Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-06-11 · 24 (11.6.1909) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316376--52001-3345687
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

528 DIE ELT No. 24 ** 1 hierzu, sondern der Osten; und hieß es früher ex Oriente lux, so muß es heute heißen: in orientem lux. Als Herzl starb, da hieß es, der Zionismus ist tot: Der Mensch muß sterben, aber eine Idee ist unsterblich. Die Gebeine unseres Führers modern am Wöblinger Friedhofe; was körperlich war, das ist vergangen, doch seine Seele, die lebt im jüdischen Volke, in seiner Sprache, in seiner Kunst, in seinem Schriftentum. Andere Völker stellen ihren Großen Denkmäler in Erz und Stein; Budapest und die ungarische Judenheit wird für Herzls Ideen arbeiten, und das wird sein schönstes Denkmal sein." Eine tiefe Ergriffenheit hatte sich der Zuhörer bemächtigt unter dem Eindrucke der tiefinnigen Worte, die das Wesen des großen Judenführers lebendig vor Augen geführt hatten, Herzls Geist schwebte in den Hallen des Budapester Rathauses. Nachdem sich der Beifallssturm gelegt hatte, betrat Dr. Nison Kahan die Tribüne, um über die Entwicklung des Zionismus in Ungarn Bericht zu erstatten. Er sprach über die erfolglosen Bemühungen Herzls in Budapest nach Erscheinen des Judenstaates, über die Propaganda des Dr. Rönai und seiner Mitarbeiter Bettelheim, Dr. Oesterreicher und des Rabbiners Roth in Papa, die gleich nach dem I. Kongresse .einsetzte, Früchte aber nur seit Begründung des Preßburger Ahawath-Zion-Vereins (1900) trug, dessen agiler und opfermutiger Präsident, Samuel Bettelheim, den Zionismus mit Wort und Schrift in den westungarischen Komitaten verbreitete. Der Referent schilderte den mächtigen Aufschwung, den der Zionismus nach der I. Preßburger Landeskonferenz (1903), insbesondere seit Begründung der Budapester akademischen Vereinigung Maccabaea, genommen hatte und der in der Gründung zahlreicher Vereine in West- und Nordungarn zum Ausdruck kam. Herzls Tod bewirkte eine gewisse Stagnation in der jungen Bewegung, die nach dem VII. Kongreß (1905) zu einem völligen Zerfali der ungarischen Organisation führte. Die IV. Landeskonferenz (1906) verlegte die Zentrale aus Preßburg nach Budapest, und dem neugewählten Landeskomitee gelang es unter Leitung des Dr. Alexander Gruber, unterstützt vom Redakteur des zionistischen „Zsidö filet", Prof. Armin Bokor, und dem Organisator des Jüdischen Nationalfonds in Ungarn, Dr. Ludwig Dömeny, die zionistische Bewegung neuerlich zu organisieren und ihr insbesondere im Osten Ungarns sowie in Budapest neue Kräfte zuzuführen. Das Werk der Sanierung wurde nach der V. Landeskonferenz (1907) durch das neugewählte L. C. mit Dr. Oesterreicher Bela an der Spitze erfolgreich fortgesetzt, und zur Zeit der VI. Landeskonferenz hatte der Zionismus in Ungarn die Stufe bereits weit überschritten, von der er infolge mißlicher Umstände nach dem VII. Kongresse hingestürzt war. Nach der VI. Landeskonferenz setzte das L.C. das Propagandawerk mit immer wachsender Energie fort; es ließ sich stets vom Prinzip leiten, vorerst die bestehenden Gruppen zu festigen, in zweiter Reihe die eingegangenen Gruppen zu neuem Leben wachzurufen und nur in letzter Reihe auf neue Eroberungen auszugehen. Durch eine scharfe Agitation in Volksversammlungen, durch Broschüren, Briefe, Rundschreiben gelang es dem L, C., sein Programm zu verwirklichen. Der augenscheinliche Erfolg der zionistischen Propaganda erweckte