Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 25 DIEEaEELT 547 Nach den höchst begeisterten Ansprachen der Rabbiner Dr. Nacht, Dr. Niemirower und Koffler schloß Herr Schein in einer ebenfalls glänzenden Rede die zweitägige Landeskonferenz, die in jeder Hinsicht in der Geschichte des rumänischen Zionismus einzig dasteht, inmitten einer erhebenden Begeisterung. Die Delegierten und zahlreichen Gäste stimmten zionistische Lieder an, und mit der „Hatikwah" verließen sie den Saal hoffnungsvoll, muterfüllt und arbeitslustig für unsere heilige Bewegung. Um 12 Uhr nachts fand eine Besprechung unter dem Vorsitze des Herrn Schein und in Anwesenheit von etwa 30 Delegierten statt wegen der geplanten Gründung einer Kolonisationsgesellschaft. Interview Ussischkin Der "Heed Hasman" brln^ ein Interview Interview Ussisctikin geines Korrespondenten mit Herrn Ussischkin über die Polemik, die den Gegenstand des offenen Briefes des Herrn Dr. Tschlenow (Welt Nr. 22) bildete. Herr Ussischkin sagte: „Es ist nicht richtig, daß wir uns von der zionistischen Organisation zwecks Gründung einer Argrarbank trennen wollen. Wir bereiten blos den Baustoff für diese Gründung vor. Wir eröffnen eine Vorsubskription auf die Anteilscheine der Agrarbank und entwickeln eine kräftige Agitation zu ihren Gunsten, damit der Kongreß gezwungen ist, in dieser Angelegenheit einen positiven Beschluß zu fassen, und dann werden wir den vorbereiteten Stoff der zionistischen Organisation übergeben, die die Verwirklichung dieser Gründung in Angriff nehmen wird. Sollte jedoch der Kongreß die Wichtigkeit des Moments und die große Notwendigkeit dieser Gründung nicht erkennen, so werden wir gezwungen sein, auf eigne Faust zu arbeiten; denn wir müssen ja die Beschlüsse der Ödessaer Generalversammlung zur Ausführung bringen. Wir begreifen nicht, was an diesem Schritt tadelnswert sein kann. So war es ja auch bei der Gründung unseres Jewish Colonial Trust. Der Beschluß, den Trust zu gründen, wurde erst auf dem zweiten Kongreß gefaßt, nichtsdestoweniger wurde schon in der Zwischenzeit zwischen dem ersten und zweiten Kongreß von einigen privaten Zionisten in unoffizieller Weise eine Vorsubskript;on begonnen. Man belächelt und verhöhntes, daß die Subskription auf unsere Anteilscheine zunächst in dem gottvergessenen Nest Kachowka eröffnet worden ist; die Herren Spötter vergessen aber, daß, wenn der Kongreß die Eröffnung einer Vorsubskription beschließen wird, auch diese in irgendeinem Kachowka oder Eischischok eröffnet werden wird. Große Beträge seitens unserer Kapitalisten können wir nicht erwarten, solange die Gründung nicht fest basiert und gut eingerichtet sein wird, was nur mit Hilfe unserer Gesinnungsgenossen in K. und ähnlichen Orten möglich ist. Dr. Tschlenow et consortes wollen nur unter der Bedingung mitarbeiten, wenn die Arbeit nach einem von ihnen festgelegten und von vornherein vorbereiteten Programm gemacht wird, wenn dieses Programm großzügig, anziehend und verlockend sein wird, aber ich und meine Genossen sind bereit, ohne jede Bedingung und auf alle Fälle zu arbeiten. Wir rechnen nicht mit dem, was erwünscht ist, sondern mit dem, was möglich und praktisch ist. Alles, was uns zu schaffen gelingen wird, soll nachher als Grundlage für die zukünftige Arbeit dienen. All diese Herren mit dem sogenannten großen Gesichtskreise verlangen eine riesige, umfangreiche Arbeit und verschmähen die Kleinarbeit. Sie vergessen jedoch, daß das, was wir heute »Kleinarbeit« nennen, noch vor 5, 10 Jahren eine »umfangreiche und riesige Arbeit« genannt wurde, und das geschah, weil wir diese »Kleinarbeit« gemacht haben, und weil wir den Boden für eine größere und breitere sukzessive programmmäßige Arbeit vorbereitet haben. So wird es auch in der Zukunft sein: Wir werden die Kleinarbeit machen und dann nach einigen Jahren wird auch die grandiose Arbeit, die jetzt von unsern Gegnern, den Anhängern großer Horizonte, gerühmt wird, klein genannt werden, und diejenigen, die mehr wählerisch sind und höhere Ansprüche stellen, werden noch einmal auftreten und werden die Arbeit, die sie sich jetzt groß denken, kleinlich und zwerghaft finden und werden verschiedene Beschwerden und Einwendungen machen, ohne etwas zu tun; wir hingegen werden die Arbeit machen, die jetzt unsere Kräfte übersteigt, und von der sie behaupten, wir seien dagegen, und wir verständen sie nicht. „Dr. Tschlenow beschwert sich gegen