Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 25 DIE^ELT 551 für die Vertretung der Juden im Landtag ausgesprochen haben. Nur der Regierungsvertreter, Baron Benko, widersetzte sich der einmütigen Kundgebung der Vertreter der Bevölkerung. Es verlautet nunmehr, daß die Juden — 12O0O an der Zahl — bloß eine Virilstimme, und zwar die des Oberrabbiners von Sera je wo, erhalten werden. Es würde dies eine geradezu verhängnisvolle Zurücksetzung der Juden Bosniens bedeuten. Es handelt sich nicht um die Anzahl der jüdischen Vertreter. Wir haben hier mit dem besondern Fall zu tun, daß man den Jnden das aktive und passive Wahlrecht zur Landesvertretung einfach raubt. Da sie keinem einzigen der zu schaffenden konfessionellen Wahikörper, zugeteilt werden können, — gegen diesen Widersinn müßten sich vor allem die Juden zur Wehr setzen —, so bleiben sie schlechtweg des wichtigsten durch die Verfassung gewährleisteten Rechts der Staatsbürger, des Wahlrechts, beraubt! Der Jüdische Klub wird schon in der nächsten Zeit die Gelegenheit ergreifen, um dem Kabinettschef die Unnahbarkeit dieses Zustandes klarzulegen. Es werden sich vielleicht Mittel und Wege finden, um den Juden Bosniens eine entsprechende Vertretung zu sichern. Die Mitteilung eines jüdischen Blattes, wonach die bosnischen Juden drei oder gar vier Mandate erhalten würden, ist natürlich bloße Kombination. Wie gesagt, die nächsten Freunde des Ministerpräsidenten wissen nichts Positives über den Verfassungsentwurf. Wir können die Äußerungen unseres Gewährsmannes nur noch dahin ergänzen, daß es eine Ehrenpflicht der zwei Millionen Juden Österreichs und Ungarns ist, den bosnischen Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Nicht einmal in Rußland wagte man, den Juden das Wahlrecht zur Duma zu nehmen. Und die Verfassung Bosniens soll den Juden eine Wahlentrechtung bringen! Es wäre ein trauriges Wahrzeichen der politischen Ohnmacht der zwei Millionen Juden der Monarchie. Und im österreichischen Reichsrat sitzen fünfzehn jüdische Abgeordnete, im ungarischen Reichstag gibt es ihrer mehr als zwanzig, die stramme Regierungsmänner sind. Werden sie nicht beachtet, oder wollen sie ihre Stimme nicht erheben? Das Häuflein der Juden Bosniens darf verlangen, daß das Zweimillionenvolk der Juden Österreich-Ungarns sie nicht im Stich läßt. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Der herannahende Sommer rückt die ewige Judenfrage in den Vordergrund. Während die russischen Bürger, des Lebens und des großstädtischen Lärms müde, sich ruhig im Schöße der Natur in Sommerwohnungen ausruhen können, entbehren die Juden meistenteils dieses Genusses. Wie bekannt, dürfen die Juden nicht auf Bauern gehörenden Grundstücken wohnen; Sommerwohnungen gehören aber gewöhnlich Bauern. Und so empfangen die Behörden jedes Jahr Hunderte von Gesuchen, um den Juden den Aufenthalt auf dem Lande nicht zu verhindern. Hier treten als Verteidiger der Juden russische Bauern und Kleinbürger hervor, die ihre ganze Existenz auf die Wohnmiete stützen. Die Klagen dieser Bauern sind oft gegen den Allerhöchsten Namen gerichtet und sind oft erfolgreich nicht aus Rücksicht auf Juden, sondern aus Mitleid für ihre Verteidiger. In diesem Jahre ist in dieser Angelegenheit eine spezielle Deputation nach Petersburg gekommen. Bei der Behandlung der Konfessionsfragen ist in der Duma mit Stimmenmehrheit der folgende Paragraph angenommen worden: „Ein jeder hat das Recht, zu einem andern Glauben überzutreten. Das gilt für alle Konfessionen, die in Rußland Bürgerrecht besitzen." Das ist eine wichtige Wendung in der russischen Konfessionsgesetzgebung. Wenn dieser Punkt auch durch den Staatsrat bestätigt wird, könnte in Rußland der Proselytismus entstehen, der bis jetzt verboten war. Um Mißbräuchen bei Glaubensübertritten vorzubeugen (der Jude könnte ja dann einen andern Glauben annehmen und nach Erlangung der Gleichberechtigung zu seinem Glauben zurückkehren), haben die Oktobristen eine andere Redaktion vorgeschlagen, in der es heißt, daß die Annahme eines gesetzlich beschränkenden Glaubens den Verlust der frühern Rechte mit sich bringt. Doch wurde diese Redigierung nicht angenommen, nicht etwa infolge des Liberalismus der Duma, sondern weil die extremen Rechten, um den Oktobristen zu schaden, gegen diesen Antrag stimmten. Wir sehen, daß in Rußland alle Eventualitäten möglich sind. Ist die Rede des Deputierten der Rechten, Berezowski, kein genügender Beweis dafür, eine Rede, in der er zu beweisen sucht, daß Herzenstein und Jollos durch Juden getötet wurden, weil sie der Religion ihrer Väter den Rücken gekehrt haben? Indem er „diese Tatsache" bestätigte, fügte der