aber die Mißgunst der offiziellen Judenheit, und zwar sowohl der neologen als auch der orthodoxen Landeskanzlei, und es begann ein Vernichtungskampf gegen den Zionismus, der insbesondere in der offiziellen neologen und orthodoxen Presse in Formen zum Ausdruck gelangte, die eine wahre Schmach fürs Judentum bedeuteten. Am 4. November gesellte sich unsern Feinden als Verbündeter die antisemitische Volkspartei: Im Alkotmäny erschien ein Leitartikel gegen den Zionismus, der als vaterlandsverräterisch hingestellt wurde. Dem ersten Artikel folgte ein langer Zyklus über Zionismus, in dem insbesondere auf Grund zweifelhafter Daten der Beweis geführt wurde, daß der Zionismus in Ungarn ungeheuej verbreitet sei. Die Tendenz der Volkspartei war nicht schwer zu entdecken. Der Wahlgesetzentwurf des Grafen Andrässy war den Juden nicht ungünstig, hingegen sollten die Nationalitäten in ihren Rechten beeinträchtigt werden. Alkotmäny war es nun daran gelegen, die ungarische Judenheit zu „kompromittieren": den Beweis zu führen, daß der Zionismus schädlich und daß dennoch ein bedeutender Teil der ungarischen Juden zionistisch gesinnt sei. Aus diesem Beweisverfahren sollte dann die Folgerung gezogen werden, die Juden müßten im Wahlgesetze zumindest so wie die nichtungarischen Nationalitäten behandelt resp. in ihren politischen Rechten eingeschränkt werden. Dies war denn auch der offiziellen Judenheit zu viel, und am 6. Dezember erklärte das offizielle Organ der Neologie. Egyenlöseg, das Jahre hindurch die Zionisten zu Vaterlandsverrätern gestempelt hatte, „der Zionismus widerstrebe nicht dem Patriotismus und den Bürgerpflichten!" Der Pressefehde folgte die Interpellation des antisemitischen Abgeordneten Szmrecsäuyi gegen den Zionismus. Die ungarische Bewegung durchlebte damals eine schwere Krise, und es ist ein Verdienst des Abg. Grafen Theodor Batthänyi, der ungarischen Organisation in dieser gefahrdrohenden Zeit hilfreich beigesprungen zu sein: Dr. Oesterreicher wurde vom Minister Grafen Andrässy empfangen, und als dann Präsident Wolffsohn Gelegenheit hatte, vor den Ministern Grafen Andrässy und Apponyi das Wesen des Zionismus klarzulegen und die ausgestreuten Verleumdungen zu widerlegen, war die Gefahr abgewendet und der ungarischen Bewegung eine gedeihliche Entwicklung gesichert. Das L. C. gab nun ein ausführliches Memorandum an die Regierung und an. das Parlament heraus, welches in einer Massenauflage in ganz Ungarn verbreitet und in der gesamten Presse besprochen v/urde und dem Zionismus eine große Anzahl neuer Freunde zuführte. Der Zionismus ist heute über ganz Ungarn verbreitet. Die Zahl der Ortsgruppen beträgt 149, hiervon 53 im letzten Jahre begründet. Der Zionismus hat in 138 Orten des Landes Fuß gefaßt, hiervon entfallen 50 aufs letzte Jahr. Am stärksten ist die Bewegung in Budapest (8 Vereine), dann folgen Kassa, Pozsony, Nyitra, Szatrnär, Temesvar, Nagytapolcsäny, Pöstyen. Für die Entwicklung des Zionismus zeugt auch der radikale Umschwung in der Volksstimmung. Während noch vor 2—3 Jahren der überwiegende Teil der ungarischen Juden aus patriotischen Bedenken gegen den Zionismus war, hat eine Enquete des L. C. bewiesen, daß von 80 Städten bloß in 3 Orten „patriotische Bedenken" gegen den Zionismus geltend gemacht wurden. Von den Rabbinern sind über 30, von den Kultusgemeinden über 20 zionistenfreundlich gesinnt, und wir haben bloß von 8 antizionistischen Rabbinern und 10 antizionistischen Gemeinden Kunde. Die