Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 24 DIE3qKLT 523 Universelle" nahm einen höhern, allgemein-jüdischen Standpunkt ein. Wer das bestreiten will, verkennt das Wesen dieser alljüdischen Institution, indem er sich hinwegtäuschen läßt über den eigentlichen Kern ihrer Bestrebungen. Aber nicht nur die erste Glanzperiode der „Alliance Israelite Universelle", ihre ganze Tätigkeit legt beredtes Zeugnis für den unparteiischen Charakter ab, der ihren Grundzug bildet. Wohl haben wir dies und jenes an der Schultätigkeit dieser allgemein-jüdischen Gesellschaft gerügt; wohl tut es uns weh, wenn das unschätzbare Gut unserer Nation, die hebräische Sprache, nicht jene Pflege und Berücksichtigung findet, deren sie würdig ist, und diesem Gefühl haben wir oft und nachdrücklichst Ausdruck gegeben; aber niemals haben wir die Verdienste dieser Institution angefochten, ihre Bedeutung in Frage gestellt, ihr Grundprinzip verhöhnt oder die guten Absichten ihrer Leiter bezweifelt.' Und es muß festgestellt werden, daß die Pariser „Alliance" trotz der assimilatorischen Tendenz, die auf manchen Gebieten ihrer Tätigkeit besonders in den letzten Jahrzehnten zum Vorschein kam, nie die Grenzen der gebotenen Reserve überschritten hat, die das allgemeine jüdische Interesse vorzeichnet. Vielleicht mehr wortkarg als redselig beschränkt sich die „Alliance" auf ihre offiziellen Bulletins. Man kann ihr eher einen Vorwurf machen, daß sie zu bureaukratisch, als daß sie zu sensationell sei. Sie macht einen zu beschränkten Gebrauch von der Publizität, aber man muß es mit großer Anerkennung feststellen, daß sie zu viel Geschmack hat, als daß sie gegen jüdische Parteien Polemik machen oder sich zu diesem Zwecke einer „schnoderrigenSchornalistik" direkt oder indirekt bedienen könnte. Nie hat auch die Pariser „Alliance" gegen „konkurrierende Gesellschaften" irgend eine Fronde gemacht. Sie ist ihrer hohen Aufgabe zu sehr bewußt, als daß sie es nicht gern sehen würde, daß auch andere Kreise, die mit ihr nicht zusammen arbeiten wollen oder können, die in manchen Beziehungen anders als sie denken, nach ihrer Art das Hilfswerk fördern. Sie ist auch zu vornehm, um von der kleinlichen Leidenschaft der Schikanierung anderer beherrscht zu werden. Es besteht noch außerdem eine andere Grenze für die Kritik und die freie Diskussion unter den jüdischen Parteien und Organisationen, und das ist die Rücksicht auf den Eindruck und die Folgen nach außen. Man kann sich eine Kritik denken, die innere Meinungsverschiedenheitenbeleuchtet, die richtig oder falsch, gemäßigt oder überspannt sein mag; es existiert aber auch eine sogenannte Kritik, die bewußt oder unbewußt fatale Wirkungen nach außen haben kann. Der erstem möchten wir keine Schranken ziehen, wir halten sie sogar für nützlich. Wir müssen beispielsweise irgendeine spezielle Einrichtung der „Alliance" einer Kritik unterziehen; das ist unsere moralische Pflicht. Es ist eine arge Begriffsverwirrung, wenn man das „Angriffe" nennt. Wenn man einer französierenden Schultätigkeit gegenüber einen intensivem jüdischen Standpunkt vertritt, so ist das wiederum eine interne Frage. Das Kriterium ist hier die Möglichkeit oder die Unmöglichkeit einer schädlichen Wirkung nach außen. Es kann der „Alliance" keineswegs schaden, wenn wir sie einer antinationalen oder anationalen Methode zeihen; wohl könnte es ihr aber schaden, wenn wir die gegen sie