Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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allen Teilen der Welt einliefen, überstieg 1000, darunter be-* findet sich auch ein Schreiben König Edwards und ein Telegramm des Lordmayors von London. Am Sonntag empfing Dr. Adler in seinem Hause zwölf Deputationen verschiedener Organisationen, Institutionen und Vereine, die ihm ihre Glückwünsche persönlich darbringen ließen. U. a. befanden sich darunter der Board of Deputies, "Aufsichtsrat und Lehrkörper des Jew's College, das Russo- Jewish Committee, die Rabbiner. Dienstag überreichten die Vertreter der Provinzsynagogen ihre Gratulationen. Den Höhepunkt der Feste bildete das Gartenfest das am Donnerstag in den Besitzungen des Herrn Leopold de Rotsehild stattfand und bei dem dem Chiefrabbi sein Porträt in Öl überreicht worden ist. Bei diesem Fest waren 3000 Gäste aus allen Teilen des Vereinigten Königreiches zugegen. Dr. Adler selbst hat zu seinem Jubiläum einen Band Predigten unter dem Titel: Anglo-jüdische Erinnerungen herausgegeben. Das Buch enthält eine Auswahl der 2700 Predigten, die er im Laufe der letzten 50 Jahre gehalten hat und ist auch deshalb bemerkenswert, weil Dr. Adler infolge seines großen Pflichtenkreises bisher wenig Zeit für schriftstellerische Tätigkeit hatte. Eine hebräische Konferenz Am Sonntag und Montag verflossener Woche fand in Manchester eine hebräische Konferenz in den Räumen des Manchesters Schechita-Board statt. 37 Delegierte waren anwesend, die 24 Vereine und Institutionen aus Manchester, London, Liverpool, Leeds, Sheffield, Blackbum, Edinburg und Johannesburg vertraten. Die Verhandlungen wurden eingeleitet durch eine Begrüßungsansprache des Herrn J. Wassilevsky, Vorsitzender des Hebräischen Vereins. Er führte aus, daß die Versammlung bezwecke, ein Zentrum hebräischer Kultur zu schaffen, die hebräische Lehrmethode durch Annahme eines Reformlehrplans zu verbessern, der in sämtlichen Talmud Thoras, Chedarim usw. gleichmäßig eingeführt werden solle, die Förderung der hebräischen Sprache durch Schaffung neuer Vereine und die Herausgabe hebräischer Zeitschriften und Bücher. Die Versammlung beschloß, ihre Verhandlungen ausschließlich in Hebräisch zu führen. Den ersten Vortrag hielt der Vorsitzende der Konferenz, Rev. Dr. Landau-Johannesburg, über hebräische Organisation. Er beklagte tief den Stand des englischen Judentums. Es sei ein Judentum ohne Juden, eine Schale ohne Kern, ein Schatten. Die englichen Juden ständen leider hinter denen anderer Länder in bezug auf jüdische Kultur und jüdisches Wissen zurück, weil ihnen die hebräische Seele fehle. Darum müsse eine Organisation geschaffen werden, die die besten hebräischen Kräfte des Landes in sich vereinige und einen wohltätigen Einfluß auf die englische Judenheit ausübe; diese Organisation müsse in jeder Stadt die Gründungen hebräischer Klubs, die Ausbildung hebräischer Lehrer und die Errichtung hebräischer Schulen fördern. Nach einer Diskussion wurde beschlossen, eine hebräische Organisation unter dem Namen „Ivriah" zu gründen mit dem Sitz in Manchester. Auch soll ein Fonds für die Herausgabe hebräischer Werke geschaffen werden. Dr. Salkind sprach über „Hebräische Erziehung'4. Der Unterricht im Hebräischen liegt sehr im argen. Wenn man bedenkt, daß das jüdische Kind den größern Teil des Tages unter nichtjüdischem Einfluß stehe, sei es zum wenigsten Pflicht, darauf zu achten, daß die jüdische Erziehung des Kindes auf gesunder Grundlage beruhe. Es sei falsch, den hebräischen Unterricht auf die Bibel allein zu beschränken, auch die talmudische und rabbinische Literatur, denen das Judentum seine gegenwärtige Form verdanke, müsse dazu benutzt werden. Auf den Vorschlag des Redners wurde beschlossen, daß ein Komitee eingesetzt werden solle, um einen einheitlichen Lehrplan für den Unterricht im Hebräischen aufzustellen, und daß dieses Komitee der Organisation „Ivriah" unterstehen soll. Spät in der Nacht am Montag schloß Herr Landau die Konferenz mit einer eindrucksvollen Ansprache. Im Anschluß an die Konferenz fand eine öffentliche Versammlung statt, die einen sehr guten Verlauf nahm. Eine Konferenz jüdischer Geistlicher Am Mittwoch verflossener Woche fand in London eine Versammlung jüdischer Geistlicher statt, die vielleicht für die Außenwelt wenig Interessantes hat, die aber für die Entwicklung des Judentums in England von Bedeutung werden dürfte. Seit länger als 15 Jahren sind die geistlichen Leiter der englischen Judenheit nicht mehr zusammengekommen, um gemeinsam über ihre Aufgaben zu beraten. Der Wunsch