Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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büchsen wurden 1072 geleert (im Vorjahre nur 716). Das Hauptsammelmittel bildet in Ungarn die Büchse, ca. 5Öü/o der Sammlungen sind Büchsensammlungen. — Unter den Sammelstellen steht an erster Stelle Budapest mitl379K02H. Das Landeskommissariat plant die Anstellung eines Reisekommissars, der regelmäßig das ganze Land bereisen, die Vertrauensleute instruieren und die Sammlungen beaufsichtigen soll. Dr. Dömeny faßte das zukünftige Arbeitsprogramm in dem einen Satze zusammen: „Pünktliche Vollstreckung der aus Köln ausgehenden Vorschriften." Der Kassabericht des Landeskassierers David Kohn konstatierte ein mächtiges Anwachsen der Ausgaben infolge der gesteigerten Agitationstätigkeit, denen die Einnahmen kaum Balance zu halten vermögen. Die Schekelsammlung verspricht unvergleichlich günstigere Resultate als die vorjährige, doch läßt der Sammeleifer der Vereine und Vertrauensmänner noch überaus viel zu wünschen übrig. Nach dem Berichte des Revisors Nathan Roth, der die Kassagebarung und Buchhaltung tadellos befunden hatte, und den Tätigkeitsberichten der Gruppen in Szatmär, Kassa und Nyitra folgte das inhaltsvolle und formschöne Referat des Dr. Armin Abraham - söhn über die gegenwärtige Lage des Zionismus. Dr. Abrahamsohn schilderte in markanten Worten den Werdegang des Zionismus. In der 13jährigen Periode der zionistischen Bewegung haben wohl die Methoden gewechselt, doch das Ziel ist unverrückbar ein und dasselbe geblieben. Der Zionismus hat auch schwere Krisen bestanden; die Schwachen und Kranken, die glaubten, die Goluswunden ließen sich über Nacht heilen, sind abgebröckelt, die butterweichen Rachmonesnaturen" wurden gar bald kampfesmüde: der Zionismus war nurfür Juden mitgesundem Herzen und klarem Kopf. Der Schekelzahler sind weniger geworden, doch unsere qualitativen Potenzen sind mächtig gewachsen. Der Ansturm der Assimilation hat dem Zionismus nicht geschadet, selbst unsere Gegner müssen heute zugeben, daß wir eine kräftige Stütze des Judentums geworden sind, und ihr tägliches Gebet müßte — wären sie aufrichtig — lauten: „Gott bestrafe uns nicht durch Erfüllung unserer Wünsche." Im weitern Verlaufe seiner Rede befaßte sich der Referent mit jüdischkulturellen Fragen, und übergehend auf die Tätigkeit des A. C, zollte er der Parteileitung volles Lob für ihr politisch-vorsichtiges Vorgehen. Draufgangspolitiker dürfen in einer Parteileitung keinen Platz finden. Der 13. April war die beste Rechtfertigung für die Politik des A, C. Nie dürfe der Draht zwischen Köln und Konstantinopel so straff gespannt sein, daß er beim leisesten Windhauch platzt. Dr. Ahrahamsohn schilderte dann eingehend die Entwicklung und gegenwärtige Lage des Zionismus in den einzelnen Ländern, konstatierte, daß überall sich ein starkes Anwachsen der Bewegung bemerkbar mache. — Alles steht bereit, der Genius des jüdischen Volks fordert von uns Rechenschaft, und trifft der Moment ein starkes Volk, dann ist es kein Märchen! (Meeting am 30. Mai nachmittags) Über 1000 Zuhörer hatten sich im Festsaale des Rathauses versammelt, Männer und Frauen, Greise und Jünglinge, und anstatt das duftende, einladende Grün der Ofener Berge aufzusuchen, saßen und standen sie dicht zusammengedrängt in der dumpfen Sommerglut und lauschten stundenlang bald