Erfolge sind zum guten Teile Verdienste des L. C, das in 49 Sitzungen getagt hat, über 4000 Briefe, über 10 000 Broschüren ausgesandt und in 19 Städte zu 25 Volksversammlungen 34 Redner ausgesandt hat. Die Organisation ist insbesondere den G. G. Leopold Lebowits und Armin Beregi zu Dank verpflichtet, die in Wort und Schrift unermüdlich für unsere Sache gewirkt haben. Der Redner schloß seine mit großem Beifall aufgenommene Rede mit dem Wunsch, Herzls Hoffnungen mögen bald in Erfüllung gehen und Ungarn zu einer festen Burg des Zionismus werden. Als letzter Redner sprach, enthusiastisch begrüßt, Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel. Er plädierte in beredten Worten für die Solidarität der gesamten Judenheit. Nur geeinigt können wir unsern Feinden gewachsen sein. An der Hand überzeugender Fakten führte er den Beweis* daß die Judenheit nur geeinigt fortbestehen könne. Landesgrenzen dürfen kein Hindernis des gemeinsamen , Vorgehens sein. In der bosnischen Judenfrage hat das einmütige Auftreten der jüdischen Abgeordneten Ungarns und Österreichs Erfolg gehabt. Auch in der Frage der rumänischen Handelsverträge müßten die Juden geeinigt auftreten. Einem barbarischen Volke, das den eingegangenen Verpflichtungen des Berliner Kongresses nicht nachkommen will, muß der Eintritt in die zivilisierte Völkerfamilie verwehrt werden. Das Zusammenarbeiten der Zionisten ist ein gutes Anzeichen für die künftige^ Einigung der Judenheit. Nach einem Schlußworte des Präsidenten, in welchem er auf die Ausführungen des Abg. Gabel reflektierte, nahm die glänzende Versammlung mit einer einstimmig akzeptierten Resolution ihr Ende, in welcher gegen die Verleumdung des Antipatriotismus Protest erhoben und anderseits die zionistische Parteileitung mit Rücksicht auf die Ereignisse in der Türkei ersucht wurde, sich für eine intensive Betätigung in Palästina einzusetzen. Sonntagabend fand zu Ehren der Delegierten ein Festkommers mit über 200 Teilnehmern statt. Das Präsidium führte das Mitglied des A. C, Samuel Bettelheim. Den ersten Toast hielt Präsident Dr. Oesterreicher. Er gedachte Herzls und leerte sein Glas auf das Wohl des A. C. und des Präsidenten Wolffsohn. Dr. Nison Kahan begrüßte die jüdischen Reichsratsabgeordneten, Ludwig Bato das ungarische L. C, Abg. Gabel toastierte auf die ungarischen Zionisten, Abg. Stand auf die Misrachisten, Ingenieur Bisseliches auf Samuel Bettelheim, Leo Bärkäny auf das Gedeihen des Zionismus, Leopold Lebowits auf das friedliche Zusammenarbeiten der Misrachisten und Zionisten. Es sprachen noch Samuel Bettelheim und Guhäszhör, letzterer hebräisch. Eine angenehme Abwechslung boten die zionistischen Lieder der akademischen Jugend. Der Kommers dauerte in fröhlichster Laune bis in die späten Nachtstunden. Zum Schlüsse wurde noch das Benschen versteigert; der Erlös wird zur Anpflanzung von Ölbäumen im Herzlwalde auf die Namen der Abgeordneten Stand und Gabel verwendet werden. Über die Beratungen am Montag, die innern Parteifragen gewidmet waren, werden wir noch ausführlich berichten; hier sei nur noch mitgeteilt, daß zum Präsidenten des L. C. abermals Dr. Bela Oesterreicher gewählt wurde. Mitglieder des engeren L. C. sind Ingenieur Armin Beregi, Dr. Nison Kahan, Dawid Kohn und Leopold Lebowits; überdies gehören dem L. C. als Nationalfondskornmissär: Dr.; Ludwig Döm6ny und als: Redakteur des „Magyarorszägi Cionista Szervezet" Dr. Josef Schönfeld an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.