Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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in all dem keine Gefahr für das Bestehen unserer Organisation, sondern eine Erneuerung unserer Kräfte. Wir sollten uns also nicht über diese Erscheinung beklagen, sondern uns freuen, weil das ein Beweis ist, daß neue und frische Kräfte hervorsprießen, die von der erstickenden Apathie, in der sie sich befanden, erwacht sind." Wir unterhielten uns dann — berichtet der Interviewer weiter — über den bevorstehenden Kongreß und sein Programm. U. a. sagte mir Herr Ussischkin folgendes: „Der bevorstehende Kongreß wird mich nur insofern interessieren, inwiefern er sich mit der Frage der Gründung und der Realisierung einer Agrarbank beschäftigen wird. Andere Fragen interessieren mich im gegenwärtigen Moment gar nicht. Organisationsfragen haben für mich jetzt kein Interesse, abgesehen davon, daß ich mich in solche Fragen und in Fragen wegen der Leitung und ihrer Einrichtung, die, wie es verlautet, auf dein nächsten Kongreß gestellt werden sollen, ganz und gar nicht mischen will. Mir genügt der Kampf für die programmatisch prinzipiellen Fragen. Ich will nicht in den Wirrwar der Nebenfragen eintreten; mögen sich andere damit beschäftigen. Außer der Agrarbankfrage und den Organisationsfragen sehe ich für den nächsten Kongreß keine Arbeit. Sie fragen mich, welche Taktik unsere Leitung in der nächsten Zukunft im Bereich ihrer diplomatischen Beziehungen wählen soll, und ob der nächste Kongreß ein Programm für die politische Arbeit der jetzigen zionistischen Organisation bearbeiten wird. Solche Fragen werden wahrscheinlich von vielen Kongreßdelegierten gestellt werden. Was mich anbetrifft, sehe ich in dieser Beziehung gar keinen Anlaß für eine Fragestellung. Die Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei hat die Ketten von unsern Händen gelöst und uns die Möglichkeit gegeben, unsern Wirkungskreis auszudehnen und unsere Arbeit mit mehr Kraft und Energie zu entfalten, aber in beziig auf sonstige Fragen hat die Neuordnung nichts geändert. Ganz so wie früher, befindet sich auch jetzt der Schwerpunkt unserer Organisation in unseren innern Kräften; nur von uns hängt der Erfolg unserer Arbeit ab; denn auch jetzt werden wir nur Verhandlungen führen können, wenn wir Macht und Energie, tüchtig arbeitende Kräfte, eine große Organisation und hinreichende große materielle Mittel haben werden. Hatte man für die Verhandlungen mit dem Sultan Abdul Hamid Millionen Francs nötig, so sind .für die Verhandlungen mit den neuen Herren der Situation eine Agrarbank und ähnliche wohl organisierte und festgefügte Finanzinstitute notwendig. Ich kann mir keine andern Verhandlungen denken. Wenn wir die-notwendigen Finanzinstitute haben, und wenn wir im Besitz der für eine andauernde graduelle Arbeit unerläßlichen Summen sein werden, dann werden wir imstande sein, mit den Führern der neuen Türkei Unterhandlungen zu pflegen; ohnedies ist alles nur leeres Gerede. Ich hoffe, daß diese notwendigen Institutionen in der einen oder der andern Weise geschaffen werden und daß wir die Mittel für jeden Preis finden müssen. Wollen wir hoffen, daß die Lebenskräfte des Zionismus sowohl von der neuen Ordnung in der Türkei wie auch von der Verschärfung der Beziehungen und von den Reibungen in der Organisation nur Nutzen ziehen werden." ~ c. , mm «.• -m Wir lesen im „Boston Advocate" Der S.eg des tlebra.schen fo,gende anscha;;liche Schilderung: „Die Begeisterung, mit welcher die Aufführung eines von jüdischen Kindern im Opernhause aufgeführten hebräischen Schauspiels aufgenommen wurde, ist ein Beweis mehr für die Möglichkeit der Wiedererweckung jüdischen Lebens. Einen Teil der Tragikomödie des jüdischen Lebens bildet wohl der Umstand, daß ein Element des jüdischen Volkes das Hebräische sogar im Gebete, da die heilige Sprache ihm vollkommen unbekannt ist, aufgegeben hat, während das andere jüdische Element es in eine lebende Sprache verwandelt hat, die niemand besser versteht als die Kinder, deren Aufführung die Begeisterung des Publikums bis zur Fieberhitze erhöhte und es zuwege brachte, daß eine Menge Geld für die Zwecke der Hebräischen Schule, wo die Kinder so gründlich in der Sprache der Propheten unterrichtet werden, gespendet wurde. Der Sieg des Hebräischen ist wunderbar modern, und diese Tatsache beruht ausschließlich auf Gründen, welche weder mit Orthodoxie, ja noch mit Religion etwas zu tun haben. Es ist die Arbeit derjenigen, welche selbstbewußte Juden sind und welche sehr scharf mit der Orthodoxie schlechthin zu kämpfen hatten, die bis jetzt nichts mehr als eine oberflächliche Kenntnis des' Hebräischen verlangt hat. Eine neue