Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 25 -= DIE^V und schwer genug an den alten Zuständen gelitten habe. Es seien ihm bisher keine guten Bürger, sondern mit Abtrünnigkeitsaspirationen erfüllte innere Feinde und Diener des Auslandes in seinem eignen' Herzen heran erzogen worden. Darum stellt die Regierung folgende Forderungen auf: 1. Staatliche Oberaufsicht über sämtliche in seinem Gebiet befindlichen Schulanstalten, ausgenommen den Religionsunterricht. 2. Einführung des Türkischen als Unterrichtsgegenstand in die Primärschulen des Reiches unter Belassung der Muttersprache als Unterrichtsidiom. 3. Einführung der türkischen Unterrichtssprache in sämtlichen höhern Lehranstalten. Man begreift, daß diese rigorose Uniformierungspolitik auf heftigsten Widerstand stoßen muß. Die Griechen insbesondere fühlen ihre nationale Kultur bedroht; sie wehren sich am heftigsten gegen die staatliche Aufsicht. Sie berufen sich dabei auf ihre Privilegien, die ihnen, wie sie sagen, seit undenklichen Zeiten die vollkommene Freiheit nicht nur des religiösen, sondern auch des nationalen Unterrichts gewährleisten. Gerade das aber erweckt das Mißtrauen der Türken, die alle Privilegien außer den durch die Konstitution gegebenen verschwinden sehen möchten und denen, die sie erhalten wissen wollen, zum Vorwurf mache», sie trügen den Gedanken der osmanischen Einheit nur im Munde und nicht im Herzen. Einstweilen hat auch hier die türkische Majorität einen überwältigenden Sieg davongetragen. Es muß aber abgewartet werden, wie die Durchführung dieser Gesetzesabsichten sich in der Wirklichkeit gestalten wird. Man wird nicht gut Millionen auf eine niedrige Kulturstufe — und die ist einstweilen im Türkischen noch zu sehen — zurückdrücken wollen. Für einen völlig organisierten höhern Unterricht in türkischer Sprache fehlt vorläufig noch alles: die Lehrer, die Lehrbücher, die Wissenschaften und am Ende auch die — Sprache. Und auf dem Wege der Staatskontrolle über die Auslandsanstalten liegen bis auf weiteres noch hemmend die Kapitulationen. Unter solchem Licht betrachtet, ist das ungeheuer verwickelte Problem, das auch für unsere Bestrebungen in Palästina und die Schaffung eines hebräischen Schulsystems im türkischen Reiche überhaupf von außerordentlicher Bedeutung ist, noch sehr weit von der Lösung. Der Großrabbiner und der Militärdienst der Juden Der Chachambaschi erwiderte einem Redakteur des „Osmanischen Lloyd1' auf seine Frage nach den Ansichten des Großrabbiners über den Militärdienst folgendes: „Die Juden sind bereit, in die türkische Armee einzutreten. Diese Tatsache habe ich dem Generalissimus Mahmud Schefket Pascha bei der Unterredung, die ich mit ihm hatte, mitgeteilt. Somit ist aber nicht gesagt, daß wir nicht auch unsere Einwendungen zu machen hätten. Im Vordergrunde stehen diejenigen religiösen Charakters. Weiter haben wir uns auseinanderzusetzen über die Fragen der Nahrung, des Feuers (?), der Dienstpflicht der Rabbiner und verschiedene andere heikle Punkte, die erledigt werden müssen. Ich habe jedoch bisher keinerlei Schritte bei der Regierung getan und werde die Verteilung des betreffenden Gesetzentwurfes in der Kammer abwarten, um besser unterrichtet zu sein. Ich werde dann erst die Beschwerden der jüdischen Nation der Regierung mitteilen." Auf die Frage, ob er das Problem des Militärdienstes der Nichtmohammedaner für leicht lösbar halte, zeigte sich Nahum Effendi sehr pessimistisch und erklärte, daß im Anfang in verschiedener Hinsicht große Schwierigkeiten entstehen würden. Die hauptsächlichste sei das Fehlen eines genauen Zensus der nichtmohammedanischen Bevölkerung. Dadurch würden zahllose Zwistigkeiten und mehr oder weniger ernste Reibungen hervorgerufen werden. Mesopotamien auf der Tagesordnung Im Laufe dieser Woche ist ein Memorandum Israel Zangwills, betreffend die Gründung eines (autonomen?) jüdischen Koloniekomplexes in Mesopotamien, beim Kammerpräsidenten Ahmed Risa Bey zur Weitergabe an das ottomanische Parlament eingelaufen. Ahmed Risa hat das Schriftstück einstweilen nicht an die Kammer weitergegeben, sondern zur vorläufigen Prüfung einer inoffiziellen Kommission von sechs Personen überwiesen. Dieser Kommission gehören, wie ich erfahre, außer zwei türkischen Deputierten die vier jüdischen Abgeordneten an. Bisher ist die Kommission noch nicht zusammengetreten. Die Konstitution und die ottomanischen Juden Unter diesem Titel publiziert der „Sabah", eines der angesehensten Jungtürkenblätter der Hauptstadt, aus der Feder eines Juden eine (ELT 553 energische Anklage gegen die Regierung, wegen Zurücksetzung der Juden bei der Neuorganisation der Staatsämter. Es heißt da u. a.: „Während im