in brausender Begeisterung, bald in düsterm Weh den Worten, die von der Tribüne hinab tönten und in schimmernden Farben das Erwachen von jahrtausendelangem Schlafe verkündeten. Die Versammlung wurde vom Präsidenten Dr. Bela Oesterreicher eröffnet. Er verwies auf die starke Entwicklung der zionistischen Bewegung in Ungarn, die gewiß noch viel umfangreicher gewesen wäre, wenn uns die Sanktionierung unserer Statuten nicht vorenthalten worden wäre. Noch immer spukt das Märchen, der Zionismus sei antipatriotisch, und wenn auch in Regierungskreisen diesen Verdächtigungen kein Glaube geschenkt wird, so können wir im Volke nie oft genug unsere Pläne erklären und die Haltlosigkeit der Angriffe beweisen. An der Hand mehrerer Beispiele der allerneusten Golusgeschichte wies der Präsident die Notwendigkeit der Schaffung eines jüdischen Volksheims nach. Die Rettungsaktion könne nicht von einzelnen ausgehen, sie muß die Tat des ganzen jüdischen Volkes sein. Wir Zionisten hoffen, daß Palästina nicht bloß eine jüdische Vergangenheit besitzt, sondern eine noch glorreichere Zukunft haben wird. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Juden mit Herz und Seele einsehen werden, daß eine radikale Lösung der Judenfrage nur im Zionismus zu finden sei. Nachdem die Versammlung die Absendung einer Ergebenheitsadresse an den König und einer Begrüßung an Präsident Wolffsohn beschlossen hatte, folgte die Verlesung der eingelaufenen Begrüßungen und Zuschriften. Mit einem frenetischen Beifallssturm wurde die Zuschrift des Präsidenten Wolffsohn empfangen, in der es unter anderm hieß: „Sie versammeln sich zu einer Zeit, während der Zionismus nach allen Richtungen außerordentlich aktuell und zeitgemäß geworden ist und während seine Notwendigkeit sich sogar den bisher indifferenten Kreisen augenfällig zeigt, stehen wir vor einer neuen vielverheißenden Entwicklung im Orient. ... Es ist angebracht, ins Gedächtnis die Tatsache zurückzurufen, daß die ersten und größten Wortführer der zionistischen Idee, Herzl und Nordaii, n Ihrem Lande das Licht der Welt erblickt haben. Wenn einst die Generalabrechnung der Geschichte kommt, so werden die ungarischen Juden mit Stolz auf diesen Vorrang Anspruch erheben dürfen. Aber dieser Vorzug verpflichtet zur Arbeit. Ich weiß, daß Sie in Ungarn auf manche Vorurteile seitens unserer eignen Brüder stoßen. Aber mögen Sie diese Widerwärtigkeiten nicht "entmutigen! Das ist das Geschick des Zionismus im allgemeinen. Wir müssen noch lange duich die Wüste der Opposition ziehen, ehe es uns vergönnt sein darf, eine ganz friedliche Arbeit aufzunehmen. Aber ich bin sicher, wir gehen dieser Zeit entgegen." Es waren ferner Begrüßungsschreiben angelangt von Nordau, Prof. Warburg, # dem Nationalfondsbureau, den Landeskomitees für Deutschland, Österreich, Kroatien, dem Misrachibureau in Frankfurt, Dr. Rönai Jänos, dem ersten Leiter der ungarischen Bewegung; Reichsratsabgeordneter Dr. Benno Straucher, Präsident des Jüdischen Klubs, schrieb unter anderm, „es möge den Vertretern unserer gemeinsamen, großen Sache in Ungarn vergönnt sein, den Triumph unserer im Dienste des jüdischen Volkes stehenden Bestrebungen zu erreichen. Es muß uns alle wohltuend berühren, daß die Wiedererweckung und das Wiedererstehen unseres jüdischen Nationalbewußtseins segensreiche Fortschritte macht und daß wir, als die Pioniere dieser völkischen