Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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514 DIE ELT No. 23!f i!!> '! 3 *> \f Ii >#!l U Der Verfasser betont nachdrücklich den Nutzen, der dem Gesamtreiche durch eine starke Organisation der Juden erwachsen werde. Auch die Idee des Fortschrittes, insbesondere aber die nationale Entwicklung der Juden selbst werde durch eine solche Vereinigung gewinnen. Zum Schluß appelliert er an den Cercle des Intimes, er möge die Initiative zur Umsetzung dieses Gedankens in die Wirklichkeit ergreifen. In einem Nachwort erklärt darauf die Redaktion, daß sich der Klub bereits mit dieser Frage beschäftigt habe und daß die Redaktion selbst in der nächsten Nummer da^u Stellung nehmen wird. Die Griechen und die Blutlüge Seit einigen Monaten veröffentlichen die beiden hiesigen griechischen Zeitungen „Alitia" (Wahrheit) und „Pharos" (Leuchtturm) einen Roman, unter den Namen „Der Teufel in der Türkei". Eines seiner Kapitel ist der Ritualmordlüge gewidmet. Obwohl die beiden Zeitungen so klangvolle fortschrittliche Namen tragen, schämen sie sich nicht, sich damit zu Verbreitern dieser finstern Verleumdung, 211 machen. Man kann ohne weiteres annehmen, daß die Zeitungen damit tatsächlich nichts anderes beabsichtigen, als nach mittelalterlichem Vorbild die Leidenschaften des Pöbels gegen die Juden aufzureizen, weil die ökonomischen Hetzereien offenbar nicht genügen. Dieses schamlose und gefährliche Verhalten der genannten Blätter veranlaßte den hiesigen jüdischen Gemeindevorstand, bei den maßgebenden Stellen Schritte gegen'die Verleumder zu tun. Der Wali versprach, die beiden Zeitungen zur Einstellung der Veröffentlichung des Schundromans zu bewegen, was tatsächlich geschah. Der Chacharnbaschi Nahum in Konstantinopel, an den man sich gleichfalls gewendet hatte, begab sich zum griechischen Patriarch und der griechischen Synode, die dem hiesigen Metropoliten telegraphisch Weisung gaben, alles zu tun, um den Frieden zwischen den Juden und Griechen aufrecht zu erhalten. Der Chacharnbaschi informierte auch die Hohe Pforte über diese Angelegenheit und ersuchte sie, Schritte gegen die Hetzer zu unternehmen. Es ist zu hoffen, daß dieses energische Vorgehen genügen wird, um derartige schmähliche Versuche ein für allemal unmöglich zu machen. Die „Alitia" versucht sich damit herauszureden, daß sie selbst ihrem feuilletonistischen Teile jede Bedeutung abspricht und auf die politische Haltung des Blattes verweist, das sich in seinem allgemeinen Teile niemals zu derartigen Hetzereien gegen die Juden hergegeben habe. Man kann aber ruhig annehmen, daß auch der politischeTeilder Zeitung wahrscheinlich bald seinem feuilletonistischen geähnelt hab^n würde, wenn sich nicht die Juden rechtzeitig gewehrt hätten. Aus der zionistischen Bewegung Der Zionismus gewinnt immer neue Anhänger in Mazedonien. In der verflossenen Woche wurde in der Hafenstadt Cavallah ein zionistischer Verein unter dem Namen „Or Zion" gegründet. Der Verein bat den hiesigen Verein „Bnei Zion" um Überlassung von Schekeln. Cavallah zählt ungefähr 6000 jüdische Seelen. In Monastir wurden am Schewuothfeste im neu gegründeten „Klub Zion" verschiedene Vorträge über den Zionismus gehalten. Besonders hervorzuheben ist die Rede des Herrn Moise Benveniste, Direktors der dortigen Allianceschule. Die hiesige spaniolische Zeitung „El Avenir" teilt ihren Lesern mit, daß sie von jetzt ab eine besondere Rubrik für die Erörterung zionistischer Fragen einrichte. Auch die Revue „La Nation" hat bereits eine Reihe von schwungvollen Artikeln über den Zionismus gebracht. Deutschland Delegiertentag der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands Pfingsten tagte in Berlin in Anwesenheit von etwa 30 Delegierten der erste Delegiertentag der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Es wurde die Gründung eines Verbandes der Jugendvereine beschlossen, in den auf Verlangen der Großloge für Deutschland, die ihre geplante Subvention des Verbandes von der Annahme dieser Bestimmung abhängig machte, Jugendvereine mit politischer oder religiöser Tendenz nicht aufgenommen werden dürfen. Demnach sind zionistische Vereine von der Aufnahme in diesen Verband ausgeschlossen. Wir kommen auf die Angelegenheit noch in nächster Nummer zurück. Köln. Die