Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 24 ==— DIES^ELT FEUILLETON 529 □ O Aus meinem Notizbuch Marbe schanim, marbe aweluth — je bejahrter Dr. S. Orusenberg — man w[r^ degto mehr licMen sjch dieKreise der alten Freunde, der Genossen im Kampfe, der Brüder in der Arbeit, der Nachbarn im Reiche der Ideen, ohne daß die Lücken durch neu eintretende vollständig ersetzt würden. Die Beziehungen zu den Jüngern mögen noch so innig sein, sie sind doch anderer Art als diejenigen zu den Jugendgenossen oder zu denen, welchen man nachzustreben suchte. Dr. Samuel Grusenberg, der vor einigen Wochen in Petersburg verstarb, war mir seit vielen Jahren ein lieber Freund und ein Waffenbruder auf geistigem Gebiete. Er war seines Zeichens Naturforscher und Mediziner, jedoch übte er seinen eigentlichen Beruf nicht aus. Er stammte aus dem Chersonschen Gouvernement und besaß einen geringen Vorrat an jüdischen Erinnerungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen, die er in seiner Kindheit im elterlichen Hause empfangen hatte. Einige Zeit schien es, als ob diese tiefe Schicht von den neueren Schichten späterer Studien und Ideenbeziehungen ganz erdrückt wäre; sie wurde beinahe ganz unsichtbar. Er war so russisch! . . . Aber wie es so oft geschieht, genügt ein leiser Hauch, um das Unsichtbare wieder zum Vorschein zu bringen. Er war einer derjenigen, die zum Judentum zurückgekehrt sind, um ihrem Volke ihr reiches Wissen und ihren großen Fleiß zu widmen. Als in den neunziger Jahren die russisch-jüdische Literatur sich neu zu entfalten begann, und als neue Zeitschriften und Sammelbücher begründet wurden, gehörte der Heimgegangene zu den bedeutendsten Mitarbeitern derselben. Er vertrat nicht eine neue Richtung, sondern — wenigstens im ersten Stadium — eine gewisse Spezialität: Er widmete sich mit Vorliebe wissenschaftlichen Forschungen über den physischen Zustand der Juden, über jüdische Ethnographie und Anthropologie. Seine erste Arbeit war in der Monatsschrift „Jewrejskoje Obosrenie" gedruckt. Von dann ab blieb er ein stetiger Mitarbeiter des „Woschod". Ich pflegte Grusenberg bei Adolf Landau, dem Herausgeber und Redakteur des „Woschod", zu begegnen. Der eigentliche Redakteur dieses einst so trefflichen Blattes war Grusenberg. — Adolf Landau war mehr Verleger als Schriftsteller, mehr Geschäftsmann als Büchermensch, — aber niemand wußte es; das wußten nur die Eingeweihten. G. schrieb jahrelang die ausländische Chronik unter dem Pseudonym „Letopissetz" und gehörte zu den wenigen, die wirklich etwas von dem westeuropäischen jüdischen Leben verstanden haben. Welch heiterer, anregender Kreis um den liebenswürdigen Mann: Die damaligen Mitarbeiter des „Woschod", der jüngere Bruder, der feurige, geistreiche Oskar, der sich inzwischen zur höchsten Berühmtheit in der russischen Advokatur emporgeschwungen hat, einige junge Ärzte und russische Schriftsteller, alle von demselben Geist beseelt, der damals unter den Liberalen der russischen Residenz herrschte. Wir trafen uns oft im Hause des bekannten Mäcen der Literatur und Künste, des seligen Arkadi Kaufmann, wo sich zu jener Zeit die Blüte der Petersburger Intelligenz versammelte. Als der „Woschod" in neue Hände übergegangen war, oder noch etwas früher, begründete der Verblichene seine eigene Zeitschrift unter dem Namen „Buduschtschnost" (Zukunft), die sich zu einem nationalen Organ entwickelt hatte. Der früher wenig bekannte Mitarbeiter des „Woschod" gewann Ansehen und Bedeutung. Jahre kamen und gingen. Wechsel und Bewegung machtvoller Ereignisse schufen eine neue Welt um den selbständig gewordenen jüdisch-russischen Journalisten, - der . sich zu einem jüdischen Journalisten herausgebildet hatte.- .