nach einer derartigen Konferenz wurde zwar oft laut, es fand sich aber niemand, der die Idee in die Tat umgesetzt hätte. Schließlich brachte der „Jewish Chronicle" die Frage wieder ins Rollen und erzielte denn auch, daß endlich die Beratung zustande kam. Es waren zur Konferenz über 100 Geistliche und Leiter religiöser Institutionen aus allen Teilen Englands erschienen. Den Vorsitz führte einer der ältesten und angesehensten Rabbiner Englands, Rev. G. J. Emanuel von Birmingham. Die Versammlung beglückwünschte den Chiefrabbi Adler zu seinem Jubiläum und beschloß, von nun an derartige Konferenzen regelmäßig abzuhalten. Es wurde ein Organisationskomitee mit dem Auftrage eingesetzt, binnen sechs Monaten eine neue Konferenz vorzubereiten und dieser einen Plan für einen Verband der jüdischen Geistlichen Englands vorzulegen. Jacob M. Gordin gestorben Jacob M. Gordin, der bekannte amerikanisch-jüdische Dramatiker, ist am 11. Juni im Beth Israel-Hospital in NewYork, wo er seit längerer Zeit schwerkrank darniederlag, gestorben. Erstand erst im 60. Lebensjahre und hinterläßt eine Frau mit zahlreicher Familie in, wie es heißt, bedrängten Verhältnissen. Der berühmte Verfasser zahlreicher jüdischer Dramen ist auch dem deutschlesenden Publikum bekannt durch sein Drama „Gott, Mensch und Teufel", das unter dem Titel „Das Geld" im Jahrgang 1906 unseres Blattes in deutscher Übertragung erschienen ist. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das nationale Gespenst Das nationale Gespenst geht um in der Türkei und will nicht zur Ruhe kommen. Kaum, daß das kretische Problem seine vorläufige Lösung fand durch den Beschluß der Mächte, ihre Truppen auf der Insel noch zu belassen, da spitzt sich die griechisch-türkische Differenz wieder an zwei andern Punkten zu: durch die Militärdienstfrage und die Erörterung der Kultus- und Unterrichtsfreiheit. Die Heeresleitung und die Regierung haben unerschütterlich auf dem Prinzip der Einheitsarmee bestanden und ein entsprechend abgefaßtes Gesetz der Kammer zukommen lassen. Das ökumenische Patriarchat und seine.Synode ihrerseits sind in ihren Forderungen auf gesonderte Kasernierung und eigene Kommandosprache ihrer nationalen Rekruten ebenfalls intransigent geblieben und haben gegen den Gesetzentwurf einhellig protestiert. Eine friedliche Lösung dieses Konfliktes ist kaum noch möglich; die Kammer wird über die Profeste hinweggehen, und es wird wieder einen Besiegten geben. Vielleicht, dato der eine Punkt, in dem die Nationalen zweifellos im Recht sind, noch durch Nachgeben der Regierung geregelt wird, das ist die Rekrutenziffer. Bisher geht der Regierungsvorschlag etwas willkürlich dahin, Nichtmohammedaner bis zu einem Viertel der bisherigen Heeresstärke aufzunehmen. Die Nationalitäten, die sich für zahlreicher als fündundzwanzig Prozent der Reichseinwohner halten und das berechtigte Streben haben, die Aushebung zur Grundlage aller Gleichheit der Elemente des Landes zu machen, verlangen Aufnahme von Rekruten aller Rassen und Bekenntnisse unter völlig gleichen Rekrutierungsbedingungen, ganz abgesehen von der Ziffer. Dieser Reklamation hat die Staatsraison nichts Ernstes entgegenzusetzen, und so muß ihr wohl früher oder später stattgegeben werden. Welche Wichtigkeit diese Fragen auch für uns Juden haben, ist unnötig, auseinanderzusetzen. Der zehnte Juni in der türkischen Kammer war ein Kulturkampftag. Die Paragraphen der in zweiter Lesung zur Verhandlung stehenden revidierten Konstitution über die Kulte und die Schulen gab die Veranlassung. Vorerst wiederholten die Griechen ihren Protest aus der ersten Lesung gegen den Passus, der die freie Ausübung der Religionen, soweit sie nicht gegen die öffentliche Ordnung oder die guten Sitten verstoßen, verbürgt. Aber er wurde gleichwohl beibehalten. Sodann traten der Grieche Cosmidi und der Armenier Sohrab für die nationale Schule auf den Plan. Es handelt sich im wesentlichen um folgendes: Bisher war der gesamte Unterricht ziemlich völlig frei. Jede Nation und Kirchengemeinschaft hielt ihre eigne Schule, die sich auf der nationalen Sprache aufbaute und die Erziehungsanstalt für die künftigen nationalen Kämpfer wurde. Ebenso konnte jeder Fremde ein privates Schulinstitut eröffnen, die Sprache wählen, die ihm genehm war, und unter dem Schutze seiner Heimatsregierung den Geist in ihm pflegen, der den Interessen seines Staates am meisten entsprach. Eine türkische Regierungskontrolle existierte nicht. Die heutige jungtürkische Regierung will demgegenüber die Einheitsschule. Sie macht geltend, daß der osmanische Staat lange