Jüdische Lesehalle wurde seit Eröffnung ihres neuen Lokals in der Agrippastraße 19, d.i. vom 21. März bis einschließlich zum 10. Mai d. J., von insgesamt 1367 Lesern besucht. Die höchste Leserzahl betrug 78, die geringste 8. Gegenwärtig liegen 86 Zeitungen regelmäßig auf, die sich, wie folgt, verteilen: Deutsche Tageszeitungen...............5 Jüdische und hebräische Tageszeitungen........3 Jüdische Wochenblätter in deutscher Sprache......22 * Wochenblätter allgemeinen, politischen, literarischen und fachlichen Inhalts sowie Unterhaltungs- und Witzblätter 25 Jüdische Wochenblätter in jüdischer Sprache......8 „ „ „. polnischer „ ......1 „ „ „ französischer „ ......2 „ „ „ englischer „ ......8 „ rumänischer „ ......2 „ „ „ russischer „ ...... 1 „ „ „ ungarischer „ ......2 „ „ „ spaniolischer „ ...... 2 „ „ „ holländischer „ ......1 „ Monatsschriften in deutscher Sprache ..... 4 Außer den Lesestunden, die täglich von V28 Uhr, am Samstag und Sonntag von 1 Uhr nachmittags, bis 10 Uhr abends stattfinden, wird jeden Sonntag ein Vortragsabend abgehalten. Bisher fanden statt: zwei literarische, ein hygienischer und zwei Vorträge aus der jüdischen Geschichte sowie ein Diskussionsabend. Jeder Vortragsabend wurde von ungefähr 200 Personen besucht. Ferner wurde am 1. Mai ein Unterrichtskursus in deutscher Sprache (Lesen, Schreiben und Rechnen) errichtet, der vier Unterrichtsstunden in der Woche umfaßt und zurzeit von 37 Teilnehmern besucht wird. Die überaus rege Teilnahme an den bisher bestehenden Einrichtungen der Lesehalle, insbesondere seitens der Kölner ausländischen jüdischen Bevölkerung, rechtfertigt in vollem Maße die Erwartungen, die die Gründer und Leiter dieser Institution bei ihrer Schaffung hegten. Das Kuratorium der Lesehalle wird, ermutigt durch das bisherige gute Gedeihen, auch weiterhin an dem Ausbau der Lesehalle tätig sein. Neben den sozial-pädagogischen Zielen, wie die Errichtung weiterer Kurse aus allgemeinen und fachlichen Gebieten und Schaffung einer Bibliothek, soll auch der sozialen Fürsorge Rechnung getragen werden, für die innerhalb jener Kreise, die heute zumeist die Einrichtungen der Lesehalle in Anspruch nehmen, ein reiches Gebiet ersprießlicher Tätigkeit vorhanden ist. Durch die Unterstützung seitens der maßgebenden jüdischen Korporationen Kölns sowie einzelner hochherziger Stammesgenossen war es möglich, das gegenwärtig Vorhandene zu schaffen. Die Leitung rechnet auch bei der weitern Ausgestaltung der Lesehalle darauf, daß die Kölner Judenheit es als ihre Pflicht ansehen wird, der neuen Institution die tatkräftigste Unterstützung und Förderung zuteil werden zu lassen, um aus der Jüdischen Lesehalle eine jüdische Volksinstitution schaffen zu können, die nach allen Richtungen hin den vorhandenen Bedürfnissen entspricht. Als ein höchst erfreuliches Zeichen für das wachsende Verständnis der neuen Einrichtung gegenüber ist die hochherzige Spende von 100 Mark anzusehen, die Frau Amtsgerichtsrat Fleck zum Gedächtnis ihres verstorbenen Mannes der Jüdischen Lesehalle zugewendet hat. Das Kuratorium spricht an dieser Stelle der edlen Spenderin nochmals seinen Dank aus. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Berek Josselowitsch Am 5. Mai 1909 sind 100 Jahre verflossen seit dem Tode Berek Josselowitschs, des Obersten der polnischen Armee, des Helden der Napoleonkriege. Berek Josselowitsch wurde zu einer legendären Gestalt und lebt noch bis jetzt in der Volksphantasie als ein Symbol eines Juden, der ein polnischer Patriot war. Die ganze polnische Presse hat anläßlich dieses Gedenktages ausführliche Erinnerungen veröffentlicht und mit Wehmut der entfernten Zeit gedacht, in der die Juden zusammen mit den Polen um eine gemeinsame Freiheit heldenmütig gekämpft haben. Bemerkenswert sind gewisse Einzelheiten, die das Leben und die Tätigkeit Bereks betreffen. Am Ende des 18. Jahrhunderts ward in den polnischen Reichstag das Projekt einer Vollberechtigung für die Juden eingereicht, doch haben die damaligen politischen Ereignisse wichtigere Probleme in den Vordergrund gerückt und das Projekt blieb auf dem Papier. Jedoch haben die Reichstagsdebatten einen patriotischen Eifer unter den Juden hervorgerufen, und als es hieß, das Vaterland sei in Gefahr, da haben sich viele Juden den Reihen der Kämpfenden