Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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524 DIES§KELT No. 24 Kreise sich entwickeln zu lassen". Trotz der Qlätte der Sprache ist die Logik zwar etwas lendenlahm, denn hatte man eine „Gefahr" erkannt, so mußte man ihr entgegentreten, ob sie sich außerhalb oder innerhalb der Kreise entwickelte. Aber darüber wollen wir nicht streiten; die „Alliance" liebte die Ruhe, und „ein frommer Knecht war Fridolin". Ferner heißt es: „diese vorsichtige Haltung hat der „Alliance" die Feindschaft und den Spott der Zionisten eingetragen". Was soll man zu dieser Seltsamkeit noch sagen? So etwas nagelt man nur an, einer Widerlegung bedarf es nicht. Der Kraftausdruck „Feindschaft" klingt geradezu komisch; von Spott kann ebensowenig die Rede sein, Kritik wurde geübt, — nicht wegen der „vorsichtigen Haltung", sondern hauptsächlich wegen der Unzulänglichkeit des hebräischen Unterrichts, ein Obelstand, den die „Alliance" selbst zu erkennen beginnt. Und eine Tatsache ist es ja, daß Zionisten hier und da zu den eifrigsten Mitarbeitern der „Alliance" gehören! Wie kann man das mit „Feindschaft und Spott" vereinigen? Aber wir wollen uns darüber nicht aufhalten, weil das nur zum rückschauenden, historischen Teil gehört und Herr Goldberger, der eine Kapazität auf dem Gebiete der Financen ist, den Griffel der Klio nicht mit derselben Geschicklichkeit zu schwingen berufen ist wie den Rechenstift. Der Schwerpunkt liegt im nächstfolgenden Passus, der die Gegenwart behandelt. Die Ereignisse, meint Herr Goldberger, haben bewiesen, daß die Alliance recht hatte. In einem logischen Zusammenhang mit dem vorangehenden Satz müßte der Sinn darin bestehen, daß die Ereignisse die Gefährlichkeit des Zionismus für das Werk der „Alliance" und für die türkischen Juden bewiesen haben. Wie und wo haben die Ereignisse diese Gefährlichkeit bewiesen? Wo ist das Werk der „Alliance" vom Zionismus geschädigt worden? Soll das eine Schädigung sein, daß die Allianceschulen jetzt in ihrem Programm der hebräischen Sprache einen größern Raum gewähren? Und wo haben die Ereignisse die Gefährlichkeit des Zionismus für die türkischen Juden bewiesen? Haben die türkischen Juden vom Zionismus gelitten? Sind es nicht gerade türkische Juden, die sich jetzt, infolge der neuen Ereignisse, frei und in bester Harmonie mit ihrer ottomanischen Loyalität für den Zionsgedanken begeistern? All die Behauptungen des Herrn Goldberger schweben förmlich in der Luft. Und auf diese Halluzinationen hat Herr Goldberger eine These aufgebaut, die folgendermaßen lautet: „Gegenwärtig ist in der Türkei ein freiheitliches Regime auf* dem Marsche, und die Zionisten, die Überlegung besitzen urld offenen Auges sind, müssen zugestehen, daß ihre Projekte in der Türkei eine um so gewaltigere Gegnerschaft finden werden, als diese Gegnerschaft sich auf das plötzlich erwachte und gesteigerte Nationalgefühl stützt." Mit einfachem Worten heißt das: Die neue Türkei, die national sein wird, muß die zionistischen Projekte, die gegen die nationalen Interessen der Türkei gerichtet sind, mit der „gewaltigsten Gegnerschaft" bekämpfen. So glauben die Türken von Berlin W. Wenn die Türken von Konstantinopel und gerade diejenigen, die „die Ereignisse" geschaffen haben, nichts gegen die ottomanischen nationalen Interessen vonseiten des Zionismus befürchten, wenn ein Achmed Riza dem Zionismus freundlich gegenübersteht, wenn