Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 26 - -= DIE3^ daß er sein Heil nur in der Ehrlichkeit der Überzeugung finden kann. Der Held des einfach geschriebenen Romans, Rudolf Lowositz, ist jung und voll Sehnsucht nach Schönheit! Er leidet am Alltag und schwankt zwischen zwei Idealen. Einmal neigt sich sein Sinn den Deutschen zu, ein andermal den Böhmen. Nur für sein eigenes Volk fehlt ihm der Sinn. Und darin liegt seine Tragik, darin, daß er so entwurzelt ist und so haltlos. Ein nächster Band soll uns zeigen, wie er dem Leben beikommt. Vorläufig fühlt er sich fremd in seinem Vaterhaus und nimmt teil an den Kämpfen zwischen der deutschen und tschechischen Jugend. Die Anfänge sind es. Wirre Köpfe, Phantasten streiten miteinander über nationale Eigenart, Kunst und Sprache, raufen bei Theatervorstellungen und führen die Fäuste und Stöcke als überzeugende Argumente ins Treffen. Sie meinen es gut, diese Hitzköpfe, wenn sie auch übersprudeln. Aber nicht lange bleibt es bei diesen fast knabenhaften Schlägereien; professionelle Politiker bemächtigen sich des vorhandenen Jugendübermutes. Der Patriotismus der Jugend ist Wasser auf die Mühlen der ältern Rufer im Streite, die nicht so sehr den Vorteil ihres Volkes als ihren eigenen im Auge behalten. Immer männlicher wird der Kampf, aber auch immer egoistischer, materialistischer. Wenn Auguste Hauschner uns dies in dem nächsten Band schildern wird, so werden wir ihr ein großartiges Dokument unserer Zeit zu verdanken haben. Das Zeug dazu hat sie. Einen Ausschnitt aus dem Kampfleben unserer Gegenwart gewährt der junge Dichter Rudolf Hans Bartsch in seinem poetischen Roman „Zwölf aus der Steiermark", der bei L. Staackmann erschienen ist. Wir befinden uns auf dem Grazer Boden, wo Deutsche und Slowenen einander in den Haaren liegen. Es ist ein starkes, markiges Buch, voll Duft und Schönheit, blühend wie das wechselvolle Gelände um die reizende steiermärkische Hauptstadt, die den Mittelpunkt dieser jugendlich frischen, berauschenden Dichtung in Prosa bildet. So kernig war schon lange kein deutsches Buch und so voller Gemüt und Liebe. Als Kunstwerk mag es wohl Kompositionsfehler haben, aber man genießt die Sprache wie einen köstlichen Wein, und die originellen flotten Einfälle wirken wunderbar . . . Jugend, Frühling, Freundschaft bilden den Dreiklang, auf den diese Dichtung gestimmt ist. Die Freundschaft der Zwölf aus der Steiermark ist so jugendlich und klar, daß sie auch einen Juden umfaßt. Bohnstock heißt er, ist jung wie die andern, wenigstens den Jahren nach, seines Zeichens Geiger und Komponist dazu. „Außer seiner Musik und einer unermeßlichen, tödlichen, hoffnungslosen Sehnsucht nach dem deutschgermanischen Wesen lebten wenig andere Kräfte in ihm" . . . Deutsch sein! Wie viele träumten es und wähnten es zu werden! Offene Arme müßten ihrer harren, glaubten sie. Aber eines andern belehrt sie das Leben, täglich, stündlich. Nun bietet es mehr als ästhetischen Reiz, zu lesen, wie der deutsche Dichter und österreichische Offizier Bartsch seinem sympathischen, rührend naiven Bohnstock eine Lehre von den Deutschen erteilen läßt. Zu symbolenhafter Größe steigt diese Szene empor und überragt fast alles, was darüber bis nun geschrieben wurde. Wie Bohnstock an dem Kampfe der Deutschnationalen LT -- 569 gegen Slawen und Klerikale teilnimmt, wie er beglückt ist, endlich bluten zu können für das Volk, das ihm heilig war, und wie er hofft, durch dieses vergossene Blut echt zu werden, — das alles ist eindringlich geschildert. Kein Wort zu viel, keins zu wenig. Da kommt die große Enttäuschung . . . Man öffnet dem edlen „Deutschen" grausam die Augen. Inmitten des Kampfes wendet sich gegen ihn, den Vordersten, der Haß der Kämpfer. „Weg mit dem Juden — im Kampf zwischen Deutschen und Slawen!" heult die Menge. In Grimm und Schande ausgestoßen, verzetert von Freund und Feind, wankt Bohnstock davon, „weggejagt wie ein Hund aus dem Hause des in den Tod geliebten Herrn" . . . Was blieb ihm? Wie so viele in seiner Lage, geht er den Weg zum Judentum. Und wie ein Rausch kommt es über ihn: „Ich will mich schlagen für unser verhöhntes Volk." Wir freilich möchten ihm zurufen: Arbeite für dein Volk! Jakob Gordiii Es gibt wohl wenige Dichter, die ungeachtet ihrer auf das schärfste ausgeprägten Eigenart selbst die ihren künstlerischen Idealen und menschlich-persönlichen Anschauungen abgewandtesten Geister mit solcher Macht in den Bannkreis ihrer Verehrer gezogen, wie der verstorbene Jakob Gordin. Russisch-jüdischer Assimilant von seiner Kindheit, ein Nachzügler Bbgrows und Portugalows in seiner Jugend und doch im jüdischen Ghetto Amerikas gefeiert und selbst von seinen erfolgreichsten Wettkämpfern um den ersten Lorbeer des Dramas mit Enthusiasmus gepriesen als „Vater des jüdischen Theaters"! Jakob Gordin läuft bereits Gefahr, statt in seiner ursprünglichen Vielseitigkeit und Fruchtbarkeit dem Verständnis des Publikums nähergebracht, in einem sinnlosen Phrasenschwall geist- und geschmackloser Lobhudeleien verhüllt zu werden. Weder war Jakob Gordin „Vater des jüdischen Theaters", noch war er überhaupt ein Genie, das Monumentales schafft. „Vater des jüdischen Theaters" war Goldfaden, und unter den genialen jüdischen Schriftstellern der Gegenwart war Gordins Platz nicht. Er war weniger und mehr als das. Er war eine Persönlichkeit. In der Literatur wie im Leben gibt es Persönlichkeiten, d.h.Individuen, die man nicht schablonenmäßig bezeichnen und qualifizieren kann. Sie haben die meisten Anhänger und das größte Publikum, sie bringen die Kritiker in Verlegenheit, sie gehören nicht zu irgendeiner Clique, sei sind weder veraltet noch modern, und doch nehmen sie eine unerschütterliche Stellung ein. Eine solche Persönlichkeit war Gordin. Man sieht seine Größe nicht in einzelnen Werken, sondern in der Gesamtheit seiner Arbeit. Er schrieb in seiner Jugend Russisch und brachte durch den der russischen Literatur eigentümlichen Realismus eine günstige Vorbedingung für Bühnendichtung schon aus Rußland mit. In Amerika entwickelte er sich zu einem jiddischen Schriftsteller. Was in der ersten Zeit seines Schaffens im Drucke erschienen und was wir hier in Auszügen fragmentarisch zu lesen bekamen, war ein Wirrwarr von Talent und Vielschreiberei. Er verriet kein gebildetes, energisches, die poetischen Gestalten scharf profilierendes Denken, sondern eine reiche