Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Lehr- und Jugendjahre fielen noch in die Zeit jenes großen Kampfes, jenes Zaubers der autodidaktischen „Haskalah". In seinen Kinderjahren war der Wilnaer „Schulhof" schon nicht mehr jener Ameisenhaufen von Aberglaube, Frömmigkeit, Mißwirtschaft und Bildungshaß, wie ihn J. L. Gordon in seinem erzählenden Gedichte: „Die zwei Jossef ben Schim'ons" so kraß schildert. Unter den strebsamem jungern litauischen Juden, die nicht alles Althergebrachte blindlings vergötterten, begannen die frühem Keime eines Bildungsbestrebens aus allen Ecken und Enden zu sprossen. Die Menasche aus Ilje, die Lewinsohn („Adam ha-Kohen" und sein Sohn Micha- Josef), die Plungjan und Schereschewski haben gezeigt, wie man das Alte mit dem Neuen harmonisch verbinden könne. Die Schriften dieser Bildungspioniere waren die erste Lektüre für den geweckten, modern fühlenden Sohn des alten frommen Synagogenkantors. Sie gaben ihm die ersten Anfänge, aus denen heraus er später nach und nach dazu gelangte, den hebräischen Styl so fein und zierlich, so leicht und fließend zu gestalten. Und mit der klassischen Sprache, die so alt und zugleich auch so jung war, ging auch eine ursprünglische jüdische Gesinnung auf den lernbegierigen Knaben über, lernte er auch originell, d. h. volkstümlich-jüdisch denken, beobachten und fühlen. Diese Art, deren Eigentümlichkeit von vielen ignoriert, von manchen mißverstanden wird, die Art hebräisch zu empfinden, den Scharfsinn, den Humor, die Poesie des jüdischen Lebens konnte man bei all den besten Wilnaer „Maskilim" wahrnehmen. Es ist nicht das Judentum, wie man es in Westeuropa auffaßt, gleichviel orthodox oder reformistisch, es ist weder Archäologie noch Theologie, es ist das Durchdrungensein von einem ganz eigenartigen jüdischen Volksgeist, in dem das Religiöse mit dem Nationalen zusammenfließt. Ein Selbstlerner blieb J. L. Kantor trotz seiner Studien in Shitomir und in Berlin, ein Selbstlerner im besten Sinne des Wortes. Der Wille ist alles in der Welt, und eiserner Wille hat Kantor zu hoher Bildung gebracht. Er besuchte die Rabbinerschule in Shitomir und absolvierte mit Erfolg seine medizinischen Studien in Berlin, wo er sich einer besondern auszeichnenden Aufmerksamkeit seitens Helmholtz' erfreute. Im Grunde seines Wesens blieb er aber der Enthusiast, der Intellektuelle, der Vertreter einer gewissen Epoche im russischen Judentum. Was J. L. Kantor zum Ausdruck brachte, war nicht „Berlin", sondern „Wilna",— vielleicht, wie bei vielen von uns, ein Gemisch von „Wilna" und „Berlin". Bei ihm war das Gemisch voll Harmonie. „Der innere Zwiespalt" kam bei Kantor sehr schwach zum Vorschein: Kantor ist ruhig und gemessen. Er hat jeder Zeile von seiner Hand den Stempel seiner balancierten Persönlichkeit aufgedrückt. Inmitten der Impressionen, Sensationen und Sezessionen der letzten Jahre hat eiserne vornehme Gesetztheit bewahrt, die vielleicht das bestimmende Moment für den Antritt eines Rabbineramtes war. Schon in Berlin war er der Hauptmitarbeiter Slominskis in der wöchentlichen „Hazephira", die IV2 Jahre lang dort erschien. Er war einer jener stillen Mitarbeiter, die den Lorbeer um die Schläfe des Redakteurs winden. Er schrieb auch manches Gediegene finden „Haschachar". Er hat Jahre hindurch beharrlich