Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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530 II;i DIE3^ ELT No. 24 Ich sah Pergament vor vielen Jahren in Warschau, als er bei einem jüdischen Freunde zu Besuch weilte. Er war noch sehr jung und schien mehr den Grazien als den Musen zu huldigen. Diese Epoche war aber von ganz kurzer Dauer. Er widmete sich seinen Studien und betrieb sie mit einem Fleiß und einer Vielseitigkeit, wie sie selten bei jüngern Juristen vorkommen. Er meisterte sein Temperament mit einer gewaltigen Willenskraft. Ein Sohn reicher Eltern, aber schon während seiner frühesten Jugend verarmt, mußte er zwar sehr schwer um das tägliche Brot kämpfen, aber er hatte einen starken Hang zur Üppigkeit, zu feineren Lebensformen, und er war im Grunde weltmännisch veranlagt. Das Judentum hatte er schon früh ganz formell abgestreift, aber es kehrte zu ihm zurück. Es rief ihn, und er konnte sich nicht verstecken. Ich sah ihn im Jahre 1903 nach dem Kischinewer Pogrom; damals war er ganz „Jude". Zuletzt hatte ihn Odessa in die dritte Duma gewählt. Ein Jude konnte aus Odessa nicht gewählt werden, also wenigstens ein Ex-Jude, ein Liberaler, ein Linksliberaler. Die Zeiten spiegeln sich oft in den Individuen, wie die Individuen das Gepräge ihrer Zeit tragen. Im Übergangsstadium, in dem sich jetzt Rußland befindet, kann es passieren, daß eine große Stadt wie Odessa einen „Rabbiner" hat, der die Behörden verteidigt, und einen „Meschumed", der für die jüdische Gleichberechtigung kämpft Alles ist widerspruchsvoll, zerrissen, unklar. Es hat die Poesie des Dämmerns, den Zauber der Wehmut, den Witz der Gegensätze. Enden diese Witze schlecht, dann muß ein Sliosberg, der doch ein guter Jude ist, auf dem Grabe eines getauften Juden, auf dem griechisch-orthodoxen Friedhof eine Grabrede über den jüdischen Rechtskampf halten. Memento mori! Tragisch ist das Leben der Juden, aber noch tragischer das Leben der Marrannen. N. S. o o o o o o o 1) O O O jj AUS DER BEWEGUNG " Zum IX. Kongreß Der Beschluß, den diesjährigen Kongreß bis zum nächsten Dezember hinauszuschieben, war ein Ergebnis gewisser Entwicklungen die niemand von uns weder vor auszusehen, noch zu ändern imstande wäre. Bekanntlich setzt ein derartiger Beschluß verschiedenartige Erwägungen voraus: man muß die technischen Bedingungen der Parteiarbeit, die Aussichten der Propaganda, die Wünsche der Ortsgruppen, womöglich auch die Behaglichkeit und Tunlichkeit der Reisezeit in Betracht ziehen; aber höher als all diese zweifelsohne auch beachtenswerten und wichtigen Erwägungen steht die Rücksichtnahme auf die politische Lage. Es ist klar, daß bei der Behandlung dieser Frage nicht Phrasen, nicht agitatorische Gesichtspunkte, nicht leere Schlagworte, sondern richtigerweise die ernste Berücksichtigung der politischen Situation ins Gewicht fallen mußte. Das sind Dinge, die im wohlverstandenen Interesse unserer Partei nicht breitgetreten werden können; aber schon der Hinweis auf diese höhere Sphäre entscheidender Momente, der im Beschluß gemacht worden ist, sollte genügen, um allen Einsichtigen die Bedeutung dieses „kategorischen Imperativs" zum Bewußtsein zu bringen. Daß man jetzt seitens mancher Verbände oder Versammlungen mit Resolutionen herausrückt, die auf Erwägungen zweiten Ranges aufgebaut sind, muß als vollständig verfehlt bezeichnet werden. Man wird ja auch dem Leichtgläubigsten nicht glaubhaft machen können, daß diese allgemein bekannten und landläufigen Motive, die für einen Sommerkongreß sprechen, der Leitung nicht zugänglich waren, und daß es erst der Resolutionen bedurfte, um ihr diese Selbstverständlichkeiten zu offenbaren. Noch merkwürdiger sind manche Kommentare, die sich einige Blätter mit Bezug auf diesen Beschluß leisten. Ein amerikanisches Blatt meint, der Beschluß sei gefaßt worden, um die „Russen" vom Kongreß fernzuhalten. Groß ist die Humbugphantasie amerikanischer Blätter, aber ein solches Absurdum müßte sogar aus dem Kreise der sensationellsten Hypothesen verbannt werden. Ein anderes Mal wird die possierliche Behauptung aufgestellt, die zionistische Leitung sei „fahrlässig", denn „bis zum Dezember würde schon I o o o o o 'J o o o o o o o eine andere Organisation mit einem großen Lande in der Westentasche herausrücken". Wir dächten, Kongreßfragen müßten mit mehr Ernst behandelt werden. Was soll das Abfeuern der Kruppschen Geschütze der Resolutionen? Was sollen dieMitrailleusen der Witze oder die Aufrollung einer „Russenfrage"? Jedermann weiß, daß es üblich wäre, einen Sommerkongreß einzuberufen, aber der diesjährige Kongreß setzte gewisse politische Arbeiten voraus, die infolge unvorhergesehener äußerer Ereignisse bis zum August nicht gemacht werden konnten. Man fasse also Resolutionen gegen diese Ereignisse! Und sobald der Kongreß im August nicht stattfinden kann, dann rücken die hohen Feiertage heran, dann kommt der Frühherbst und dann ist schon Dezember die günstigste Zeit. Nicht günstig für Kurgäste, für Flaneurs, vielleicht auch etwas beschwerlich für weite Reisen, — aber wir hatten ja schon einen Dezemberkongreß und das war ein Kongreß, auf dem das meiste, beispielsweise die Organisierung des Nationalfonds und noch vieles andere geschaffen worden ist. Der Besuch war etwas schwächer, aber die Arbeit intensiver. Die im Winter zum Kongreß kommen, kommen eben zum Kongreß. Die Mutmaßung, daß die „Russen" nicht kommen werden, zeugt von einer vollständigen Unkenntnis der zionistischen Gesinnungtüchtigkeit unserer „russischen" Freunde. Es ist nicht zu leugnen, und es war von vornherein klar, daß bei' der Schekelsammlungsarbeit und in dem bereits eingeleiteten Stadium der andern vorbereitenden Arbeiten für den Kongreß durch die Aufschiebung des Termins ein gewisser Mißmut hervorgerufen werden mußte. Aber da die Aufschiebung infolge der Verhältnisse, die geradezu eine „force majeure" darstellen, notwendig war, so besteht die Pflicht der zionistischen Landsmannschaften, Föderationen, Ortsgruppen und Preßorgane nicht darin, dieser Stimmung schwächlich nachzugeben und durch Resolutionen den Eindruck zu erwecken, als ob die Leitung willkürlich den Kongreß aufgeschoben hätte, sondern in einem energischen Entgegenwirken gegen jede Art von Mißstimmung und in einer einheitlichen tüchtigen Vorarbeit für den neunten Kongreß. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie sind, und ihnen ihre gute Seite abzu-