Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316375--51985-3345670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— „Das Land ist für die Aufnahme jüdischer Kolonisten nicht vorbereitet. In die größern Städte könnten sie wohl immigrieren. Aber diese sind schon stark mit Juden besetzt, die wirtschaftlich sehr ungünstig gestellt sind. Diese städtischen Massen zu vermehren, ist wohl nicht, was wir wollten. Bleiben die Hinterländer, die Gebiete für Ackerbau. Dahin kann man bis auf weiteres die Juden nicht schicken. Das kann auch die türkische Regierung nicht." „Warum nicht?" — „Weil ihr selbst das Land noch nicht recht gehört. Sie müßte es eigentlich selbst erst erobern. Das alte Regime hatte nur in den Städten und ihrer näheren Umgebung eine wirkliche Herrschaft etabliert; tief ins Land hinein ist sie nicht vorgedrungen. Seit der Konstitution hat infolge der Wirren sogar in den Städten ihr Zügel nachgelassen, und auf dein Lande sind die Sicherheitsverhältnisse schlimmer als jemals. Schon immer waren die Araberstämme im Aufruhr. Immerhin hatte beispielsweise die Tigris- Schiffahrt vonstatten gehen können, die Unruhen bedrohten die Ufer und den Fluß selbst nicht so sehr. Gegenwärtig hat sogar diese Schiffahrt eingestellt werden müssen. Eine Ansiedlung von Juden auf diesen Gebieten ist unmöglich» Die Einheimischen werden sie sich nicht gefallen lassen. Sie werden ihr mit Waffengewalt begegnen." „Ich erinnere daran, daß in der ersten Zeit auch in Palästina die jüdischen Kolonisten sich gegen die Angriffe der Araber zu wehren hatten. Sie haben trotzdem diese Schwierigkeit überwunden." — „Ich glaube, daß die Dinge in Mesopotamien doch ernster liegen. Hier sind nicht einmal die einheimischen arabischen Bauern ihrer Äcker sicher. Die räuberischen Beduinen machen sie ihnen streitig; ihr Kampf ist dauernd. Neue Ansiedler werden beide zu Feinden haben. Glauben Sie, daß die jüdischen Immigranten gegen sie werden bestehen können? Ich glaube nicht einmal, daß türkische Mohadschirs es könnten." „Sind die Stämme gut bewaffnet?" — „Ich glaube das wohl. Sie haben alle Repetiergewehre." „Mesopotamien ist aber doch ein Land von ungeheuren Dimensionen. Gibt es keine Strecken, die unbewohnt sind?" — „Die mag es geben. Aber Sie werden begreifen, daß sie im Moment, da sie besiedelt werden, zu einem Anziehungspunkt für die Beduinen werden, die ihre Raubzüge dann dahin ausdehnen werden." „Haben Sie, Herr Deputierter, das Land einmal bereist?" — „Ja, ich kenne es. Ich hatte Empfehlungen an die Beduinenscheiks und unter ihnen Freunde. Sie begleiteten mich überall; sonst hätte ich wohl kaum durchdringen können." „Wie ist das Klima?" — „Auch das ist eine wichtige Frage. Mesopotamien ist eine heiße, sehr heiße Gegend. Die Juden der Städte sind zwar prächtig akklimatisiert, aber ob sie es draußen bei der Arbeit auf den Äckern aushalten werden, das muß erst dem Versuch überlassen bleiben. Zumal die Juden der nördlichen Auswanderungsländer .. „Das Klima eignet sich also vermutlich mehr für die orientalischen Juden, für die Jemeniten etwa, die ja auch vor andern für die Kolonisierung der heißen Jordansenke in Aussicht genommen sind." — „Ja, diesem heißesten Teile Palästinas mag das Klima entsprechen." „Gibt es auch Fieber?" — „Eine Krankheit des ganzen Landes ist es nicht. Aber es existiert natürlich da, wo abnorme Wasserverhältnisse sind, die durch Irrigationen zu beseitigen wären." „Ist eine Besiedelung vor Inangriffnahme und Durchführung dieser geplanten Irrigationen denkbar?" — „Nein. Sie setzt diese öffentlichen Arbeiten durchaus voraus. Bis die Wasser- und Kommunikationsverhältnisse geregelt sind, bietet sich für den Einwanderer keine Existenz." „Werden aber diese Arbeiten der Regierung nicht auf eben dieselben Schwierigkeiten, auf die Angriffe und Überfälle der Araber stoßen." — „Das ist zu erwarten." „Und was muß dagegen geschehen?" — „Die Regierung muß zu energischen Maßregeln schreiten. Ich sagte ja, sie muß sich das Land erobern. Eine militärische Expedition ist unumgänglich, und sie wird nicht genügen. Im ganzen Gebiet müssen Posten und Wachttruppen bleiben, zum mindesten acht- bis zehntausend Mann. Nur so kann die öffentliche Sicherheit auf die Dauer garantiert sein." „Ob die Regierung sich zu dieser Anstrengung entschließen wird?" — „Mag sein, aber kaum