Generation ist aufgewachsen, die auf eine Wiedererweckung der jüdischen Sprache bedacht, klug ihre Arbeit bei den kleinen Kindern begann. Das Resultat ist derartig, daß zwar die Lehrer mehr wissen als ihre Schüler, daß aber ihre Kenntnisse ihnen keineswegs so in Fleisch und Blut übergegangen sind wie ihren kleinen Schülern, denen sie auf der Grundlage ihrer spezifischen Kultur beigebracht worden sind. Wir brauchen auch nicht zu fürchten, daß diese neue und erfolgreiche Bewegung mit amerikanischen Verhältnissen nicht vereinbar ist. Im Gegenteil, die Beobachtung zeigt, daß die Kinder, für die das Hebräische Muttersprache ist, Englisch besser kennen als die Kinder, denen der Religionsunterricht erst mittelst des Jiddisch im Cheder beigebracht werden muß. Eine gründliche Kenntnis zweier Sprachen wirkt geisiig aufklärend, so daß das Westend durch die Bank heute für uns eine Generation hervorbringt, welche weder im Englischen noch im Hebräischen schlecht ist. Wenn die Bewegung nur gehalten werden kann, und wir möchten wünschen, daß dieses ohne die Hilfe von Theateraufführungeu geschehen könnte, wird Boston noch das Zentrum einer jüdischen Kultur werden, wie es ihm schon vorbehalten war, das Zentrum anderer Kulturformen auf diesem Konti nent zu sein. Wie sagen unsere Alten: Ich höre die Stimmen der Kinder beim Lernen, und ich weil), alles wird noch gut mit diesem Volke." Schweiz Delegiertentag des Schweiz. Zionisten-Verbandes Zahlreich hatten sich am letzten Sonntag in den Logeräumen der B. B. zu Basel die Delegierten der zionistischen Vereine in der Schweiz zusammengefunden, um die geschäftsmäßigen Traktanden, die alljährlich wiederkehren, zu erledigen. Der bisherige Präsident des Landesverbandes, Hr. J. Horn-Zürich, begrüßte die Erschienenen und dankte den Basler Gesinnungsgenossen für die Gastfreundschaft, die sie dem Delegiertentag gewähren. Er berührt die Ereignisse in der Türkei und erhofft dadurch neues Interesse für die Bewegung, besonders in der Schweiz. Der allgemeine Geschäftsbericht, erstattet durch Dr. Pineas, gibt Kunde von der außerordentlichen Inanspruchnahme des Sekretariats. Die Propaganda-Abteilung versandte ca. 900 Broschüren und einige 100 Zirkulare. Im Herbst unternahm der Sekretär eine Rundreise zu den verschiedenen Ortsgruppen, die aber nicht den vollen Erfolg erzielte, der erwartet werden konnte, da einige Vereine sich im Zustande vollständigster Lethargie befanden. Besonders erwähnenswert ist die Neubildung einer Ortsgruppe in Lausanne, die bereits tüchtig arbeitet, auch in Genf hat sich ein neuer Verein konstituiert. Schöne Erfolge wurden erzielt in Biel, dank der Tätigkeit des Herrn Dr. med. Levy, und selbst iii Liestal konnte dieses Jahr eine Makkabäerfeier abgehalten werden. Aus dem Kassabericht ist zu entnehmen, daß 890 Fr. Landesbeiträge, 901.25 Fr. Schekel-, 147.50 Fr. Parleisteuer eingingen. Die Hauptausgaben bestanden für Propaganda und Drucksachen. Nach Schluß der Vormittagssitzung begab man sich ins Restaurant Braunschweig zum gemeinschaftlichen Mittagsmahle. Die Nachnüttagssitzung wurde eingeleitet durch die Generalversammlung des Shareklubs, bei welcher Herr Moritz Levy-Liestal referierte. Das Vermögen des Klubs besteht bereits in ca. 1550 Fr., aus weichem Betrage für die zahlenden Mitglieder Aktien der Kolonial- und Palästinabank angekauft werden, worauf solche in den Besitz der Eigentümer gelangen. Es wurde auf Antrag Dr. Pincus beschlossen, nötigenfalls die Aktien der Mitglieder bis zu 662/s°.o gegen 5°o Zinsen zu beleihen. Herr Dr. Levy-Biel erstattete zur Eröffnung der Nachniittagssitzung des Delegiertentages Bericht über den Nationalfonds. Seit dem 28. Juni 1908 wurden 1281.15 Fr. Eingang in den Spenderlisten 92-101 ausgewiesen. Herr Dr. Levy, als Mitglied des Großen A. C, berichtet über seine Tätigkeit als solches und streift kurz die Lage der Organisation irn allgemeinen, indem er darauf hinweist, daß die Leitung auch nicht alles allein machen könne. Das Volk sollte mehr Kraft in die Bewegung bringen. Eiß-Zürich bringt bei dieser Gelegenheit dieAmgelegenheit derUnterstützung deshebr.Gymnasiums in Jaffa durch das A. C. vor und opponiert dagegen, daß die Lehrer in der Schule Bibelkritik treiben. Dr. Levy-Biel und Berlowitz- Bern sprechen noch in dieser Sache. Ersterer meint, daß ein so hohes Kulturwerk Unterstützung verdiene, und letzterer wünscht, bei aller Anerkennung der Leistungen des Gymnasiums, auch etwas mehr Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle der Misrachisten, wenngleich die Kampfesweise des Misrachi falsch sei. Überdies wünscht Herr Berlowitz etwas mehr Tätigkeit beim A. C, auch mehr Veröffentlichungen über das Geleistete.