erhobenen Anklagen, sie sei eine antistaatliche Internationale, in irgendeiner Form unterstützen würden, weil das ihre Stellung gefährden und ihren Gegnern Waffen liefern könnte. Das wäre keine Kritik, das wäre — um die Sache beim richtigen Namen zu nennen — Angeberei. Es wäre auch eine falsche und irreführende Angeberei, denn tatsächlich ist die „Alliance" ebensowenig eine antistaatliche Internationale, wie der Zionismus eine gegen die Integrität des türkischen Gesamtstaates gerichtete Bewegung ist. Die „Alliance" ist von Zeit zu Zeit gezwungen, gegen die erstere Verdächtigung anzukämpfen. Was hätte sie dazu gesagt, wenn jemand von uns ihr in den Rücken fallen und die Argumente ihrer Gegner bekräftigen würde? Das wäre der niederträchtigste Verrat an der allgemeinen jüdischen Sache, denn die Antisemiten könnten sich auf ein solches Zeugnis berufen und sagen: Seht, die Juden selbst geben das zu! Sie würden nicht sagen: das ist eine andere jüdische Partei, die, um ihr Mütchen zu kühlen, ihren Gegnern etwas am Zeuge zu flicken sucht, — das würde sie wohlweislich verschweigen, aber auf die Juden würde sie als auf die-kompetentesten Sachverständigen hinweisen. Dieselbe Notwendigkeit einer Rücksichtnahme auf die Möglichkeit einer Diskreditierung nach außen muß auch für die antizionistische Polemik gelten. Ja, sie muß in einem noch höhern Grade gelten, zumal die Schädigung der zionistischen Arbeit durch die Ausstreuung verdächtigender Insinuationen, die geeignet sind, einen unbegründeten Argwohn unter den Türken zu erzeugen, ein viel leichteres Herostrateswerk als die gegen die „Alliance" gerichteten antisemitischen Anklagen darstellt. Das sagten sich die „ Ailiance"-Kreise seit jeher, und es muß konstatiert werden, daß die Polemik von keiner Seite diese abschüssige Bahn betreten hat. Wenn das jetzt in dem Bericht des Geheimen Kommerzienrats Goldberger geschehen ist, so müssen wir es als eine beklagenswerte Episode bezeichnen, die weder mit den Methoden der „Alliance", noch mit deren Interessen, am allerwenigsten aber mit den Gesamtinteressen des Judentums in Einklang gebracht werden kann. Zu welchem Zweck polemisierte Herr Goldberger in einem Alliance"-Bericht gegen den Zionismus? In wessen Interesse lag es, diesem Bericht in der Presse die größtmögliche Verbreitung zu geben, und zwar so geflissentlich einseitig, daß die Debatte, die sich an den Bericht knüpfte und in der, wie wir hören, zionistischerseits die Anklagen widerlegt worden sind, in der großen Presse totgeschwiegen und nur durch die „Jüdische Rundschau" zur Kenntnis zionistischer Leser gelangt ist? Für die große Öffentlichkeit bleibt also dieses historische Dokument als die einzige maßgebende und authentische Lesart bestehen. Dieses unmotivierte und unzeitgemäße Auftreten wird wahrlich kein glänzendes Blatt in den Annalen der deutschen „Alliance Israelite" ausfüllen. Herr Goldberger meint, die „Alliance" habe schon lange die „Gefahr" des Zionismus für ihr Werk und für die türkischen Juden überhaupt erkannt. Er sagte dies zwar mit Vorbehalten und Einschränkungen, er streute darauf das Zuckerpulver: „der Zionismus sei den tiefern Gefühlen so manchen unter uns willkommen gewesen", aber all diese schönen Worte können über den Grundgedanken nicht hinwegtäuschen, die „Alliance" habe schon lange die „Gefahr" erkannt. Aber die „Alliance" war so großmütig, „die zionistische Bewegung außerhalb ihrer