Bewegung, nun wackere und verständnisvolle Mitstreiter in unsern Brüdern in Ungarn gefunden haben." Graf Theodor Batthänyi, der Vizepräsident der Kossuthpartei, schrieb: „Wie Sie wohl wissen, hege ich für Ihre Bewegung großes Interesse und werde auch Ihre Landeskonferenz mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen; am persönlichen Erscheinen bin ich durch Unwohlsein gehindert." Überdies wurden noch mehr als 50 Telegramme, die aus allen Teilen Ungarns eingelangt waren, vorgelegt. Den Glanzpunkt des Meetings sowie der ganzen Konferenz bildete die Festrede des Reichsratsabgeordneten Adolf Stand. Mit minutenlangem, sich immer erneuerndem Beifall begrüßt, sprach er 11 2 Stunde in meisterhafter Weise über das" Wesen des Zionismus. Der Zionismus ist der Schlußstein von dem, was unsere Ahnen in Jahrhunderten an Kultur geschaffen haben. Auf die Frage, weshalb die Emanzipation vom Golus nicht schon früher stattgefunden habe, antwortete der illustre Redner: Die Juden waren noch vor wenigen Jahrzehnten der europäischen Kultur völlig entfremdet; überdies sei erst das XIX. Jahrhundert das Jahrhundert der Nationalbewegungen: die Einigung der deutschen, italienischen Nation, der Balkanvölker konnte erst in diesem Jahrhundert bewerkstelligt werden. Auch die Juden erklärten: Wir wollen ein Volk sein! Damit eine Idee zum Durchbruche komme, muß sie aber auch einen äußern Anstoß haben: die Judenheit war im Traume versunken, plötzlich in den 80er Jahren wurde sie aus dem Traume wachgerüttelt. Die Pogrome zwangen in Rußland Tausende Juden, zum Wanderstab zugreifen. Die Masse ging nach Amerika; es fand sich aber ein kleines Häuflein, die „Biiu", das nach Palästina den Weg nahm. Und seitdem ist Palästina nicht mehr das Land der Toten, es ist das Land des Frühlings, das Land neuen Lebens. Das Land, wo Milch und Honig fließt, das ist es nicht; schwer muß dort der Jude arbeiten um zu seinem Brote zu kommen; das ist aber nur ein Hindernis für die Satten und Zufriedenen, der Tatkräftige kennt dieses Hindernis nicht. Es gibt Juden, die behaupten, Zionismus sei Verrat am Vaterlande. Wir erfüllen in den Staaten, wo wir wohnen alle Bürgerpflichten. Die Juden sind Ungarn zu viel Dank verpflichtet, allein der Patriotismus verbietet nicht, daß sie ihren unglücklichen russischen, rumänischen und galizischen Brüdern zur Heimat verhelfen. Man behauptet auch, Zionismus sei Utopie, doch die Utopie von heute ist die Wirklichkeit von morgen. Auch Kolumbus und Stephensohn waren Utopisten! Der siegreiche Lauf einer lebenskräftigen Idee lasse sich nur verzögern, doch nicht aufhalten. Zionismus gab's schon vor Herzl: in Rußland wirkten die Pinsker, Achad-Haam, in Österreich Birnbaum, in Ungarn Dr. Rönai, doch zur Weltbewegung machte den Zionismus erst Herzl. Auch er war Utopist, . und doch brachte er, als die Reichen ihm ihre Unterstützung versagten, für seine Bank in wenigen Monaten von den Ärmsten der Armen 5 Millionen zusammen! Die Rabbiner warfen Herzl die „jüdische Mission" entgegen. Die Juden hätten die Mission, die Einheit Gottes, unter den Völkern zu predigen. Die Idee ist ebenso megaloman wie komisch. Ja, unter Hottentotten und Botokuden wäre dies noch möglich, aber nicht unter den hochzivilisierten Völkern Europas. Unsere Mission ist nur die Selbsterhaltung, und wenn wir Kultur verbreiten wollen, so ist nicht Europa der Platz