Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316376--51998-3345684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 24 DIE3^ELT 525 wisse Unart speziell berechneter Gesinnungsschnüffelei, die sich auf Liedertexte, vielleicht gar auf Melodien verlegt hat. Es wird schon bald so kommen, wie mit den Kindern in Wreschen... Herr Qoldberger, ein Finanzgenie, vielleicht auch ein Philanthrop, dem wir die aufrichtigste Hochachtung zollen möchten, hat sich auf ein Gebiet begeben, auf dem er sich unmöglich zurechtfinden kann. Gibt es hebräische Lieder, die nicht zionistisch sind? Und sind nicht die Psalmen auch zionistische Lieder? Oder sollen die Kinder in Palästina die Marseillaise singen? Wir resümieren: diese plötzliche Anrempelung des Zionismus ist eine traurige Episode. Wir belasten mit dieser Episode nicht die „Alliance Israelite Universelle", die wir kritisiert, und die uns kritisiert hat, mit der wir nicht immer zusammengehen, mit der wir aber für gemeinsame jüdische Zwecke zusammengehen können und wollen. Eine solche „Polemik" ist zwischen der „Alliance" und demZionismus nie geführt worden. Wir belasten auch Herrn G. mit dieser Improvisation nicht. Ein zänkischer, neidischer und tendenziöser Geist, der hinter den Kulissen wühlt, hat diese beispiellose Art giftiger Polemik in einen Bericht hineingebracht, für den nach allen Regeln und Gepflogenheiten der „Alliance" wie aller andern Organisationen nach dem gesunden englischen Grundsatz: „Mind your own business" die Beurteilung eigener Arbeit, die sachliche und ruhige Rechenschaft und nicht eine ungebetene, aufdringliche Suggerierung der türkischen Nationalisten oder eine Anschwärzung der „Konkurrenz" geboten ist. Nicht nur vom zionistischen, sondern auch vom allgemein-jüdischen Standpunkt muß diese Methode gebrandmarkt und es muß Vorsorge dafür getroffen werden, daß der gute Geist der Vereinigungsbestrebungen, der jetzt unter uns allen herrscht, nicht durch solche Überraschungen gestört werde. N. S. ^% r^? REVUE DER PRESSE Mesopotamien Einem Interview des „Jewish Chronicle" mit Jacob H. Schiff, der zurzeit in London weilt, entnehmen wir folgendes: „Ich bin glücklich, daß Sie zu mir kommen," begann Herr Schiff, „ich wünschte schon lange, etwas über Mesopotamien und eine jüdische Siedlung daselbst zu sagen. Die Berichte, die in den letzten Wochen über meine angebliche Verbindung mit einem Plane für eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien durch die Blätter gingen, sind durchaus unauthentisch. Ich bin nur insoweit für die Berichte verantwortlich, als ich meiner auf von mir eingezogenen Informationen aufgebauten Meinung Ausdruck gegeben habe, daß die Erschließung der Ebene des Euphrat und Tigris für eine jüdische Siedlung wünschenswert sei. Indessen habe ich ausdrücklich erklärt, daß, wenn dieser kolossale Plan — und es ist ein kolossaler Plan — in Erwägung gezogen werden sollte, er nicht der Plan irgendeiner Organisation sein kann, sondern daß die verschiedenen jüdischen Organisationen in einer sorgsamen Prüfung des Projektes zusammenarbeiten müssen. Dieses Zusammenarbeiten müßte von der „Jewish Colonisation Association" angeregt werden, sei es aus ihrer eigenen Initiative, sei es auf Ersuchen unserer führenden Organisationen. Die „Ica" ist nicht nur die mächtigste der jüdischen Organisationen, sie nimmt auch eine unvergleichliche Stellung ein. Sie ist konservativ und geschickt verwaltet, und jede ihrer Aktionen würde des Vertrauens der internationalen Judenheit sicher sein. Der Plan erfordert aber so große Mittel, daß er von jüdischen Organisationen allein nicht durchgeführt werden könnte, er müßte unbedingt die Hilfe des Staates genießen. Für die nötige Bewässerung des Euphrattales würden allein 40 bis 50 Millionen nötig sein." Auf die Frage des Interviewers, ob sich nicht eine Ansiedlung in Palästina billiger stellen würde, bekannte sich Herr Schiff als einen absoluten Gegner des Planes einer nationalen Kolonisation in Palästina. Er ist der Überzeugung, daß die neuen Verhältnisse in der Türkei der Wiederaufrichtung der