in naher Zeit. Sie wissen, daß dringendere Aufgaben zu bewältigen sind. Man braucht die Truppen einstweilen in Konstantinopel, in Armenien und Cilicien, vielleicht selbst in Albanien. Und für die Kosten sind auch noch die Mittel nicht da." „So werden also auch die Irrigationen noch warten müssen?" „— So ist es. Überdies werden ja die gewaltigen Arbeiten schon wegen der ungeheuren Mittel auf lange Jahre hinaus verteilt werden." „Und der Plan von Willcocks?" — „Dieser Plan ist eigentlich nur erst eine Vorstudie. Er bezieht sich einstweilen nur auf die Wiederherstellung früher bereits existierender BewässerungsmitteL Das Neue ist erst noch zu studieren." „Was denkt die Regierung einstweilen zu unternehmen?" — „Für dieses Jahr ist ein gewisser Kredit bewilligt zur Herstellung oder vielmehr Wiederherstellung eines Stauwerks am Euphrat nahe Musseib. Ein bedeutender Teil der Arbeit ist das nicht." „Also auch aus finanziellen Gründen wird eine Besiedlung Verzögerung erfahren müssen?" — „Zweifellos. Für die nächsten Jahre halte ich sie für ausgeschlossen. Es sei denn, daß . . . ." „Es sei denn . . .?" — „Daß die jüdischen Organisationen, die kolonisieren wollen, der türkischen Regierung die Mittel zur Verfügung stellen, um die Kosten der militärischen Expedition und der Erhaltung der Wachttruppen in Mesopotamien zu decken, sodann die Irrigation durchzuführen, worauf .sie die Einführung der Kolonisten und mit der Pflanzung beginnen können." „Das wird wohl einige Hunderte von Millionen erfordern?" — „Ganz sicher. Kennen Sie solche Organisationen?" „Ich kenne keine." — „Dann wird man eben Geduld haben müssen." Brief aus Saloniki (Von unserm Berichterstatter) Die jüdischen Frauen und die nationale Bewegung Seit dem Erscheinen der Halbmonatsschrift „La Nation", dem Organ des hiesigen „Cercle des Intimes", beginnen auch die hiesigen jüdischen Frauen sich mit der nationalen Bewegung zu beschäftigen. „La Nation" hat eine eigene Rubrik für die Frage der Teilnahme der Frauen an der nationalen Bewegung reserviert, worin bereits manche Frauen selbst durch Beiträge ihre schriftstellerische Gewandtheit und ihren Eifer für die nationale Sache bewiesen haben, während anderseits die Redaktion durch schwungvolle Artikel die jüdischen Frauen Salonikis zur Mitarbeit an der Sache der jüdischen Nation zu gewinnen sucht. Schon v haben einige Damen den Entschluß gefaßt, einen nationalen Frauenklub zu gründen. Zu diesem Entschlüsse wurden sie besonders angeregt durch die machtvolle und begeisternde Rede des Advokaten Moise Effendi Cohen, die dieser glänzende Redner anläßlich der Zeremonie der Bekleidung der Waisen am verflossenen Sonntag gehalten hat. Diese Feier, ein rein philanthropischer Akt, war in mannigfacher Hinsicht sehr interessant. Sie fand in der großen Synagoge der Talmud Thora Hagadol unter Teilnahme von Damen aller Bevölkerungsschichten, insbesondere auch der sozial höhergestellten, statt. Mehr als 600 Frauen und über 1000 Männer waren dabei anwesend. In seiner Rede beschäftigte sich Herr Cohen eingehend mit der Pflicht der Frauen, am nationalen Leben des Judentums tätigen Anteil zu nehmen. Er führte seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die großen Gestalten der jüdischen Frauen aus der Geschichte des jüdischen Volkes vor und forderte sie auf, ihnen nachzueifern. Die Rede machte einen tiefen Eindruck. Vierhundert Waisen wurden bei dieser Feier mit Kleidung versehen. Eine nationale Vereinigung sämtlicher türkischen Juden In ihrer Schewuothnummer bringt die Revue „La Nation" einen Leitartikel unter der Überschrift „Aufruf zur Gründung einer nationalen Liga der ottomanischen Juden". Ist dieser Artikel schon durch seinen Inhalt an und für sich sehr beachtenswert, so gewinnt er an Bedeutung dadurch, daß er aus der Feder des bekannten jüdischen Advokaten Albert Effendi Tarika, Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Smyrna, stammt. Herr Tarika erläutert in seinem Artikel die Notwendigkeit einer Vereinigung aller ottomanischen Juden zum Zwecke der Verteidigung ihrer nationalen Interessen. Er drückt die Befürchtung aus, daß es nicht sicher sei, daß nicht der Antisemitismus auch in die Türkei-eindringe, wenn auch eine solche Prüfung der bereits wahrnehmbaren Assimilationssucht mancher jüdischen Kreise voraussichtlich einen Damm setzen werde.