das Odessaer Komitee, daß es dem Engern A. C. keine Einladung zu ihrer Generalversammlung und keinen Bericht über diese Versammlung gesandt habe. Mich muß es wundern, daß Dr. Tschlenow es nicht weiß, oder sich so stellt, als ob er es nicht wüßte, daß die Odessaer Unterstützungsgesellschaft als eine russische Gesellschaft ausländische Organisationen nicht einladen darf. Offiziell können wir weder Organisationen noch Privatpersonen vom Auslande einladen. Sämtliche Telegramme, die vom Auslande "eingelaufen sind, sind empfangen worden, ohne daß wir offiziell oder offiziös die betreffenden Gratulanten eingeladen hätten. Es ist aber komisch, zu behaupten, das Aktionskomitee hätte nichts von der Versammlung der Odessaer Gesellschaft gewußt. Vor meiner Reise nach Konstantinopel habe^ ich an Wolffsohn über die Generalversammlung geschrieben und bat ihn in demselben Schreiben, dafür zu sorgen, daß die Konferenz des Großen Aktionskomitees nicht zu gleicher Zeit mit der Odessaer Versammlung stattfinde, damit die Mitglieder des Großen A. C. aus Rußland imstande seien, sich sowohl an der einen wie an der andern Konferenz zu beteiligen. Nach der Odessaer Versammlung hatte ich einen genauen Bericht über ihre Beschlüsse für das Aktionskomitee vorbereitet, aber meine plötzliche Erkrankung verhinderte mich zu der Konferenz des Aktionskomitees zu erscheinen und demselben meinen Bericht zu liefern. Ich war schon reisefertig und hatte auch bereits einen ausländischen Paß in meiner Tasche. Bin ich denn schuld, daß ich plötzlich zwei Tage vor der Reise erkrankte? Wir wünschen nur den Erfolg und den Nutzen unserer Arbeit und nichts mehr; wir sind von jedem Kainpfesgedanken weit entfernt und wandeln nur den Weg des Friedens. Mit großer Freude und mit einer besondern Genugtuung werden wir dem Kongreß alles übergeben, was wir zugunsten der Agrarbank gesammelt haben werden, wenn er nur einen positiven Beschluß in bezug auf die Gründung und Organisierung fassen würde. Aber sollte dieser Fall nicht eintreten, so werden wir mit eignen Kräften unsere Arbeit fortsetzen. Wir werden vor nichts zurückscheuen und werden in der Mitte des Weges uns nicht aufhalten lassen. Wir fürchten diejenigen nicht, die es versuchen werden, uns zu stören und die Energie unserer Arbeiter zu schwächen. „Ich muß Ihnen noch einige Worte mit Bezug auf die Gesanitorganisation und deren Verteidigung sagen. Ist das nicht eine lächerliche Erscheinung, daß man mir Moral predigt, und mich aufmerksam macht auf die Notwendigkeit, die zionistische Organisation zu schützen und für ihre Existenz zu sorgen? Jede Sache, der wir viele Mühe, große materielle und moralische Arbeit gewidmet haben, ist uns teuer, und ich glaube, daß ich der zionistischen Organisation mehr Kraft als die andern gewidmet und daß ich mehr Opfer gebracht habe, deshalb ist sie mir wenigstens ebenso teuer, wie den andern. Ich habe mehr als genug für und wegen der zionistischen Organisation ertragen und gelitten, und deshalb weiß ich sie auch zu schätzen und für ihre Existenz zu sorgen. Aber sollen wir deshalb die Interessen unserer Arbeit preisgeben? Die Existenz unserer Organisation erfordert es nicht, daß jedes Bestreben, unsere Leitung zur Arbeit anzuhalten, und sie zu drängen, sich von ihrem Schlaf aufzurütteln, aufgegeben werde; anderseits ist es auch ein Irrtum, zu glauben, die Kritik und das Verlangen nach Arbeit von irgendeiner Seite sei geeignet, die Grundlagen der Organisation zu untergraben und zu zerstören. Im Gegenteil, solche Dinge bringen neues Leben und wecken die verschlafenen Kräfte. Die Reibungen, welche infolge eines Verlangens nach beständiger und intensiver Arbeit entstehen, bringen nur Nutzen. Die Gärung im zionistischen Lager betrachte ich einerseits als eine direkte Folge der Entwicklung des großen Willens der hingebungsvollen Zionisten, die zu arbeiten, zu schaffen und unsere Organisation vorwärts zu bringen bestrebt sind, wie auch anderseits der Unzulänglichkeit der materiellen Mittel für die Verwirklichung dieses mächtigens Willens. Es existiert ein staiker Wille, ein intensives Bestreben, unsere Arbeit zu hoher Blüte zu bringen, es sind aber keine genügenden Mittel di und auch keine Erfahrungen und keine energischen Führer. Ist es denn also verwunderlich, daß in diesem Zustande hier und da eine Gärung fühlbar wird, daß hier und da Symptome der Unzufriedenheit und Beschwerden laut werden? Ich erblicke