Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316378--52043-3345731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
568 DIE^ELT No. 26 wohltätigen Zwecken und spielt als Freund der Jugend bei allen christlichen Familien, wo er gerne verkehrt und gesehen wird, die Rolle des Onkels. Er liebt ein fein erzogenes Christenmädchen und wird vielleicht wiedergeliebt, unternimmt jedoch nichts, um eine Verbindung mit ihr einzugehen, da er sagt: „Ein Jude bleibt Jude. Und wenn er nicht gerade eine Jüdin findet" ... So bleibt er nur ihr Freund, — als Hagestolz. — Die große Zeit findet ihn aber klein. Noch kleiner, ja erbärmlich, erscheint uns ein anderer Typus: Saphir, von dem jemand im Roman sagt: „Der alte Jud macht nach dem 13. März dieselben faden Witze wie vor dem 13. In der Hinsicht ist die Revolution wirkungslos geblieben." Anders verhalten sich die Leb Pinkas, Heinrich Spitzer und Adolf Fischhoi Von Leb Pinkas sagt Mießriegel: „Ein Mauschel, wie er im Buch steht." Er, dessen Großvater ein Hausierer war, den die Leute auf dem Schottenfeld mit den Füßen treten, studiert und fristet als Advokaturschreiber ein elendes Dasein, weil-ihm andere Berufe verschlossen sind. Er schürt unter den trostlosen Arbeitern, ein freiwilliger, glühender Agitator. Hat er doch von einer Umwälzung nichts zu fürchten und alles zu erhoffen. Dieser junge Jude mit Anzeichen von Kummer und Leidenschaft in den unsteten Augen redet von der Schmach, die man den Juden auf Schritt und Tritt zufügt, und fordert Glaubensfreiheit mit dem Hinweis darauf, daß die Juden zur europäischen Völkerfamilie gehören. Und die Zuhörer stimmen i}im zu, wenn er mit Emphase ausruft: „Das ist dunkelstes Mittelalter, — eine Schande für Osterreich* — — Heute fände ein Leb Pinkas nicht einmal diese ideale Zustimmung. Es hat sich eben manches geändert — und doch nicht geändert. — Doch kehren wir zu jener Zeit zurück, wo wenigstens noch tausend Hoffnungen keimten, wo wahre demokratische Gesinnung die stürmischen Herzen erfüllte. Eine Leuchte der edlen Demokratie war Dr. Adolf Fischhof. Leider unterläßt es der Dichter, seinen ungeheuren aktiven Anteil an.der damaligen Bewegung ausführlich zu schildern. Wir sehen nicht die Phasen der geistigen Kämpfe, wie sie dieser Heros ausfocht, wir hören nicht die flammenden Reden dieses redegewaltigen Führers. Einmal nur blitzt seine Erscheinung meteorartig auf. Charakteristisch ist der Vergleich, bezeichnend sind die Worte, mit denen ihn Ertl einführt. „Wie der Geist Gottes über dem Gewässer, so schwebte ein bärtiger junger Mann über der Menschenmenge. Er warf die Hände in die Luft, weil er zu der Menge redete, hochgehoben auf den Schultern von Studenten. Ab und zu trug die Luft ein Schlagwort herüber: Preßfreiheit! Volksvertretung! Glaubensfreiheit! Der Geist Gottes tauchte nieder . . . Stumpf dröhnte der Beifall. Man verlangte nach dem Namen. Da tauchte er empor. Stille trat ein, und man hörte ihn sagen: „Das Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte, aber ich sage mit Hutten: „Ich hab's gewagt, ich, Dr. Adolf Fischhof." Welch theatralisches Auftreten, durch einen ironischen Verkleinerer gesehen! Aber auch welche Größe! Dieses Erfassen der Stimmung! Diese zeitgemäße Anpassung an die Umgebung! Das Schwungvolle, Pathetische in diesem Manne. Aus all dem erklärt sich seine fabelhaft hinreißende Wirkung! Doch was nützten all die Begeisterung, all der Idealismus, der aufstürmende Kampf? Die Kanonen hallten in den Gassen Wiens, Soldaten wüteten gegen Studenten und Bürger. Und wer fiel als Vorkämpfer für die Freiheit? Ein Jude. Heinrich Spitzer, der Heldenjüngling mit den abstehenden Ohren, erlitt am 13. März in der Herrengasse als erster den Opfertod. Freilich war dann sein Bild in allen Auslagen zu sehen, mit schwungvollen*.Gedichten. Freilich wurde er und mit ihm wurden viele andere jüdische Studenten mit allen Ehren bestattet. Schwermut beschleicht einen bei der Schilderung eines Begräbnisses der Märzgefallenen . . . „Etwas abseits bei den zwei rohen fichtenen Särgen, die die Leichen der gefallenen Juden enthielten, stand der Rabbiner im schwarzen Ornat, der zu zögern schien. Da trat ein wohlbeleibter katholischer Priester im weißen Chorhemd auf ihn zu und bat ihn, sich ihm anzuschließen, um denen, die für die Freiheit gefallen, die letzte Ehre zu erweisen . . . Und man erlebte bald das Schauspiel, daß ein katholischer Priester und ein Rabbiner neben einander hinter den Särgen herschritten." Freilich war das ein ergreifendes Schauspiel. Aber-- Nein! Wir wollen nicht nach den Früchten jener Kämpfe unserer Intelligenz fragen, wir wollen nur aus der Geschichte lernen. Wo es um die höchsten Güter der Menschheit gilt, wird man uns stets in den ersten Reihen sehen. Wir dürfen aber nicht der eigenen Brüder vergessen. Ihnen vor allem soll unser Mut, soll unsere Kraft, soll unser Leben geweiht sein. Vielleicht kommen wir so näher der Freiheit, die ich meine . . . Auch andere Gedanken weckt dies beneidenswerte Buch. Wozu waren jene Kämpfe gekämpft worden? Haben die Völker Österreichs wirklich die Freiheit errungen? Und wo ist die Brüderlichkeit, die dazumal das lockende Losungswort war? Verflogen ist jener edle Rausch, und was übrig blieb, ist nichts als roher Haß und — Kampf. Verändert hat sich höchstens die Szenerie und Regie. Auch ging es im Jahre 1848 um mehr als um Bahnaufschriften oder Verhandlungssprachen. Ein kläglicher Rückschritt! Mit bitterer Wehmut folgen wir der talentierten Auguste Hauschner, die in ihrem bei Fleischel und Co. in Berlin erschienenen Roman: „Die Familie Lowositz" ein Bild von der Prager Gesellschaft entwirft und die Anfänge der nationalen Kämpfe, die auf dem heißen Boden Prags lodern, vorzüglich und überlegen schildert. Wir sehen, wie die politischen Wirren ins Privatleben hinübergreifen und auf das Gefühlsleben der Jugend einwirken. In den Mittelpunkt der Gesellschaft hat die Verfasserin die Familie Lowositz gestellt, um an ihr die eigenartige Zwitterstellung der Juden in Böhmen zu demonstrieren. Sie tut es mit Wärme und Gerechtigkeit und zeigt uns, wie unlöslich jedes Einzelwesen mit seiner Art und Gattung zusammenhängt und