Überlieferte! Anschauungen und Woschod-Theorien über Judenfrage und Liberalismus wurden vernichtet; ein jüdisches Nationalgefühl war lebendig geworden. Alte und neue Weltanschauung begannen gegeneinander zu kämpfen. Der Dahingeschiedene war eigentlich kein erklärter Zionist, nichtsdestoweniger leistete er manches Gute und Nützliche für die Verbreitung unserer Idee und insbesondere für die Förderung der Kolonisation Palästinas. Er hat sich unvergänglich in die Geschichte der national jüdischen Journalistik in russischer Sprache eingezeichnet. Ein letzter Lichtpunkt war mein Zusammentreffen mit Samuel Grusenberg in Minsk auf der dort abgehaltenen Konferenz der russischen Zionisten. Es war die einzige große zionistische Versammlung, der er beigewohnt hat, und er stand ganz unter dem Eindruck dieser imposanten Tagung. Ich erinnere mich, wie er nach einem hebräischen Vortrag, den ich dort hielt, auf mich zukam und sagte: „Naum Ossipowitsch, — das ist das Richtige, nur so sollen wir doch eigentlich schreiben und sprechen, wenn wir national sein wollen. Alles andere ist eitel!" Er hatte auch kaum alles verstanden, aber in seinen Augen leuchteten Tränen. Die ganze „Woschod"-Periode schien zu schwinden. Es war ein tragischer Zug im letzten Abschnitt seines Lebens, daß er nicht wie viele andere auf dem Posten fiel, sondern daß er schon einige Jahre zuvor infolge schwerer Erlebnisse und Schicksalsschläge gezwungen war, seine literarische Laufbahn zu verlassen. Er lebte seither in stiller Zurückgezogenheit, und ich konnte ihn in Petersburg im vorigen Jahre gar nicht mehr finden. Ein Matter, ein Verglimmender, schied er aus dem Leben seines Volkes, dem er seine besten Kräfte geopfert hat. Der Stift entfiel schon vor einigen Jahren der Hand des Ermüdeten, und nicht einmal zum Abschied umspielte ein Sonnenstrahl des Glücks seine Stirn. Nun ruht er aus von seiner Arbeit. O. J. Pergament. Der Tod hat durch das Hinwegraffen Pergaments die auch sonst kleine und dürre Flur unserer Verteidiger in der russischen Reichsduma fast kahlgemäht. Die sechs Millionen russischer Juden werden auf konstitutionellem Wege nur noch von den Dumamitgliedern Nisselowitsch und Friedmann vertreten! Eine jüdische Gruppe, wie sie in der ersten und zweiten Duma existierte, gehört schon zu einer mythologischen Vergangenheit. Die Herzenstein und die Jollos sind durch die eifrigen Bemühungen des echtrussischen Verbandes meuchelmörderisch beseitigt worden. Noch blieb Pergament, nun hat auch ihn das Geschick ereilt. Man ließ ihn am Herzschlag sterben. Einmaliger oder langsamer Selbstmord, — die Sache ist nicht ganz aufgeklärt. Der Verstorbene soll sich zusammen mit noch einigen Rechtsanwälten in eine Affäre mit einer abenteuerlichen Dame verwickelt haben. Die Abenteuerin entkam; die Rechtsanwälte, die ihr dazu verholfen haben, sollen von einem Prozeß bedroht gewesen sein. Es sind in Rußland Alltagsgeschichten. Liegt bei einem solchen Fall ein politisches Motiv zugrunde, so gilt es als Pflicht jedes anständigen Menschen, eine Flucht zu erleichtern. Das ist eben die spezifische Moral, die sich in einem Lande entwickelt, in dem die Gesellschaft mit der Regierung, die das Gesetz vertritt, einen offenen oder stillen Kampf führt. Und wo diese Möglichkeit vorhanden ist, kann auch die scharfe Linie zwischen politischen und andern Motiven nicht festgehalten werden. Wie dem auch sei, Pergament hatte seine Affäre, die von den Gegnern mit bestialischer Gier aufgegriffen worden ist und die seit einigen Monaten wie ein Damoklesschwert über ihm hing. Er fühlte sich unschuldig, aber was kann man mit Unschuldsbeteuerungen gegen die politische Kanaille ausrichten, wo die Wogen der Parteileidenschaften so hoch gehen?" So fiel er den furchtbaren Aufregungen, der Erbitterung und dem Lebensüberdruß zum Opfer.