Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m 1 570 DIE ELT No. 26 5 f Ii i *9 ✓ s? t **" X Erfindungsgabe und eine die Aktionsentwicklung sicher leitende Hand. Er machte auf mich den Eindruck eines Assimilierenden. Das Milieu, die Literatur des Landes oder die Literaturen vieler Länder, die alle jüdischen Schriftsteller lesen, an denen manche auch mitarbeiten, beeinflussen uns alle. Der Unterschied besteht nur im Qrade der Rezeptivität. Diejenigen, die in ihrem Wissen und Denken sozusagen von Haus aus viel Jüdisches haben, mögen noch so stark beeinfußt werden, ihre Individualität kommt immer zum Durchbruch. Sie haben Momente, in denen ihr Schaffen frei ist von allem konventionellen Trödel, Phrasen und hohlem Wortgeklingel, frisch und unmittelbar, geradezu exakt in Natur- und Menschenbeobachtung, fern von allem Fremden und Anempfundenen in Gedanken und Ausdruck, erfüllt von dem, was man bei normalen Völkern „Erdgeruch der heimatlichen Scholle" nennt und was bei uns ein Äquivalent, vielleicht nur ein Surrogat, im jüdischen Mutterwitz, im traulichen, intimen, heimischen und natürlichen Ton hat. Jakob Gordin besaß diese Grundlage jüdischen Wissens in geringem Maße, aber er gelangte dazu durch das Leben. Er schrieb sehr viel und erarbeitete sein Talent, seinen Einfluß und seine Popularität. In der neuen Epoche seiner Tätigkeit schenkte er uns Werke, die einen gewissen künstlerischen Wert haben. Es ist nicht jedes an sich ein Meisterwerk, aber die Summe dieser Arbeiten ist wirklich groß und mächtig. Nichts für die Unsterblichkeit, aber sehr viel für das Leben, manches auch für längere Dauer über das Leben hinaus. Wenn wir all das zusammenstellen, sehen wir einen großen Bühnendichter, dem amerikanische sinnenkräftige Anschauung undGestaltung der Weltwirklichkeit durchaus nicht als einziger Born dramatischer Kunstwirkung, doch weit mehr noch das Reich der Ideale galt, das ja gerade der Dichter als realste Macht in seinem Busen fühlt, weil seine eigne Kunst, wenn auch ihm selbst rätselhaft, so doch als lebendigste Wirklichkeit aus eben dieser Quelle flutet. So erscheint schon Gordin in seiner „Mirele Efros" als ein realistischsymbolischer jüdischerBühnendichter. Denn die Symbolik, ich meine die unbeabsichtigte Symbolik, ist eben das Wesen dieses Dichters in seinen letzten Werken. Kein Dichter kann und darf sich auf die nackte Wiedergabe der Wirklichkeit beschränken; stets sucht und findet er in seinem Ingenium die verknüpfenden Fäden für die Umgestaltung des äußerlich Zufälligen und abgerissenen Einzelnen zum Notwendigen und Typischen und damit das Ideale im Realen. So hat Gordin in „Mirele Efros" das jüdische Adelbewußtsein in kernigen und charakterfesten Gestalten verkörpert. Ein historischer Zug liegt in der eigenartigen Entwicklung dieses Menschenlebens. In seiner Jugend ein Südrusse mosaischer Konfession, ein Reformschwärmer, Kompromißreligionsstifter, „Mauschel", russischer „Volkstümler", Tolstojaner, der in seiner Assimilation so weit ging, daß manches von dem, was er geschrieben hat, antisemitisch klang, — wandert enttäuscht nach Amerika aus, lernt erst dort Jiddisch, widmet sich der jiddischen Literatur und wird dort zu einem der populärsten jüdischen Schriftsteller. Was Jakob Gordin im Grunde seines Wesens war, das hat sich erst in Amerika gezeigt. In den südrussischen Städten mochte er den Eindruck eines Assimilationsskribenten machen, jenes Typus, der in fremden Sprachen den Redaktionen über jüdische Dinge Aufsätze liefert, wie sie die Redaktionen haben wollen, einer der „Schreibjüngeies", wie sie in Petersburg, Warschau und Odessa zu Dutzenden herumlaufen. Ich sage: er mochte den Eindruck machen, denn man muß sich in die Stimmung jener Zeit versetzen, um das zu begreifen. Es war die Zeit der Pogrome und des nationalen Erwachens unter den Juden. Die Zionsidee leuchtete auf, viele Studenten begaben sich mit dem Ruf „Bila" („Beth Jakob l'chu w'nelcho" — Haus Jakobs, wir wollen gehen) nach Palästina, andere gingen nach Amerika, um dort Kolonien zu gründen, und zu derselben Zeit gruppierten sich im Süden einige Schwärmer, Abenteurer und — Schwindler, um neue Sekten zu gründen und die jüdische Frage zu lösen. Es mußte den Eindruck eines Verrats machen, es mußte den Schein erwecken, als ob diese Neuerer durch die Tat kundgeben möchten, daß die Pogrome durch das alte Judentum hervorgerufen worden sind, also sei die Schaffung eines neuen Judentums das beste Mittel gegen Pogrome. Gordin gehörte zu den Schwärmern, und das hat sich in seinem weitern Leben gezeigt. Er hatte eine religiös-sittliche Lebensauffassung ä la Tolstoi. Seine Sektiererei hatte sich bald verflüchtigt; ein gewisser Idealismus ist geblieben! Den momentanen Abfall hatte er durch ein intensives Leben in der jüdischen Masse und mit der jüdischen Masse gesühnt. Nichts ist von dem „Russen" geblieben; ein Jude ist herausgewachsen, ein Denker und Dichter der jüdischen Masse. Was in ihm von der Vergangenheit geblieben ist, das war nur etwas von Tolstoi. Er wußte, daß der Dichter im Denken, Fühlen und Leben gesund sein müsse, um auf die mannigfachen Schäden der Zeit heilend einzuwirken. In vielen seiner Werke ist der ethische Gesichtspunkt für den Fortgang der Handlung der allein maßgebende, obwohl derselbe niemals tendenziös in den Vordergrund tritt oder gar im Predigerton geltend gemacht wird. Also nicht ein „Vater des jüdischen Theaters" und nicht ein Genie, sondern ein großer, eigenartiger Schriftsteller war Jakob Gordin. Er war auch ein guter und edler Mensch, ein freigiebiger Geistesspender, ein großartiger Volksbildner. Man wird ihn vermissen, wie man eine bewegliche, wirkende und treibende Persönlichkeit vermißt, der man zu begegnen, von der man zu lernen und die man zu beeinflussen gewohnt ist. Diese Persönlichkeiten sind noch dünner gesät als die Genies. N. Sokolow tot»! **'