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Die Welt · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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„Mit großer Befriedigung lasen wir in Ihrer Zeitung, daß Assuf Bej, Mütessarif von Dschebel Bereket, sich vor dem Kriegsgerichte zu verantworten haben wird wegen seiner Versuche, die Bevölkerung zu reaktionären Unruhen aufzureizen. Es wäre jetzt angezeigt, das hohe Kriegsgericht daran zu erinnern, daß dieser Reaktionär zu der Zeit, als er Kaimakarn in Jaffa war, unter der Bevölkerung agitierte und vor sechzehn bis siebenzehn Monaten Unruhen zwischen Mohammedanern und Russen (soll heißen „Juden", d. Red.) zu erregen suchte. Mehrere hiesige Advokaten besitzen Kenntnis von den Einzelheiten. Nach seiner glücklich vollzogenen Absetzung wurde alles ruhig, sonst hätten die Unruhen zu bedauerlichen Folgen geführt. Wir hoffen, daß dieser Reaktionär für die während seiner ganzen Dienstzeit beobachtete Haltung zur Verantwortung gezogen werden wird." Aufruhr im Libanon Ein bei der Hohen Pforte eingelaufenes Telegramm des Wali des Libanon bestätigt, daß Unruhen irn Libanon ausgebrochen sind und Auschreitungen gegen das Regierungsgebäude stattgefunden haben. Einige Personen versuchten, das Haus durch Bomben in die Luft zu sprengen. Ihr Vorsatz wurde aber vereitelt, sie wurden verhaftet. Die Ursachen sind in einer reaktionären und in einer nationalistischen Strömung zu suchen. Die konservative Partei des Sandschaks agitiert gegen die Anerkennung der Konstitution und gegen eine Vertretung der unabhängigen Provinz im Parlament zu Konstantinopel. Demgegenüber erhebt sich die liberale konstitutionelle Partei zur Revolte. Von ihr soll das Bonibenattentat seinen Ausgang genommen haben. Die Lage ist also eine höchst unnatürliche und verlangt entschiedene Lösung. Das Kriegsministerium gab dem Kommando des fünften Armeekorps Damaskus Befehl, schleunigst starke Truppendetachements in den Libanon zu senden. \ Die Militärsteuer und die Juden Eine Reihe von Provinzialverwaltungen hatte die Erhöhung des Bedel-i-askerie, der Militärsteuer, besonders für die Juden, vorgeschlagen. Die Hohe Pforte erwiderte, das sei unzulässig, da auch die Juden zum Militärdienst fortan zugelassen würden und die vorgeschlagene Maßregel das Gleichheitsprinzip verletze. Die jüdischen Schulen im ottomanischen Reiche Das Ministerium des Unterrichts richtete dieser Tage an das Großrabbinat das Ersuchen, ihm so bald als möglich ein genaues Verzeichnis sämtlicher jüdischen Schulen im türkischen Reiche zuzustellen, sowie die Anzahl ihrer Schüler und Schülerinnen. Talmud Toras und Jeschiboth sind in die Statistik miteinzubeziehen. Der Großrabbiner hat in der Hauptstadt sofort die nötigen Erhebungen veranlaßt und Order an die Provinzgemeinden ergehen lassen. Der Militärdienst der Juden beginnt Der Oberstkommandierende der Armee, General Mahmud Schefket Pascha, hat den Oberhäuptern der Nichtmohammedaner einen Takrir über den Beginn des Militärdienstes zukommen lassen. Es sollen bis zum Inkrafttreten des Gesetzes, das jetzt der Kammer vorliegt, Freiwillige in die Gendarmerie und die Armee aufgenommen werden. Für diese kommt das Alter von 19—25 Jahren in Betracht. Sie müssen eben so lange dienen wie die ausgehobenen Rekruten dieses Jahres. Diejenigen, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, bedürfen der Zustimmung ihrer Eltern. Die Einstellung in die verschiedenen Waffengattungen erfolgt je nach der Eignung. Dieser Tage wurden aus Beirut Anfragen von ausländischen Juden an das Informatioitsbureau des Odessaer Komitees gerichtet, ob der Eintritt als Volontäre in die türkische Armee auch ihnen gestattet werden würde. Auf diese Anfragen vermochte das Armeekommando noch keine bestimmte Antwort zu erteilen, da sich weder das Kriegsministerium noch die Kaminer mit dieser speziellen Frage bisher befaßt haben. Bei einem Besuche, den vergangene Woche der Chachambaschi dem General Mahmud Schefket Pascha abstattete, äußerte der Generalissimus seine besondere Genugtuung über das Verhalten der Juden in der Türkei während der letzten stürmischen Ereignisse. Spezielles Lob spendete er den Juden von Salonik, die der geheiligten Sache der Freiheit wahrhaft schätzenswerte Dienste geleistet hätten. Gleich herzliche und schmeichelhafte Äußerungen tat der