Redner mit Emphase hinzu, daß nach einigen Jahren ganz Rußland sich davon überzeugen würde. Die Dumadebatten betreffs „des Verbandes des russischen Volkes" waren außerordentlich interessant und haben in eindeutiger Weise den Anteil der Regierung am Verbände klargelegt. Die Regierung wird aber auf diese Interpellation erst im Herbst antworten. Der Petersburger Stadtkommandant Draczewskij veröffentlichte neue Erlasse, nach denen sich die Administration bei der Bestimmung der Wohnrechte der Juden in Petersburg richten soll. Diese Vorschriften führen ein gewisses System bei der Ausweisung wie auch bei der Erteilung der Erlaubnis des Aufenthalts ein und hemmen jedenfalls die Willkür der Polizeiorgane, die sich in der letzten Zeit fühlen ließ. Eine Person, die über die Dumafragen sehr gut informiert ist, teilte uns mit, daß sich die Stimmung der Duma betreffs der Judenfrage in der letzten Zeit gebessert hat. Das Haupthindernis zur Erlangung einer Sympathie für die Erweiterung der Judenrechte ist die völlige Unkenntnis der Judenfrage unter den Deputierten aus den Zentralgouvernements des Reiches. Es gibt in der Dumamehrheit keine konsolidierten Gruppen, die die Judenrechte einstimmig verteidigen könnten, es gibt aber sogar unter den gemäßigten Rechten Personen, die den Juden günstig gestimmt sind. Unser Gewährsmann behauptet, daß man bei der Behandlung der Judenfrage in der Duma viele angenehme Überraschungen erwarten könne. Am besten steht es um die Frage der Aufhebung des Ansiedlungsrayons; für die Aufhebung wird unbedingt der größte Teil der Oktobristea stimmen. Die Aufhebung der Prozentebeschränkungen aber und die Zulassung der Juden zu den öffentlichen Ämtern hat keine großen Chancen. Das Ideal der „Patrioten" ist Ghetto. Wenn ein Projekt der Errichtung einer Universität ausschließlich für Juden entstünde, so würden es die Rechten am eifrigsten unterstützen. Was den Staatsrat anlangt, so soll es auch dort um die Judenfrage besser stehen, als verschiedene Pessimisten vermuten. Im Jahre 1908 sind 654 hebräische und Jargonbücher erschienen. Es wurden 19 Jargonblätter und 10 hebräische Zeitungen registriert. Elf der erstem haben ihr Erscheinen wieder eingestellt, und von den hebräischen existieren nur noch fünf. Als Quelle dieser Statistik dient uns die Zeitungsausstellung des russischen Reiches, die jetzt in Petersburg eröffnet wurde. Die Anerkennung der „ltoee in Rußland Die „Jewish Territorial Organisation", die bisher in Rußland verboten war, hat neuerdings als „Jüdische Emigrationsgesellschaft" die behördliche Genehmigung zur Ausüb.mg ihrer Tätigkeit erhalten. Die Legalisierung dieser Gesellschaft ist nach dem „Jüdischen Arbeiter" auf Grund ihrer alten Statuten erfolgt, deren beide ersten und hauptsächlichsten Punkte nach dieser Quelle wie folgt lauten: „Die Jüdische Emigrationsgesellschaft ist gegründet zum Zwecke der Verbesserung und Erleichterung der Auswanderung jüdischer Emigranten, der Förderung der planmäßigen Auswanderung in bestimmte Länder, mit Ausnahme europäischer und asiatischer Gegenden, und ihrer Verteilung als Handwerker und Kolonisten in den Einwanderungsländern. Die Gesellschaft bezweckt keinerlei politische und nationale Ziele und beschränkt ihre Arbeit durchweg auf die Regulierung der jüdischen Emigration." England (Von unserm Berichterstatter) Chiefrabbi Adlers siebzigster Geburtstag Das Ereignis, das die Gemüter der hiesigen Juden augenblicklich am meisten in Spannung hält, ist der siebzigste Geburtstag des Chiefrabbi Adlers. Dr. Hermann Adler vollendete sein siebzigstes Lebensjahr am 30. Mai und dieses Anlasses haben die meisten der führenden Zeitungen ehrend gedacht. Außer diesem Jubiläum feiert Dr. Adler gleichzeitig sein Jubiläum als Prediger, denn es war im Jahre 1859, daß er seine erste Predigt bei der Einweihung einer neuen Synagoge hielt, und zwar an Stelle seines Vaters, seines Vorgängers im Oberrabineramt, der damals erkrankt war. Die Doppelfeier hat grosses Interesse und viel Begeisterung in allen Kreisen hervorgerufen, und diese Anteilnahme beschränkt sich nicht auf irgend eine Richtung der Gemeinde, sondern umfaßt alle Schichten der englischen Judenheit. Selbst Herr Claude Montefire, der streitbare Vorkämpfer für „Liberales Judentum" sprach als er eine Beglückwunschung des Jubilanten beantragte, von ihm als von „unserm Chief Rabbi". Es ist überflüssig zu sagen, daß alle führenden Organisationen und Körperschaften der Gemeinde dem Chiefrabbi ihre Glückwünsche dargebracht haben, viele einfach in der Form eines Briefes, viele mittels einer kunstvollen Adresse, und andere wieder durch kostbare Geschenke. Die Zahl der Glückwünsche, die aus