Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316377--52024-3345711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
550 DIE AAi-ELT No. 25 \0 \k» hi lA»' v •ty ^1 t#liafy UafaaL schnell im Orient populär geworden, und es wird allgemein tief beklagt, daß der Hilfsverein seine Tätigkeit nicht bereits früher aufgenommen habe. Das Schulwerk des Hilfsvereins ist in den verschiedenen Landein nach den Anschauungen und Bedürfnissen der Bevölkerung organisiert, der es dienen soll. Der Hilfsverein vermittelt überall, ohne in die Freiheit der Überzeugung und das Recht der Selbstbestimmung einzugreifen, die religiösen und kulturellen Werte, die in Einklang stehen mit den lebendigen starken Kräften und Bedürfnissen im dortigen Judentum. An allen Anstalten des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Orient, von den Kindergärten bis zu dem Lehrerseminar in Jerusalem, ist im Gegensatz zu andern Erziehungstendenzen das leitende Prinzip des Unterrichts die Erziehung zur Liebe zur Heimat und zum Judentum. Deshalb ist außer den Realien dem Studium der Landessprachen ein Hauptplatz eingeräumt, ohne daß darüber die Vermittlung von Kultursprachen, die erforderlich sind, vernachlässigt wird. Das Hebräische, das im Orient in Schule und Haus immer mehr das einheitliche Verständigungsmittel zwischen den vielsprachigen jüdischen Elementen bildet, ist im Schulprogramm des Hilfsvereins nach dem Maße seiner Bedeutung für das praktische Leben wie für pädagogische Zwecke gleichfalls von vornherein entsprechend berücksichtigt worden. Das Ziel des Hilfsvereins, den Juden die Bildung in Realien und Sprache zu geben, die sie zur vollen Teilnahme am wirtschaftlichen und öffentlichen Leben in der Türkei befähigt, gewinnt eine erhöhte Berechtigung und Bedeutung in der gegenwärtigen Zeit, wo eine Regeneration des Landes von ungeahnter Tragweite in die Nähe gerückt ist. Der beste Beweis, daß die Grundlagen des Schulwerks den Bedürfnissen und Wünschen der einheimischen Bevölkerung entsprechen, sind die zahlreichen dringenden Anträge, die zur Reorganisation und Begründung von Schul- und Erziehungsanstalten nach dem Muster der bestehenden an ihn gelangen und denen er nach Maßgabe der ihm zufließenden Mittel Folge geben wird. Um die Möglichkeiten und Chancen der Beteiligung der Juden an der Erschließung des Orients in neuer Richtung zu vermehren, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden auch die Initiative zu der Begründung des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Haifa ergriffen, des ersten seiner Art, das jetzt bereits seiner baldigen Realisierung entgegengeht. Es wurden ferner Institute in Deutschland, deren Wirksamkeit sich auf das Gebiet des Auswanderungswesens erstreckt, subventioniert. An der Gründung der Simonstiftung, Hannover, der Land- und Lehrgutgesellschaft in Hannover, die voraussichtlich wertvolle Dienste auch in dieser Hinsicht leisten wird, beteiligte sich der Hilfsverein mit einer Summe von 3000 JL Es wurde ferner in der Sitzung mit Befriedigung begrüßt, daß die Konferenz, die der Hilfsverein der Deutschen Juden in Königsberg i. Pr. einberufen hatte und in der außer Vertretern des Berliner Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Delegierte seines Großkomitees und Vertreter der Informationsbureaus der Jewish Colonisation Association in Rußland teilgenommen hatten, einen weitern Schritt vorwärts in der Richtung der planvollen und zweckmäßigen Regulierung der Auswanderung, insbesondere schon durch organisatorische Maßnahmen in Rußland, geführt habe. Nochmals Dr. Mugdan Die Wahl des Taufjuden Dr. Mugdan zum Berliner Stadtverordneten, die wegen der damit verbundenen besonderen Umstände seinerzeit so viel Aufsehen erregte, ist vom Bezirksausschuß für ungültig erklärt worden. — Wir sind nun gespannt, wie sich bei der nunmehr erforderlichen Neuwahl der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" benimmt und ob er sich wieder dazu hergibt, für den getauften Juden Propaganda zu machen. Köln. Am Montag den 24. Mai, fand eine außerordentliche Generalversammlung des Jüdischen Turnvereins statt, in der die Delegierten zu dem Pfingsten in Berlin stattfindenden Verbandsturntag der Jüdischen Turnerschaft gewählt wurden. Als Delegierte wurden die Herren H. Meyer und L. Loewendahl gewählt. Außerdem wurde beschlossen, acht Teilnehmer zu dem gleichzeitig stattfindenden Verbandsschauturnen nebst Vorturnerstunde zu entsenden. Der weitere Verlauf des Abends war der Ehrung des ersten Turnwarts, Herrn Heinrich Meyer gewidmet, dessen Name mit dem des Jüdischen Turnvereins Köln unlösbar verknüpft ist. Dem schuldigen Danke sichtbaren Ausdruck zu verleihen, hat der Verein durch freiwillige Sammlung Herrn Meyer in das „Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds" eingetragen- An die Überreichung des Diploms dieser Eintragung an den Gefeierten schloß sich eine hübsche Feier, in der alle Riegen des Vereins auftraten, um dem verdienten ersten Turnwart ihren Dank für seine musterhafte Leitung auszusprechen. In bewegten Worten dankte der allseitig Gefeierte dem Verein, dem weiter seine ganze Kraft zu widmen sein heißes Bemühen sein solle. Eine Reihe sehr gut gelungener ernster und heiterer deklamatorischer und musikalischer Vorträge und Reden leitete zum Tanze über, der das Fest in angenehmer Weise abschloß. Am Hirnmelfahrtstage veranstaltete der Verein .einen äußerst gelungenen Turnmarsch über Delbrück, Altenberg, Hilgen, Burg, Sengebachtalsperre, Müngstener Brücke. Die äußerst lohnende Tour, der sich nachmittags auch eine Anzahl der Damen des Vereins anschloß, verlief in harmonischster Weise. Österreich (Von unserm Berichterstatter) Zionistische Reichsratskandidatur Das Zentralkomitee der zionistischen Partei Galiziens kandidiert im Städtewahlkreis Bursztyn, dessen Abgeordneter, der ehemalige Minister für Galizien R. v. Abrahamowicz, sein Mandat niedergelegt hat, den Lemberger Advokaten Herrn Dr. Ger so n Zipper. Die Ersatzwahl ist für den 30. Juni ausgeschrieben. Die Kandidatur wurde erst nach viel wöchentlichen Beratungen proklamiert, nicht etwa, weil das Zentralkomitee in den Wahlkampf nicht eintreten wollte; wie uns von einer führenden Persönlichkeit des Lemberger Zentralkomitees versichert wird, ausschließlich deshalb, weil das Z. K. bemüht war, Herrn Dr. David Malz, — der schon im Jahre 1907 im Wahlkreis kandidierte und 1300 Stimmen auf sich vereinigt hat, — zu bewegen, auch diesmal in den Wahlkampf zu treten. Nachdem Dr. Malz mit Rücksicht auf seine Gesundheit seinen ablehnenden Standpunkt nicht aufgeben wollte, wurde Dr. Zipper von dem Zentralkomitee kandidiert. Der Wahlkreis besteht aus Juden, Polen und Ruthenen, die nahezu gleich große Bevölkerungsgruppen bilden. Daß die 30 ° o Polen den Wahlkreis für sich beanspruchen, ist selbstverständlich. Es kandidieren zwei Polen, von denen einer im entscheidenden Moment voraussichtlich zurücktreten wird, ein Ukraine und ein russophiler Ruthene. Die .Entscheidung wird wahrscheinlich erst im zweiten Wahlgang fallen. Sollte der jüdischnationale Kandidat in die Stichwahl gelangen, könnte er auf die Unterstützung der ukrainischen Partei rechnen. Ein diesbezügliches Obereinkommen zwischen Jüdischnationalen und Ukrainiern ist bis nun noch nicht zustandegekommen. Das Lemberger Zentralkomitee und der Jüdische Klub gedenken die Wahlagitation mit aller Kraft in Angriff zu nehmen. Das Wahlrecht der bosnischen Juden Eine dem Jüdischen Klub nahestehende Persönlichkeit hatte die Freundlichkeit, Ihrem Berichterstatter nachstehende Informationen über den Stand dieser Angelegenheit zu geben. Sofort nach Proklamierung der Annektion Bosniens und der Herzegowina und der Grundztige der Landesverfassung, die konfessionelle Wahlkörper vorsieht, sprach der Obmann des Jüdischen Klubs beim Minister des Äußern Freiherrn v. Aehrenthal vor. Das Ergebnis der einstündigen Unterredung, die etwa im Oktober- November vorigen Jahres stattgefunden hat, war die Versicherung des Ministers, daß die Rechte der Juden Bosniens Berücksichtigung finden werden. Es wurde daraufhin dem Reichsfinanzministerium ein Memorandum überreicht, und Minister Baron Burian und Sektionschef R. v. Horowitz versprachen ihre wirksame Unterstützung. Dem Beispiel des Jüdischen Klubs folgend, intervenierte auch der Präsident des Allgemeinen israelitischen Gemeindebundes Österreichs bei den maßgebenden Faktoren zugunsten der bosnischen Juden. Schließlich erhielt bekanntlich die Huldigungsdeputation der bosnischen Juden vom Minister Baron Burian die feierliche Zusicherung: „Alles, was die andern erhalten, bekommen auch Sie." Es läßt sich nicht feststellen, welche Einflüsse am Werke waren und noch sind, die all diese guten Worte zunichte machen und die so oft beteuerten guten Absichten vereiteln. Es handelt sich vermutlich um Einflüsterungen von klerikaler Seite. Der Verfassungsentwurf wrird streng geheim gehalten. Nur die zwei Ministerpräsidenten — Baron Bienerth und Dr. Wekerle— sind im Besitze je einer Abschrift des Entwurfs, den sie zu begutachten haben. Jedenfalls steht fest, daß im Entwurf eine katholisch-kroatische, eine prawoslawisch-serbische (bezvv. griechisch-orthodoxe) und eine mohammedanisch-türkische Wahlkurie enthalten sind. Die versprochene jüdisehe (oder israelitischmosaische?) Wahlkurie ist in den Verfassungsentwurf nicht aufgenommen worden. Dies ist um so bezeichnender, als bei der von der Regierung einberufenen Verfassungsenquete die Vertreter sämtlicher Völkerschaften der annektierten Reichslande sich