Kriegsminister Salih Pascha, den der Großrabbiner in Begleitung des Deputierten Sassoon Eskell ebenfalls besuchte. Die von der Syrtode des griechischen Patriarchats aufgestellte Forderung der Schaffung von gesonderten Truppenkörpern für die nichtmohammedanischen Nationalitäten wird, nach einer Äußerung Mahmud Schefket Paschas zu schließen, unter keinen Umständen Berücksichtigung finden. Schulen- und Synagogenbauten Für den Bau einer jüdischen Mädchenschule in Peri-Pascha (Hasköi) ist das kaiserliche Irade erteilt worden. Außer dieser Schule hat der Chachambaschi die Erlaubnis zum Bau einer Knabenschule in Galata verlangt. Das Irade für die Errichtung einer Zentralsynagoge in Adrianopel wird täglich erwartet. Noch eine Äußerung Ahmed Risas Bei einer erneuten Visite, die der Großrabbiner dem Kammerpräsidenten abstattete, äußerte sich dieser u. a. wie folgt: „Die Juden des Auslandes, die herkommen wollen in der freimütigen und aufrichtigen Absicht, ihren Lebensunterhalt im Lande zu gewinnen und zur Größe und zum Gedeihen des gemeinsamen Vaterlandes mitzuarbeiten, werden stets eine gute Aufnahme finden und alle Erleichterungen von Seiten des Ministeriums erf ahren." Jüdische Gegenaktion in Salonik Wie verlautet, haben die Saloniker Juden ihrerseits als Gegenstoß gegen die antisemitischen Machinationen der Griechen den Boykott der griechischen Kaufleute und Waren beschlossen. Zur Anarchie in der Konstantinopeler Gemeinde Die traurige Gaballaangelegenheit harrt noch immer ihrer Lösung. Ein Manifest der Liga „Rodfe Emet" an den Deputierten Vitali Effendi Faraggi wendet sich in heftigen Worten gegen das terroristische Verhalten einiger Fleischer, die sich immer noch dem Großrabbiner nicht unterworfen haben, und verlangt ein Einschreiten der Kammer. Rabbi Nahum hat sich bemüht, die Mithilfe des Ministeriums, sowie die moralische Unterstützung seiner Schritte bei der Stadtpräfektur durch den Kammerpräsidenten zu erwirken. Ferner hat er dem Kultusministerium zwei Takrire über die von ihm beabsichtigte Revision des „Chacharn chane nisamnamessi", des staatlichen Privilegs der jüdischen Nation, das auch das Gemeindereglement enthält, eingereicht. Das Ministerium hat die Notwendigkeit der vorzunehmenden Maßregel anerkannt. Am Sonntag, den 13. Juni, wird das große Mischlisch Umuni der Konstantinopeler Gemeinde zusammentreten. Die Revision des „Chacharn chane nisamnamessi" wird einen der Hauptpunkte ihrer Tagesordnung bilden. Ein Antisemitenprozeß Nach Informationen des „Tiempo" hat das Justizministerium die gerichtliche Verfolgung des verantwortlichen Leiters der armenischen Zeitung „Sagig" angeordnet, die seinerzeit den skandalösen Hetzartikel gegen die Juden veröffentlicht hatte. Jüdische Turnfahrt in die Türkei Der „Stambul" meldet unterm 31. Mai aus Adrianopel: „Die kalte Monotonie des Adrianopeler Lebens wurde angenehm unterbrochen durch die Ankunft des jüdischen Turnvereins „Gibbor" aus Philippopel. Der Verein unternahm seine Fahrt zu dem doppelten Zwecke, einmal, um den Turngedanken unter der jüdischen Jugend Adrianopels zu verbreiten, und zweitens, um eine Vorstellung zugunsten der Opfer der türkischen Freiheit und der „Jüdischen Gesellschaft zur Verbreitung der türkischen Sprache" zu organisieren. Der Erfolg war glänzend. Am Turnen nahmen 72 Jjnglinge und Mädchen teil. Es wurden Tänze und Märsche, schwedische Gymnastik, Fechten, Ringen und Boxen, und am Schlüsse Pyramiden und Kriegsspiele vorgeführt, die außerordentlichen Beifall fanden. Der Generalgouverneur, der Kommandant des zweiten Armeekorps mit dem Chef des Generalstabes, der bulgarische Konsul, der Großrabbiner der Stadt, der Bürgermeister und andere hervorragende Gäste wohnten dem Schauspiele bei. Nach der Vorstellung veranstaltete das Komitee „Union et Progrös" von Adrianopei einen Empfang in den Räumen der Munifipalität zu Ehren der Turner. Die Vertreter sämtlicher jüdischer Vereine der Stadt mit ihren Damen waren eingeladen. Herr Mordechai, der Ehrenvorsitzende des Vereins „Gibbor", hielt eine vibrierende, mit Beifall aufgenommene Ansprache. Robert Effendi, Direktor der politischen Abteilung, erwiderte im Namen des Generaigouverneurs, des Komitees und der gesamten Bevölkerung. Hierauf führten die unermüdlichen Enaks von neuem ihre prächtigen Turnübungen vor."

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