Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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w % 542 DIE )^ELT No. 25 J»^S* , i*„ Rechte sahen und darnach handelten, erwartete man in Frankreich und vielfach auch in dem zerrissenen Deutschland alles Heil von den Behörden. Das Zentralisierte Frankreich hat die Sozialdemokratie geboren und in dem geeinten Deutschland fand sie ihre massenhaften Bekenner. Was soll man erst von Rußland sagen? Da war ja alles nur Polizei und Regierung, Regierung und Polizei. Die Extreme berühren sich und deshalb ist auch Rußland ein sehr ergiebiger Boden für dasEntstehen aller möglichen sozialistischen Theorien. Denn Polizei, wie der sozialdemokratische Staat entlasten beide das Individium von seiner eignen Verantwortlichkeit. Der Mensch ist, was er auch sei, nur durch die „Gesellschaft"; leidet er irgendwie Not, dann ist die schlecht organisierte „Gesellschaft" daran schuld. Begeht er ein Verbrechen, dann hat ihn ebenfalls die „Gesellschaft" dazu getrieben. Dieses unfaßbare „X", dieser verschwommene Begriff „Gesellschaft", der alles vermag und alles weiß, ist auch zu einer Art von „Sammelgewissen" geworden, neben dem für das Einzelgewissen kein Platz mehr vorhanden ist. Es bedarf gar keiner Beweise, daß die moralische Bedeutung des Menschen durch solch ein gesellschaftliches Massengewissen aufgehoben werden muß. Auf die Dauer kann eine derartige Verstaatlichung des Gewissens und der Verantwortlichkeit des Einzelnen nicht bestehen. Solch eine Unnatur verträgt der Mensch auf die Länge der Zeit nicht. Allein recht gefährliche Verirrungen kann wohl diese Lehre vom Wesen der Gesellschaft im Gefolge haben. Sie stumpft vor allem das Gefühl für Verantwortlichkeit, für Pflicht in dem Einzelnen ab und das ist vielleicht die allerschlimmste Folge jener Schwarmgeisterei. Wer alles von der „Gesellschaft" erwartet, der ist nicht geneigt, selber Hand anzulegen, da, wo es not tut. In Amerika sind die Menschen auf sich selbst angewiesen. Alles, was Amerika erreicht hat, sowohl in den staatlichen Einrichtungen, wie auch in der Entwicklung der Industrie, hat es dem Individualismus zu verdanken. Das soll nicht heißen, daß alle Übel, alle Laster und alle Unzulänglichkeiten der jetzigen Ordnung dadurch abgeschafft worden sind,dassollauchnicht heißen, daß wirtschaftliche Reformpläne in Amerika weniger berechtigt sind, als in allen andern Ländern, — das soll nur heißen, daß im Lande der Arbeit und der Privatinitiative die sozialistischen Theorien verblassen, ihre Schärfe verlieren, und daß sogar ihre Bekenner eine ganz andere Art und eine ganz andere Psychologie darstellen. Das ist der richtige Grund, weshalb die überspannten Anhänger dieser Theorien, nachdem sie aus dem Lande der Knechtschaft herüberkommen und sich einige Zeit dort aufhalten, in einem ganz andern Lichte die Dinge zu sehen beginnen, als sie sie früher gesehen haben. Der Sozialismus muß sich dort in eine Reformbewegung umwandeln, die hauptsächlich in einer Genossenschaftsbewegung ihren Ausdruck finden kann. Es ist interessant, daß diese Bewegung in den Kreisen unserer Gesinnungsgenossen, die den sozialistischen Theorien huldigen, immer mehr Anhänger findet. Das ist eine sehr interessante kulturhistorische Entwicklung. Als vor einem Menschenalter die Genossenschaftsbewegung in Deutschland eingeleitet wurde und auf dem Gebiete des Genossenschaftskredits ungeahnte Erfolge erzielte, da spotteten die Radikalen über solches Tun. Es hieß allgemein, man solle sich mit solchen „Kleinigkeiten" nicht abgeben, man solle nur die soziale Frage im Ganzen lösen. Nun, die soziale Frage wurde nicht gelöst, während die vielverspotteten Kreditgenossenschaften zum Segen von Tausenden und Abertausenden wirken und schaffen. Bekanntlich ist es unendlich leichter und verlangt nur sehr wenig geistige Arbeitsleistung, die radikalsten Forderungen zu stellen, als den kleinsten Beitrag zur Verbesserung menschlicher Zustände beizusteuern. Handelt es sich um Verbesserung der Armenpflege, um Organisierung der Gewerkschaften, handelt es sich um freiwillige Bestrebungen zur Linderung der Not unter den Massen, sofort war der radikale Unverstand zur Stelle, um derartiges individuelles Wohltun zu verhöhnen. „Sorgt dafür, daß die Gesellschaftsordnung auf neuen Grundlagen errichtet werde, dann braucht es euren armseligen Bettelpfennig nicht!" Das waren so gemeinhin die Argumente, welche gegen die Genossenschaftsbewegung und gegen die organisierte Wohltätigkeit ins Feld geführt wurden. Aber die vielfache bittere Not des Lebens duldet keinen Aufschub in der Linderungsarbeit, bis jenes goldene Zeitalter hereingebrochen ist, und die neue Gesellschaft allem Elend, allem Jammer ein Ende gesetzt hat. Diese bittere Not des Lebens verlangt vielmehr, daß sich entsprechende Kräfte finden und zusammenscharen, um nach Möglichkeit Abhilfe zu schaffen. All die Reformen, sei es auf dem Gebiete der Genossenschaft, sei es auf dem Gebiete des Arbeitsnachweises usw., vermögen unter keinen Umständen auch nur bescheidenen Anforderungen zu genügen; diese Reformen können nur das allernotwendigste leisten, nur das äußerste Maß des Elends abwenden. Aber gewissen Mißständen im Leben des Volkes und des Individuums wird man im Laufe der Entwicklung ein Ende machen können, und zwar nicht durch die Agitierung irgendeiner radikalen Doktrin, sondern lediglich durch die freie Hingabe der Individuen" an die Lösung bestimmter praktischer Aufgaben. Allerdings muß noch eine individuelle Hingabe an einen idealen Zweck sich in einem vernünftig angelegten Plan unterordnen. Zu diesem Plan gehört auch das bekannte Oppenheimersche Projekt der Gründung einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina. Innerhalb unserer Partei und unserer Volksmassen sind eine Menge Kräfte vorhanden, die nur darauf warten, um einen rechten Platz in der Verwirklichung dieses oder eines ähnlichen Projektes zugewiesen zu erhalten. Jede Bemühung, die darauf eingerichtet ist, solch ein genossenschaftliches Unternehmen zu schaffen, muß im Prinzip unterstützt werden; es kommt nur darauf an, diese Projekte vernunftgemäß praktisch und mit großer Vorsicht zu bearbeiten. Das wird im Laufe der Zeit unbedingt geschehen. Nur hängt diese Frage mit einer Reihe anderer praktischer Probleme in Palästina zusammen, die nicht übers Knie gebrochen werden können. Die Erkenntnis der Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit einer Organisierung der Arbeit in Palästina wird das leitende Prinzip des Zionismus werden, aber es müssen die für eine gedeihliche Entwicklung unerläßlichen Unternehmungen vorbereitet werden, und das Bestreben muß dahingehen, passende Organe zu schaffen, einen wirklichen Arbeiterstand heranzuziehen und die Möglichkeit einer gesunden Genossenschaftsorganisation anzubahnen. * N. S. (Schluß folgt)