen abzugeben, daß keine einzige Organisation im Okzident die jüdische Einwanderung in gleichviel welchen Teil des ottomanischen Reichs ermutigt, ohne die Voraussetzung, daß die Einwandernden unverzüglich die ottornanische Untertanenschaft annehmen. Jeder Gedanke an Politik oder die Idee, einer bestimmten Gegend vor andern den Vorzug zu geben, ist gleicherweise total ausgeschlossen (im Text: toute idee politique ou preference de contree est egalement totalement exclue). Der Herausgeber des »jewish Chroniclee«". Dieses merkwürdige Telegramm, gegen dessen Postulat im ersten Teile nicht das geringste einzuwenden ist, gibt im übrigen eine Anzahl Rätsel auf, die einige Zweifel an seiner Authentizität aufkommen lassen. Vorerst: Seit wann ist der „Jewish Chronicle" das Organ der großen jüdischen Organisationen? Aber für diese Definition, die offenbar dem nachfolgenden Telegramm mehr Gewicht geben soll, ist der Unterzeichner der Depesche nicht verantwortlich zu machen; sie stammt vom Berichterstatter. Zweitens: Haben die jüdischen Organisationen wirklich ohne Ausnahme den Herausgeber des Londoner Blattes dazu autorisiert, in ihrer aller Namen an so maßgebender Stelle wie in Konstantinopel diese Versicherung abzugeben? Drittens: Hat insbesondere die zionistische Organisation dem „Jewish Chronicle" eine Order in dem Sinne zukommen lassen, der die Worte „preference de contree totalement exclue" rechtfertigen könnte? Soweit hier bekannt, ist ja der Herausgeber des „Jewish Chronicle" selbst Zionist und weiß ohne Zweifel, daß der Zionismus, der nicht nur einer bestimmten Gegend der Türkei den Vorzug gibt, sondern sogar diese Gegend, Palästina, als einziges Endziel in seinem Programm namentlich aufführt, eine solche Erklärung nie und nimmer abgeben kann und wird. Dieser Passus, der geeignet wäre, alle bisher in der hiesigen Öffentlichkeit von zionistischer Seite gegebenen Aufschlüsse zu desavouieren, ist also höchst rätselhaft. Was der Geschichte ein noch sonderbareres Ansehen gibt, ist die Tatsache, daß am gleichen Tage in einem Artikel des hiesigen spaniolischen Blattes „El Tiempo", das dem Berichterstatter des „Jewish Chronicle" sehr nahe steht, das gleiche Telegramm zum Abdruck kommt, aber ohne Hinzufügung des letzten Satzes. Von der „preference de contree totalement exclue" kein Sterbenswort! In welcher Fassung ist die Depesche richtig, und welche enthält die irrtümliche oder beabsichtigte Entstellung? Überall diese Rätsel kann nur die Leitung des „Jewish Chronicle" selbst die Aufklärung geben. Diese ist uns erwünschter und notwendiger, als die hiesigen Zionisten eine rasche Entlastung von der berechtigten Unruhe erwarten müssen, die aus unverantwortlicher Kreuzung und Störung ihrer gerade hier schweren und delikaten zionistischen Aufklärungs- und Pionierarbeit erwächst. (Die Depesche des Herausgebers des „Jewish "Chronicle" an seinen Korrespondenten in Konstantinopel, wie sie -letzterer in der Konstantinopeler Presse verbreitet hat, ist augenscheinlich eine arge Mystifikation. Das beweist die Mitteilung in der letzten Nummer des J. Chr., der einen ganz andern Text dieser Depesche zitiert. Mit keinem einzigen Worte ist dort die Rede von einer Nichtbevorzugung eines Teiles des türkischen Reiches, sondern einzig und allein davon, daß die jüdischen Einwanderer türkische Untertanen werden wollen. Der Korrespondent scheint sensationshalber eine entstellte Depesche im Namen des Herausgebers des J. Chr. veröffentlicht zu haben. Immerhin ist die ganze Art des Telegraphierens an den Korrespondenten seitens des Zeitungsherausgebers sonderbar. Solche Kundgebungen auf