ein Riza-Tewfik, der hervorragendste Führer der jungtürkischen Intellektuellen, mit Enthusiasmus von der zionistischen Bewegung spricht, wenn mehrere türkische Blätter unsere Idee mit großer Anerkennung hervorheben, wenn unter jungtürkischen Juden in Saloniki zionistische Vereine entstehen, so kennen sie eben die nationalen Interessen der Türkei nicht. Herr Goldberger kennt diese Interessen besser und ist um ihre Wahrung mehr besorgt. Es ist die alte Geschichte mit den jüdischen Assimilanten, die immer und ewig im Namen der Nichtjuden sprechen und die den Nichtjuden die Vorurteile beibringen, die diese selbst in ihrer ursprünglichen Natürlichkeit mit ihrem einfachen Verstand gar nicht ahnen. Die Assimilanten haben sich schon zwischen uns und die Christen geschoben, nun möchten sie sich zwischen uns und die Mohammedanern schieben. Sie konstruieren eine gewaltige Gegnerschaft gegen die zionistischen Projekte, und — der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Gegen welche zionistischen Projekte? Denkt sich Herr G. die Türkei als einen assimilierenden, engherzigen, nationalistisch-einseitigen Staat? Licht, mehr Licht! Soll eine jüdische Heimstätte in Palästina gegen die Interessen der freien Türkei verstoßen? Soll es eine „gewaltige Gegnerschaft" hervorrufen, daß wir den jüdischen Geist erhalten, die nationale Sprache pflegen wollen? Welche Gefahr ist „bewiesen worden?" Wir wissen es nicht zu sagen und wir fürchten, Herr Goldberger auch nicht. Soll das Kritik sein oder etwas ganz anderes? Es klingt wie ein Vorspiel zu einem Angriff gegen den Hilfsverein der Deutschen Juden. Der arme Hilfsverein! Er wird wie Elisa ben Abuja „der Andere" genannt, er wird beschuldigt, mit den Zionisten Hand in Hand zu gehen und utopische Schöpfungen zu versuchen. Diese utopische Schöpfung ist das Technikum! Und das allerschlimmste, die Lehrer in den Kindergärten des Hilfsvereins sind Zionisten, und die Kinder singen hebräische zionistische Lieder. Das ist wirklich etwas ganz Schreckliches! Ein Märchenerzähler scheint hier sein Possenspiel getrieben zu haben; entweder hat die ehrenwerte Expedition, die eine blitzschnelle Hetztour durch den Orient gemacht hat, „Potemkinsche Dörfer" gesehen, oder Herr Goldberger ist dem holden Wahn verfallen, die Informationen, die ihm geliefert werden, seien wirklich baare Münze. Es dürfte bei ihm jetzt nicht gerade angenehme Gefühle auslösen, wenn er aus einer Richtigstellung, die bereits in der „Jüdischen Presse" erschienen ist, erfahren wird, wie tendenziös und aufgebauscht seine Nachrichten sind. In den Kindergärten des „Hilfsvereins" gibt es keinen einzigen Lehrer, sondern Lehrerinnen und es ist eine Gaukelphantasie, diesen Lehrerinnen auf Grund angeblich gesungener Lieder eine zionistische Propaganda zuzuschreiben, deren Gefahr bewiesen sein soll. Aber das ist das Opferlamm, dem es an die Wolle gehen soll! Die Zionswächter der „Gefahr", die ungebetenen Beschützer des neuen Regimes, die in dieser Form den „Hilfsverein Deutscher Juden" vor der türkischen Regierung . . . „kritisieren", wenn sie überhaupt etwas wissen, müßten ja auch gehört oder gelesen haben, daß der „Hilfsverein" in Palästina, gerade weil er nicht zionistisch genug ist, scharf angegriffen wird. Aber die Gewährsmänner des Herrn Goldberger liefern ihm nur das, was ihnen gerade in den Kram paßt. „Wir kennen dich, Spiegelberg". Das ist eine gewisse Art, richtiger eine ge-