jüdischen Nation in Palästina nicht günstig sind. Indessen würde eine autonome Siedlung in Mesopotamien gewiß ebenfalls die Gegnerschaft der Türken hervorrufen. „Ich habe keine Sympathie für irgendeinen Plan, der politische Bedingungen in sich begreift, wie z. B. die einer Autonomie oder Ähnliches, und werde keinerlei Anteil an einem derartigen Unternehmen nehmen. Ich möchte, daß die Juden nach Mesopotamien genau so gehen, wie sie jetzt nach Amerika gehen. Allen nationalen Plänen bin ich durchaus abgeneigt." Mit Bezug auf dieses Interview bemerkt der „Jewish.Chronicle" folgendes : „Das wichtige Interview mit Herrn Schiff über das Mesopotamienprojekt, das wir in der letzten Woche veröffentlichten, verstärkt den Eindruck, daß Mr. Zangwills jüngste Rede über diesen Gegenstand übel angebracht und unglücklich war. Hier haben wir einen ungeheuren Plan, der nach Mr. Schiff eine Ausgabe von einigen vierzig oder fünfzig Millionen in sich begreift und die Beobachtung höchsten Takts erforderlich macht, wenn die verschiedenen jüdischen Kolonisationsgesellschaften zur Verwirklichung des Planes vereinigt werden sollen. Das Selbstverständliche in einem solchen Falle ist, daß die Pläne für ein Zusammenwirken sorgsam überlegt werden, daß mindestens die Vorverhandlungen mit den türkischen Behörden eingeleitet werden; daß — möglicherweise —die Untersuchung des Landes ausgeführt wird, bevor der Plan durch eine der ihm gewogenen Parteien urbi et orbi hinaustrompetet wird. Statt dessen sahen wir, daß die jüngste und am wenigsten erfahrene dieser Parteien oder Organisationen mit wilder Überstürzung in die Öffentlichkeit stürmt, in herausforderndem Tone das Projekt als ihr eigenes ausschreit, obgleich es tatsächlich schon bestand, ehe noch einer an diese Organisation dachte, und ältere Organisationen einlädt, ihr nach Mesopotamien zu folgen, während man zu gleicher Zeit eine der Organisationen, deren Hilfe man anruft, mit der schroffen Waffe unverantwortlichen Humors verletzt. Dies mag ein ausgezeichneter Scherz für Amateurpolitiker sein. „Mais ce n'est pas la guerre." Es ist nicht einmal ein „Geschäft". Die Zionisten bleiben natürlich einem ihnen unter solchen Umständen angebotenen Projekt gegenüber zurückhaltend. Kolonisation in gewissen Gebieten und als eine philanthropische Unternehmung würden sie zweifellos unterstützen,aber man kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie abwartend auf einen Plan blicken, dem der Stempel eines Itoplans aufgedrückt worden ist. Kolonisation ist ein Ding, Itoismus ein ganz anderes, und Mr. Zangwill trug Sorge, das Mesopotamienprojekt als Kolonisation plus Itoismus hinauszustellen. Ganz getrennt von der Art der Vorbringung dieses Plans muß anderseits das Widerstreben der Zionisten gewürdigt werden, sich von ihrer ausgezeichneten Arbeit in Palästina ab- und einem Projekt zuzuwenden, das sich bis jetzt nicht einmal fähig erwiesen hat, auch nur die Scherze des Herrn Zangwill zu überleben. Der Augenblick ist schwerlich schon gekommen, wo der Zionismus nötig hätte, über seine Stellungnahme zu einem solchen kaum in den Grund iügen festgelegten Projekt zu debattieren. Wenn die Zeit gekommen sein wird, können wir uns nicht vorstellen, daß der Zionismus nicht die Bedeutung einer großen jüdischen Bewegung einsehen würde, die innerhalb der Sphäre, die er für seine eigenen Arbeiten ausgesucht hat, arbeiten wird. Die Zionisten werden sicherlichwünschen, ihre jüdischen Brüder in diesem Werke zu vereinigen, während sie zur selben Zeit unerschütterlich für ihre eigenen größern Ziele arbeiten, indem sie imm er als vorausgesetzt annehmen, daß ihre Mitwirkung in keiner Hinsicht bedeutet oder auch nur so gedeutet werden kann, als ob sie ihre zionistischen Grundsätze beiseite setzten oder gar verrieten. Unterdessen darf nicht außeracht gelassen werden, daß, wenn sich die mesopotamische Idee nicht wie so manche ihrer Vorgänger als Seifenblase erweisen soll, die Führung in der Sache, wie Herr Schiff vorschlägt, an eine nicht parteiische Organisation oder Person übertragen werden muß. Auch die 2*