reorganisierten Staatsrat Mitglieder aller Nationalitäten und Religionen Aufnahme fanden, sucht man in ihm vergebens einen einzigen Juden. Während die verschiedenen Gemeinden dem Staate Minister, Müsteschare, Müdire, je nach ihren Fähigkeiten geliefert haben, wurde den Juden keine Spur von Beförderung in den politischen und admistrativen Posten eingeräumt. Nicht ein einziger hat eine bedeutende Stellung inne. Und doch haben die Juden nicht nur ihre Ehre intakt" zu halten gewußt, sind sie gerade und loyal geblieben, sind sie ebenso gebildet, ebenso fähig wie ihre Landsleute von den andern Religionen." „Die Konstitution sagt nicht: „Der Judaismus ist eine Qualifikation, die die Beförderung ausschließt." Wir bitten also, uns nicht wie früher als Parias zu behandeln und das Gleichheirsprinzip auf uns wie auf alle unsere übrigen Mitbürger anzuwenden." Nach dieser Anklage zu schließen, bleibt auch in der neuen Türkei für uns noch etwas zu wünschen übrig. Es kann aber sehr wohl sein, daß einzig die Juden selbst und ihre bisherige sklavische Ergebung in jedes ihnen zugedachte Schicksal daran schuld sind. Rafft sich die gesamte ottomanische Judenheit zu energischer Verfechtung ihrer nationalen und bürgerlichen Rechte auf und redet eine so klare und entschiedene Sprache, wie die Stimme im „Saban** so werden sie zweifellos Gerechtigkeit erreichen. Diese Aufgabe zu erfüllen, wird jedenfalls der von Salonik aus erstrebte Verband der türkischen Juden berufen sein. Sitzung des Großen Mischlisch Umumi Am Sonntag, den 23. d. M., fand im neuen Gebäude des Großrabbinates die angekündigte Sitzung der beiden Körperschaften des Mischlisch Umumi statt, in dem jetzt drei Zionisten, Rabbiner Dr. Markus, Dr. med. Wellisch und Henry Reisner sitzen, statt. Den Vorsitz führte der Chachambaschi, was zu einem formellen Einspruch des Senators Behor Effendi Anlaß gab. Auf der Tagesordnung standen das Budget mit der Gabellafrage und die Revision des ottomanisch-jüdischen Privilegienstatuts. Es rief den Protest der Aschkenasim Vertreter heraus, das die Abführung der Gabeliaquote an die Aschkenasimgemeinde, die doch zur Aufbringung der Steuer ebensoviel oder verhältnismäßig viel mehr leistet als die übrigen Gemeindeteile in der Wohltätigkeitsrubrik des Budgets verzeichnet vor. Die Erledigung der Gabellaangelegenheit wurde einer Kommission übertragen. Ziemlich erregt war die Debatte über das Ruhegehalt des abgesetzten Chachambaschi Mosche Haievy; schließlich wurde ihm die bisher ausgefolgte Pension von 2500 Piastern (500 Pres.) monatlich weiterbewilligt. Die Verhandlung über den zweiten, ungleich bedeutungsvolleren Teil der Tagesordnung dauert bei Schluß dieses Berichts noch fort. Eine antizionistische Donquichoterie In der zweiten Hälfte der abgelaufenen Woche wurde die hiesige Judenschaft durch eine Polemik über den Zionismus in Atem gehalten. Der „Stamboul" vom 10. Juni beglückte uns von neuem — einige törichte Artikel waren bereits vorangegangen — mit einer antizionistischen Offenbarung. Diesmal war es ein völlig obskurer Träger des altehrwürdigen Priesternamens Cohen, der da glaubte, die Türkei durch eine Denunzation vor dem umstürzlerischen Zionismus retten zu müssen. Es wurde unter häßlichen Bemerkungen auf Zion und Juda die alte Mär von dem neuen jüdischen Königtum vorgetragen. Das genügte aber noch nicht, der Territorialismus wurde gleich mit abgefertigt; der protestierende Jude wollte nun einmal mit allem Nationalismus überhaupt ein Ende machen, und so erhielt jede gemeinjüdische Volksunternehmung ihr Teil aus der allgemeinen Besudlung. Diese Tatsache wäre von zu geringer Wichtigkeit, um notiert zu werden, wenn nicht der Eindruck, den diese Attacke unter der Konstantinopeier Judenschaft hervorrief, unsere allergrößte Aufmerksamkeit verdient. Es hat sich gezeigt, daß das hiesige Judentum, was nationales Zusammengehörigkeitsgefühl und Ehrerbietung vor den historischen Gütern unseres Volks betrifft, den abendländischen Juden weit voraus ist. Die Bestürzung und Entrüstung über solche Selbstentwürdigung war allgemein. Nichtzionisten wie Zionisten waren in ihrem Unmut eins. Die allgemeine Stimmung hat denn auch sofort in der Öffentlichkeit den gebührenden Ausdruck gefunden. Uber alle hiesigen europäischen Blätter Jging ein Regen von Protesten und Erwiderungen nieder, und keines konnte sich der Aufnahme dieser Manifestationen entziehen. Zuerst erschien in der „Turquie" vom 12. ein warmer Gegenruf eines jungen Sephardi aus Balat; sodann am gleichen Tage im „Stamboul" selbst eine gemessene Abweisung von zwei andern unserer sephardischen Brüder, und im „Courner d'Orient" von unserer Seite eine auf allen Punkten schlagende Ab-