eigene Faust sind nur geeignet, Verwirrung hervorzurufen. Der Herausgeber des J. Chr. scheint von den übertriebenen tendenziösen Mitteilungen seines Korrespondenten übermäßig beunruhigt worden zu sein und wollte wahrscheinlich — in guter Absicht, — die Vorurteile bekämpfen, aber wir können diese Methode nicht gutheißen. Vermutlich stehen im Zusammenhang mit dieser Verwirrung auch andere Zeitungsnachrichten, die in die Wiener Presse lanciert worden sind, nach denen die zionistischen Pläne kategorisch von der türkischen Regierung abgewiesen wurden. Diese Nachrichten sind absolut unwahr. Derartige Informationen sind offenbar eine antizionistische Mache. Die Red.) Das erste Geplänkel Das unfreiwillige Heraustreten des Konstantinopeler Zionismus aus seiner Reserve hat die günstige Folge gezeitigt, daß unser Problem nun allgemein erörtert wird. Alle hiesigen in europäischen Sprachen erscheinenden Blätter haben Artikel für unsere Sache gebracht. Auch die türkischen Organe „Terdschiman Hakikat" und „Ittihad" haben von ihr im günstigen Sinne Notiz genommen. Ganz besonders aber haben die jüdisch-spaniolischen Blätter „La Bos" und „El Telegrafo" in großen, zum Teil vehementen Artikeln für unsere Bewegung Partei ergriffen und die verleumderischen Anwürfe gegen sie zurückgewiesen. Der „El Tiempo" ist bisher zurückhaltend geblieben, er hat aber eine ausführliche Stellungnahme angekündigt, die voraussichtlich kaum gegnerisch ausfallen dürfte. Das Herzerquickende an der Kampagne war das spontane Auftauchen uns bisher völlig unbekannter Sympathien und uns ergebener Kräfte im Zentrum und in allen Vororten der Stadt. Wird der Moment gekommen sein, so wird sicherlich eine Organisierung all dieser versprengten Kräfte eine leichte und segentragende werden. Die Aufklärungsarbeit wird fortgesetzt, ohne schädliches Übermaß, aber ausdauernd, planmäßig und mit Würde. In „LaTurquie" beginnt mit diesem Montag eine gründliche orientierende Artikelserie. Es wird dafür gesorgt sein, daß das außerordentlich lebhafte Interesse, das die hiesige Judenschaft unserer Bewegung widmet, nicht wieder entschlummert. Eine neue Broschüre Aus der Feder unseres wackern Saloniker Gesinnungsgenossen David Florentin, Redakteur der zionistischen Zeitschrift „El Avenir", ist dieser Tage im Verlage Gorodichze eine zionistische Broschüre erschienen, die sich „Nos devoirs comme Juifs et Ottomans" betitelt. Sie reproduziert den vortrefflichen, seinerzeit hier in der Ligue Nationale des Juifs de l'Empire Ottoman „Ahwa" gehaltenen Vortrag und behandelt mit Kennerschaft und Verve die ökonomischen, kulturellen und politischen Aufgaben der türkischen Judenheit, die in der Mithilfe zur Verwirklichung des zionistischen Ideals ihren Gipfelpunkt haben. Das Werkchen ist schön ausgestattet und findet guten Absatz, Es ist der erste Versuch in populärer Form, unsern hiesigen Brüdern den Zionismus zugänglich zu machen. Aber die Herausgabe einer weitern großen Reihe von aufklärenden Publikationen in französischer oder spaniolischer Sprache ist dringend notwendig. Türkische Territorien Der Chachambaschi Haim Nahum bekannte sich nach einem im hiesigen „Osmanischen Lloyd" veröffentlichten Interview als überzeugter Anhänger einer jüdischen Ansiedlung in Kleinasien. Seiner Meinung nach brauchte aber eine solche Niederlassung nicht an einer Stolle zu erfolgen. Die Kolonisten könnten über die verschiedenen Wilajets verteilt werden. Konia, Angora und Mamuret al Asis kämen dafür hauptsächlich in Betracht. Ob die Judenmassen, die eine Heimstätte suchen, sich dazu hergeben werden, in weit auseinanderliegende Gebiete versprengt