gearbeitet, bescheiden, geräuschlos, immer derselbe, der er als Junge war. Gegen Ende der achtziger Jahre kam er nach Petersburg, wo er seine Schwingen ungehindert entfalten konnte. Als gewandter russischer Stilist wurde er bald Redakteur des „Russki Jewrei". Er schrieb Leitartikel, Feuilletons, Rezensionen, Übersichten der Presse. Wir arbeiteten damals auf demselben Gebiete in zwei verschiedenen Orten und Sprachen. Unter uns entspannen sich oft Diskussionen. Im übrigen war es ganz so bestellt mit seiner russischen wie mit meiner polnischen Schriftstellerei: Nebenbeschäftigung, Akkomodation. Das Zentrum blieb für uns beide Hebräisch. Kantor schrieb für den Supplementsband meines „Haasyf" („Hamsasef") inhaltreiche Aufsätze. Der Stoff war mit seltener Gründlichkeit bearbeitet und in eine klare Form gebracht. Er schrieb auch oft im „HarneHz" und war einige Zeit Mitredakteur. Im Jahre 1881 begründete er die erste hebräische Tageszeitung „Hajom". Das war eine Tat. Wir konkurrierten miteinander: es hat auch nicht an manchen Reizungen gefehlt. Aber heute bei der zeitlichen Entfernung kann man sehen, wie edel dieser Kampf war im Vergleich mit dem neuen marktschreierischen Geplänkel. „Hazephira" und „Hameliz" begannen auch täglich zu erscheinen; der „Hajom" mußte nach zweijähriger Existenz eingehen, aber er hat in manchen Beziehungen gezeigt, wie man in einem guten Ton ein hebräisches Tageblatt redigieren kann. Kantor hatte auch während einer kurzen Zeit eine hebräische Monatsschrift: „Ben- Ami" herausgegeben, die vieles Gute enthielt. Die Entwicklung Kantors in seiner literarischen Frühzeit ist untrennbar verbunden mit der Entwicklung der bedeutungsvollen schriftstellerischen Gruppe der achtziger Jahre, die nicht nur für jene Zeit, sondern für die ganze neuzeitliche hebräische Literatur den Sauerteig bedeutet. Er diente von der Pike auf im Reiche des jüdischen Geistes: er begann als Korrespondent verschiedener Zeitungen und wurde nachher ein beständiger Mitarbeiter Slominskis. Es trieb ihn zu diesem Lehrer, von dem er ahnte, daß er aus ihm herausholen würde, was nur immer herauszuholen sei. Er kannte kein Loswettern, kein Stürmen und Drängen; er kannte auch nicht die schwebende Leichtigkeit, die Ungezwungenheit oder das geniale Nebeneinander der Gegensätze; er hatte etwas Sicheres und Feierliches, eine technische Klarheit ohne heftige Impulse, einen wohltuenden, zarten Ton, einen nüchternen, bürgerlichen Sinn. Seine publizistischen Arbeiten, sowohl die Leitartikel des „Hajom", wie die „Übersichten der innern Angelegenheiten" im „Russki Jewrei" haben etwas Umfriedetes. Sein hebräischer Stil macht einen traulichen Eindruck; er hat eine Neigung zum Purismus, aber doch drängt er sich nicht kalt und streng auf, er verrät einen Sinn für Sachlichkeit und ist von jeder Renommisterei frei. Es ist ein wohltemperierter Purismus, und wenn er etwas Talmudisches zitiert, so erkennt man den wahren Talmudisten, nicht Parvenü, sondern vom alten Adel. Er hat eben nicht etwasaus einem Zeitungsartikel ergattert, sondern er hat seinen Talmud schon früh und gründlich in einer Wilnaer „Jeschiwa" gelernt. Es ist Geist von unserm Geist. Mit reichem Wissen ausgestattet, im Gespräch geistvoll, war Kantor einer der populärsten Vertreter der jüdischen Intelligenz in Petersburg. Seine seelengute